Sonnenschutzmittel in der Diskussion Wie gut schützt Sonnencreme vor Krebs?

Sonnencreme oder -Spray schütze beim Sonnenbaden kaum vor Hautkrebs, sagt der Tübinger Dermatologe Claus Garbe. Foto: creativefamily/Adobe Stock

Hautkrebs ist die häufigste Krebserkrankung in Deutschland. Und die Zahlen steigen. Der Grund sei unvorsichtiges Verhalten, sagen Experten – und der Irrglaube, dass Cremes und Sprays Tumoren verhindern könnten.

Stuttgart - Hautkrebs entsteht vor allem durch zu viel Sonne auf der Haut. Lange galten deshalb auch Sonnencremes und -sprays als wirksamer Schutz. Doch das sei ein Irrglaube, sagt nun der Tübinger Hautkrebsexperte Claus Garbe.

 

Warum nehmen die Hautkrebs-Erkrankungen zu?

„Die Zahlen der Neuerkrankungen steigen so stark wie bei keiner anderen Krebsart“, sagt der Tübinger Dermatologe und Krebsexperte Claus Garbe beim Hautkrebskongress, der an diesem Donnerstag in Stuttgart begonnen hat. In den vergangenen 50 Jahren ist die Zahl der Erkrankungen um ein Fünffaches gestiegen. Bis zum Jahr 2030, sagt Garbe, werde sich die Rate wohl noch einmal verdoppeln. „Und das trotz der Aufklärung, die wir seit Jahren betreiben.“ Der Dermatologe führt die steigenden Zahlen auf das noch immer im Trend liegende Sonnenbaden zurück – und auf eine falsche Annahme zu Sonnenschutzmitteln.

Wie gut schützt Sonnencreme vor Hautkrebs?

Es sei ein weit verbreiteter Irrglaube, dass die Haut durch Sonnenschutzmittel komplett vor Hautkrebs geschützt werde, sagt Garbe. Sie verhindern höchstens Sonnenbrand. Der Leiter der Dermatoonkologie an der Universitäts-Hautklinik Tübingen verweist auf eine eigene große Studie mit 1800 Kindergartenkindern. „Das für uns überraschende Resultat war, dass Sonnenschutzmittel keinerlei Effekt auf die Entwicklung von Hautmutationen haben, Kleidung dagegen einen großen Unterschied macht.“ Schon sehr niedrige Dosen der schädlichen ultravioletten Sonnenstrahlung löse Veränderungen im Erbgut der Haut aus. Und die können das Krebsrisiko vergrößern.

Kann man sich das Eincremen also sparen?

Diese Schlussfolgerung könne man so nicht ziehen, sagt Peter von den Driesch, der das Zentrum für Dermatologie am Klinikum Stuttgart leitet. Sonnenschutzmittel würden die Haut durchaus wirksam vor schädlicher UV-Strahlung schützen. Nur: Sonnencreme verleite oftmals dazu, länger in der Sonne zu bleiben, als eigentlich gefahrlos möglich wäre. „Die Aufenthaltsdauer in der Sonne darf trotzdem nicht überspannt werden“, sagt von den Driesch. So könne man auch die Ergebnisse der angesprochenen Studie verstehen, die für Kinder keinen Effekt gezeigt habe. Viele Eltern würden ihre Kinder eingecremt häufig viel länger den Strahlen aussetzen, als deren Haut vertrage. Weil die Schutzmittel Sonnenbrand verhindern, falle der Warnmechanismus der Haut weg: „Das heißt aber nicht, dass man sich dann um ein Vielfaches länger in der prallen Sonne aufhalten sollte als ohne Sonnencreme“, sagt von den Driesch.

Wie kann man sich also gut schützen?

Das effektivste Mittel, um Hautkrebs vorzubeugen, sei der Schutz vor Sonnenstrahlung, sagen die Dermatologen. Sie raten generell dazu, intensive UV-Exposition und vor allem Sonnenbrände zu vermeiden. Zwar führt ein Sonnenbrand allein noch nicht zu Hautkrebs, doch im Laufe des Lebens wächst der Schaden – und das Risiko steigt, je länger und häufiger die ultraviolette Strahlung die Haut trifft. Insbesondere die ersten zehn Lebensjahre seien entscheidend, sagt Peter von den Driesch. Er empfiehlt, grundsätzlich die pralle Mittagssonne komplett zu vermeiden. „Zwischen halb zwölf und halb drei sollten Kinder – auch mit Schutz – nicht der Sonne ausgesetzt werden.“ Hinzu kommt, dass die meisten Menschen aber zu geringe Mengen von Sonnencreme benutzen, sie nicht gut verteilen und nicht häufig genug nachcremen, heißt es bei der Stiftung Warentest. Geringe Mengen an Creme reichten aber nicht aus, um wirksam vor UV-bedingten Hautveränderungen zu schützen, sagt Claus Garbe.

Welche Haut braucht welchen Schutz?

Unterschieden werden vier Hauttypen. Bei hellhäutigen Menschen mit blauen Augen und rötlichem Haar wirkt der Eigenschutz der Haut nur fünf bis zehn Minuten. Bei braunhaarigen Typen mit dunklem Teint und dunklen Augen sind es bis zu 30 Minuten. Die zwei mittleren Hauttypen liegen dazwischen. Sonnencreme verlängert die persönliche Eigenschutzzeit. Allerdings in der Praxis weit weniger, als der aufgedruckte Faktor vermuten ließe: Keine Schutzlotion decke außerdem das gesamte Spektrum der schädlichen UV-Strahlung ab, weshalb Fachgesellschaften Sonnencreme nur an dritter Stelle für den Hautschutz empfehlen. Wolken, Wasser und selbst eine natürliche Vorbräunung der Haut bieten darüber hinaus nur einen geringen Schutz. Und auch die UV-Strahlung in großer Höhe sollte nicht unterschätzt werden.

Welche Arten von Hautkrebs gibt es?

Hautkrebs ist mit 240 000 Neuerkrankungen im Jahr die häufigste Krebserkrankung in Deutschland. Unterschieden wird zwischen dem Hellen oder Weißen Hautkrebs und dem Schwarzen Hautkrebs. Allein an Letzterem, dem malignen Melanom, erkranken laut Robert-Koch-Institut jährlich rund 21 400 Menschen, etwa 3000 sterben daran. Frauen erkranken im Durchschnitt mit 60 Jahren, Männer sieben Jahre später. Dermatologen führen Schwarzem Hautkrebs vor allem auf zu viel Sonneneinstrahlung in der Kindheit und Jugend zurück. Der Weiße Hautkrebs entsteht aufgrund einer stetigen Dosis an UV-Strahlung. Betroffene sind beispielsweise Bauarbeiter und Gärtner, sowie Menschen, die sich regelmäßig sehr viel in der Sonne aufhalten. Während die weißen oder hellen Hautkrebstypen – also das Basaliom (Basalzellkrebs) und das Spinaliom (Plattenepithelkarzinom ) – relativ gute Heilungschancen haben, endet eine Erkrankung mit dem Schwarzen Hautkrebs oft tödlich. Ein Melanom bildet häufig schon früh, aber kaum sichtbar oder spürbar Metastasen in Lymphknoten und anderen Organen

Welche Maßnahmen dienen der Früherkennung von Hautkrebs?

Experten empfehlen das Hautkrebs-Screening. Ab dem 35. Lebensjahr haben gesetzlich Versicherte alle zwei Jahre Anspruch auf eine kostenlose Untersuchung der Haut. Viele Krankenkassen übernehmen laut Stiftung Warentest bereits vor dem 35. Lebensjahr die Kosten für den Check. Sollte der Arzt hierbei einen verdächtigen Befund entdecken, wird er zur Abklärung weitere Untersuchungen durchführen. Veränderungen der Haut sind meist mit bloßem Auge gut zu erkennen. Hautärzte empfehlen daher, zusätzlich eine regelmäßige Selbstuntersuchung der Haut durchzuführen.

In Deutschland gebe es inzwischen ein vergleichsweise gut etabliertes Hautkrebs-Screening, sagt der Stuttgarter Experte Peter von den Driesch. In den Niederlanden beispielsweise sei die systematische Früherkennung nicht etabliert – und entsprechend höher seien relativ gesehen die Zahlen jener, die an einem Melanom sterben. „Wir haben bei steigenden Erkrankungszahlen immerhin eine gleichbleibende Sterberate.“

Getestet wird derzeit auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Früherkennung: Computerprogramme könnten die Zuverlässigkeit von Melanomdiagnosen verbessern, heißt es beim Stuttgarter Hautkongress.

Wie gut ist Hautkrebs behandelbar?

Inzwischen gibt es durch die Immuntherapie sowie die Immuntherapie mit sogenannten Checkpoint-Inhibitoren gute Heilungschancen. Ansatz solcher Therapien ist es, die körpereigene Immunabwehr gegen die Krebszellen auszurichten. Denn Tumoren missbrauchen Immunkontrollpunkte oder Checkpoints, um die Abwehr des Körpers zu blockieren. Checkpoint-Inhibitoren lösen diese Blockade wieder auf. In Stuttgart stellen Experten nun Studien vor, die zeigen, dass diese zusätzliche Behandlung das Risiko einer Wiedererkrankung senkt. Weil die Ergebnisse gut sind, übernehmen Krankenkassen bereits die Behandlungskosten, heißt es auf dem Kongress. „Während vor einigen Jahren nur jeder zehnte Betroffene gut therapierbar war, gilt das heute immerhin für die Hälfte derer, bei denen bereits Metastasen gefunden wurden“, sagt Peter von den Driesch.

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