Sonnenuhren-Spezialist Yves Opizzo Der Mann der Stunde

Yves Opizzo Foto: Sabina Paries

Yves Opizzo aus Haigerloch zählt zu den renommiertesten Spezialisten für Sonnenuhren weltweit.

Wir brauchen keine Sonnenuhren mehr. Allerhöchstens vielleicht mal für den Fall, dass ein mehrtägiger Blackout der durchdigitalisierten Welt den Stecker ziehen sollte. Wo fände man dann eine? Öffentliche Plätze und Kirchtürme sind nur noch selten damit ausgestattet. Sonnenuhren sind von gestern.

 

Yves Opizzo baut sie dennoch. Pro Jahr vielleicht drei große Wanduhren und ein gutes halbes Dutzend kleine Exemplare. Robustes Lärchenholz eignet sich gut. Aber man kann so ein Ding aus allen möglichen Materialien bauen. Mit Putz und Farbe lässt es sich als Fresko an einer Wand anbringen. Es gibt stehende oder liegende Varianten aus Messing, Bronze, Aluminium, aus Kunststoff oder Marmor oder Kalk.

Im Römischen Freilichtmuseum Hechingen-Stein steht ein sechseinhalb Meter hoher, mit einer Silberkugel gekrönter Obelisk, der der Sonne als Zeiger dient. Die Menschen nicken, sagen: toll! Und verstehen meistens doch nichts. Oder halt nicht viel.

Ein komischer Beruf

Yves Opizzo steht an diesem Morgen in seiner Haigerlocher Werkstatt am Schraubstock und ist mit Feinarbeit beschäftigt. Schon als Bub hantierte er mit Holz. Zimmermann wollte er werden oder Schreiner. Noch bevor er in die Schule kam, schenkte ihm der Vater eine Werkzeugkiste. Die hat er immer noch. „Tolles handgefertigtes Werkzeug. So was gibt’s heute gar nicht mehr.“

Er habe einen komischen Beruf, sagt Opizzo. „Offiziell bin ich Gnomonist – ich entwickle und baue Sonnenuhren.“ Es wäre leicht, ihn Nerd, als Sonderling abzutun. Was er nicht ist. Opizzo, geboren in Marseille, ist mittendrin in seiner Welt und zugleich ein zugewandtes Mitglied der Gesellschaft.

Der 72-Jährige ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Früher verkaufte er auf Märkten Schmuck aus Südfrankreich und unterrichtete Französisch und Informatik. Er schreibt Bücher und Gedichte, gibt Kurse in Aikido, einer defensiven japanischen Kampfkunst. Wenn er vor seinen Kursteilnehmern kniet, kann es sein, dass er sagt: „Für mich gibt es fünf wichtige Personen auf der Welt. Was glaubt ihr, wer könnten diese fünf Personen sein? . . . Es sind die fünf Personen, die in diesem Moment vor mir sind.“

Opizzo ist Informatiker, ein schlauer, technikaffiner Kopf

Das Erstaunliche an einer Begegnung mit Yves Opizzo: Er bringt Ruhe in die Welt. Schwer zu sagen, ob ihn die stoisch langsame präzise Arbeit als Gnomonist zu dem gemacht hat – oder ob seine Ruhe ihn diese Arbeit erst hat finden lassen. In einer normierten und penibel nach Interessenlagen und Fachkönnen unterteilten Welt tut einer wie er sich etwas schwer. Gut, er hat in Aix-en-Provence Wirtschaftswissenschaften studiert („und war sogar gezwungen, etwas Jura mitzumachen“), er ist Informatiker, ein schlauer, technikaffiner Kopf. Aber eigentlich doch Kunsthandwerker, Philanthrop und zuweilen Chansonier.

Gewiss ist er auch Spiritualist, aber einer, der die Sachen durchdenkt und hinterfragt. Als er zwölf war, bekam er ein Fernrohr. Es war die Zeit, als in Frankreich Meldungen von Ufo-Sichtungen die Bevölkerung schalu machten. Noch als Student suchte Oppizo den Nachthimmel ab. Verschwand ein blinkender Satellit im Nichts, mochten andere an eine Erscheinung oder an Ufos glauben. Er wusste, der Satellit war lediglich in den Erdschatten eingetaucht. „Ein Ufo habe ich nie gesehen. Aber ohne Zweifel gibt es intelligentes Leben irgendwo da draußen.“

Sein Leben wäre anders verlaufen, wenn er mit seiner Frau Irene, einer Deutschen, in Abidjan, damals die Hauptstadt der Elfenbeinküste, geblieben wäre, wo er als Assistent an der Universität arbeitete. Stattdessen: Haigerloch. Irene fand hier Arbeit als Lehrerin. Yves sprach kein Deutsch, er fand keinen Job. „Das war sehr schwer!“ Er besann sich auf das, was er konnte: Mathematik, Astronomie. „Eine Sonnenuhr ist reine Positionsastronomie. Also habe ich einen VHS-Kurs auf Mittelschulen-Niveau entwickelt, etwas Trigonometrie, ein paar Formeln – und kein einziger Mensch meldete sich an.“

Im italienischen Brescia gewann er damit den ersten Preis

Schrieb er eben ein Buch. Und begann Sonnenuhren zu konstruieren. Im Auftrag eines Unternehmens in Nyons fertigte er rund 100 Pläne. Er baute Prototypen und schuf bis heute etwa 200 Uhren. Sie stehen, hängen, liegen auf Teneriffa, in Frankreich, im Deutschen Museum in München, in Tübingen, Herrenberg, Plochingen, vor dem Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen sowie verstreut auf der Schwäbischen Alb – in Bisingen, Brittheim, Erlaheim, Endingen, Gruol, Onstmettingen, Owingen, Gruol, Haigerloch. 2010 hat er mit der Konstruktion eines Himmelsapolyters zur Bestimmung von Erd-Längengraden für Aufsehen gesorgt. Beim internationalen Wettbewerb für Sonnenuhrenbauer im italienischen Brescia gewann er damit den ersten Preis.

In die turmhohe Uhr des Hechinger Freilichtmuseums investierte er ein Jahr Arbeit. „Wir haben uns entschlossen, nur die temporalen Stunden zu zeigen, so wie es die Römer mit Sicherheit gemacht haben. Dazu die Tierkreiszeichen“, sagt er.

Und dann wirds kompliziert: „Die benötigten Positionsdaten berechne ich mit eigenen Modula-2-Programmen auf einem alten PC, der DOS-Programme verarbeiten kann.“ Oppizo erzählt, wie er mit einem Laserstrahl die Sonne simuliert und die eruierten Daten in Azimut und Höhe umwandelt. Man muss ihm glauben, dass er so am Ende die exakte Position bestimmen kann. Weil er Mitglied im Museumsverein ist, hat er die ganze Arbeit gratis gemacht. „Für das große Geld“, sagt Oppizo, „bin ich verloren.“

Opizzo ist keiner, der mit Heldengeschichten hausieren geht

Man kann mit ihm über die Funktionsweise einer Sonnenuhr disputieren. Aber wenn man selbst wenig von Mathematik und Astronomie versteht, führt das zu nichts. Man kann ihn fragen, wie das gehen soll: Wissenschaftler zu sein und zugleich Spiritualist? Oder man kann sich von ihm erzählen lassen, wie er Polizisten einen Kurs in Aikido gab und wie er während dieser Zeit in Heidelberg einen wütenden Passanten außer Gefecht setzte, der im Begriff war auf seine Freundin einzuschlagen. Allein durch Ruhe und Konzentration, ohne den Mann auch nur anzurühren. Opizzo ist keiner, der mit Heldengeschichten hausieren geht, erst recht niemand, der andere missionieren will. Erzählt man ihm etwas, gibt er einem etwas zurück. Nimm und gib, so sein Leitspruch.

Wenn er sich in mathematische und astronomische Berechnungen versenken kann, wenn er nach akribischer Arbeit die Ergebnisse in handfeste Materie überträgt und gemeinsam mit anderen etwas baut, und sei es, weil er das am besten kann, eine Sonnenuhr, dann ist Yves Opizzo zufrieden und vielleicht so etwas wie ein glücklicher Mensch.

Selbstverständlich braucht die Welt Sonnenuhren! Die Beschäftigung damit ist so sinnhaft, wie einen Roman zu schreiben oder ein Motorrad in Einzelteile zu zerlegen und wieder zusammenzubauen oder auf dem Smartphone Aktienkurse zu verfolgen oder den Vogelzug zu studieren.

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