Sonnen-Areal Löchgau Discounter oder historische Ortsmitte?

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Ein Norma-Markt beim alten Dorfkern wäre für den Bürgermeister die Lösung aller Einkaufsprobleme. Doch der Geschichtsverein meldet Bedenken an. Er befürchtet eine Verschandelung des Ortsbildes – und den Verlust geschichtsträchtiger Keller.

Gewölbe mit Tageslicht: die Keller auf dem Sonnen-Areal (hier der jüngere) reichen nur wenige Meter unter die Erde. Foto: factum/Granville
Gewölbe mit Tageslicht: die Keller auf dem Sonnen-Areal (hier der jüngere) reichen nur wenige Meter unter die Erde. Foto: factum/Granville

Löchgau - Diese Ironie verschlägt Gisela Happold die Sprache. Die Hobbyhistorikerin und Vorsitzende des Vereins Dorfbild Löchgau darf seit einigen Monaten keine Besucher mehr durch zwei Keller auf dem Areal der ehemaligen Gaststätte Sonne führen. Aus Brandschutzgründen, heißt es von der Verwaltung. Inzwischen hat die 65-Jährige einen Artikel im Geschichtsblatt gefunden, in dem der Baumeister eines der historischen Gewölbekeller, Melchior Knerz, als Fachmann im Brandschutzwesen bezeichnet wird.

Bereits 1564 habe Knerz den hinteren Rathausturm in Bietigheim gebaut: für Gisela Happold ein Beleg dafür, dass der ältere der beiden Löchgauer Sonnen-Keller ein wertvolles Zeugnis der Ortsgeschichte ist. Er künde noch von der Zeit, während der Löchgau an der wichtigen Handelsstraße in die Niederlande lag – mit Gaststätten zur Einkehr und Gewölbekellern zur Lagerung verderblicher Güter. „Diese Kellergewölbe haben Jahrhunderte und Kriege überdauert“, sagt Gisela Happold.

„Da zieht kein Lebensmittelladen mehr ein“

Möglicherweise müssen die Gewölbe aber schon bald weichen. Die Gemeindeverwaltung will, dass sich dort ein Discounter der Norma-Kette ansiedelt. „Sehr konstruktive Gespräche“, habe er mit den Norma-Vertretern geführt, sagt der Bürgermeister Robert Feil. Eine Umfrage bei den Bürgern habe ergeben, dass die Grundversorgung im Ortskern den Löchgauern sehr wichtig sei.

Seit Jahresbeginn können die Menschen nur noch im großen Edeka am Ortsrand für den täglichen Bedarf einkaufen. Ein Bonus-Markt, der etwa zwei Jahre lang in einem rund 600 Quadratmeter großen Laden im Ortskern untergebracht war, hat Ende 2014 geschlossen. „In diese Räume geht definitiv kein Lebensmitteleinzelhändler mehr rein“, ist Feil sicher. Norma sei die einzig greifbare Möglichkeit, im Ortskern für Belebung zu sorgen. „Ich bekomme überwiegend positive Rückmeldungen“, sagt Feil. Zumal die Keller nicht unter Denkmalschutz stünden.

„Wir Löchgauer haben etwas Schöneres verdient“

Das hält Gisela Happold nicht für den entscheidenden Punkt. „Haben wir Löchgauer nicht etwas Schöneres verdient als ein Norma-Bauwerk“, fragt sie – und das auch noch an einer Kreuzung, auf der täglich rund 20 000 Fahrzeuge unterwegs seien. Sie hätte sich einen städtebaulichen Wettbewerb für die Neugestaltung des Sonnen-Areals gewünscht. Die selbst ernannte Kämpferin gegen Geschichtsvergessenheit weiß durchaus prominente Mitstreiter in ihren Reihen. Neben ihrem Mann Paul – lange Jahre stellvertretender Bürgermeister – sind das vor allem der bekannte, in Löchgau wohnende Bildhauer Karl-Henning Seemann und der Ludwigsburger Stadthistoriker Albert Sting.

Besonders bedauerlich finden die Happolds, dass die Gemeinde und viele Bürger mit großem Aufwand dazu beigetragen hätten, das Sonnen-Areal schöner zu gestalten und die Keller dauerhaft zu sichern. Für mindestens 10 000 Euro sei der ältere Keller überdeckelt worden. Achtklässler haben im vorigen Sommer ein Vordach für den neueren Keller gebaut, der Historische Verein hat den Vorplatz bepflanzt und Karl-Henning Seemann stiftete eine Skulptur. „Das soll jetzt alles platt gemacht werden“, sagt Gisela Happold, „wir fühlen uns als engagierte Bürger missbraucht.“