Sophia Flörsch und ihr Crash in Macau Tausend Schutzengel

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Die deutsche Rennfahrerin Sophia Flörsch hat in China einen Horrorcrash überlebt – und feiert Weihnachten deshalb ganz anders.

Moderator Markus Lanz  sagt mit Blumen Danke für das Gespräch mit Sophia Flörsch. Foto: Getty
Moderator Markus Lanz sagt mit Blumen Danke für das Gespräch mit Sophia Flörsch. Foto: Getty

Stuttgart - Mythos Macau! Die Stadt liegt 50 Kilometer westlich von Hongkong. Die Rennstrecke dort ist eine der gefährlichsten der Welt. Oft wird der Stadtkurs in einem Atemzug mit der grünen Hölle erwähnt, wenn es um die Frage geht, wo der Kick am höchsten ist. Doch solch einen Crash wie den am 18. November 2018 hat es sogar in Macau noch nie gegeben. Und schon gar nicht am Nürburgring.

Die Formel-3-Autos fuhren einen Rechtsknick, während irgendetwas Schwarzes über sie hinweg flog, einen Fangzaun durchbohrte und gegen ein mobiles Podest für Fotografen knallte. Das schwarze Etwas war ein Rennwagen, der während des Flugs und Einschlags – mit der Fahrzeugoberseite voraus – nur in Zeitlupe erkennbar war. Die schrecklichen Bilder ließen im ersten Moment nur zwei Möglichkeiten zu: entweder sind 1000 Schutzengel im Einsatz – oder der Pilot ist tot.

Der Pilot stellte sich später als Pilotin heraus, und die gute Nachricht war: Sie lebte! Sophia Flörsch war ansprechbar und wurde am nächsten Tag im Conde S. Januário Hospital in Macau operiert. Dort wurde ein Bruch des siebten Halswirbels behoben, auch eine Kompression des Wirbelkanals bekamen die Ärzte in den Griff, dabei war das Rückenmark zu 50 Prozent gequetscht. Heute präsentiert sich Sophia Flörsch nur noch hin und wieder mit Halskrause, kann alle Gliedmaßen bewegen, und wer ihren Horrorcrash mit dem Bahnrad-Unfall der querschnittsgelähmten Olympiasiegerin Kristina Vogel vergleicht, kommt zu dem Ergebnis: am 18. November geschah das Wunder von Macau.

„Es ist verrückt“

Sophia Flörsch sieht es auch so, und sie wird ein Weihnachten feiern wie noch keines in ihrem Leben. „Zu wissen, dass ich wenige Wochen danach fast alles wieder machen kann und nur noch leichte Schmerzen habe, ist verrückt“, sagt die 18 Jahre alte Münchnerin, an deren Hals ein lächerliches Pflaster die Operationsnarbe verdeckt – nach solch einem Einschlag! Purzelbäume kann sie noch nicht machen, sollte ruckartige Bewegungen vermeiden, und wenn sie länger sitzt, wird der Nacken etwas steif. Lappalien gemessen an dem, was hätte passieren können.

Sophia Flörsch ist hochbegabt – und selbstbewusst. Zu beobachten war es bei einem Lehrgang für Nachwuchsrennfahrer südlich von Nürnberg. Beim Tagesordnungspunkt Teambuilding hatte die blonde Pilotin alles im Griff: vor allem ihre männlichen Kollegen. Aufgabe war es, eine Holzseifenkiste zusammenzubauen. Weil die Truppe dafür nur eine Stunde Zeit hatte, verlangte Flörsch mit fester Stimme nach einer Unterlegscheibe, die einer der Jungs natürlich zügig aus der Werkzeugkiste kramte. Gemeinsam etwas zu schaffen war das Ziel. Zwei lesen die Pläne, zwei schrauben herum – so sieht das Zusammenspiel zwischen Ingenieuren und Mechanikern aus. Und ein Gruppenmitglied, resolut und aufgeweckt, gibt den Ton an: in diesem Fall Sophia Flörsch.

Bei dem Horrorunfall in Macau wurden noch weitere Personen verletzt, der Rennfahrer Shou Tsuboi, ein Streckenposten, zwei Fotografen. Das hat die junge Frau mitgenommen. Flörsch erfuhr davon erst am Abend von ihrem Vater. Als er ihr mitteilte, dass alle leben, brach sie in Tränen aus. „Es wäre für mich das Schlimmste gewesen, wenn bei dem Unfall anderen Menschen etwas Schlimmes passiert wäre“, sagt sie. 1000 Schutzengel – nicht nur für sie.

Immer volle Lotte

Ansonsten steht der Plan für die Zukunft schon fest: bald geht es weiter. Im Auto. Tempo 300, immer volle Lotte, und wer bremst, verliert – es ist im Motorsport das oberste Gebot. „Sobald sie wieder fit ist, stehen wir mit einem Auto für sie bereit“, sagt Rennstall-Chef Frits van Amersfoort vom gleichnamigen Formel-3-Team. Dann gibt Flörsch im Formula European Masters Gas, der Nachfolgeserie der Formel 3, die 2019 zum Rahmenprogramm der DTM-Serie gehört. Keine Sekunde hat sie ans Ende ihrer noch jungen Karriere gedacht. Sich am Limit zu bewegen, stets mit der einkalkulierten Gefahr, es ist ihr Leben. „Das alles jetzt wegen so einem Unfall aufzugeben, macht keinen Sinn“, sagt Flörsch, die vor ihrer Rückkehr aber noch einmal nach Macau reisen möchte. Um den Unfall zu verarbeiten, ihn zu verstehen, aber vor allem um mit ihm abzuschließen.

Das ist noch nicht passiert. Fast jeden dritten Tag sieht sich die Nachwuchspilotin das Horror-Video an. Und jedesmal denkt sie sich: „Puh, ob der da drin noch lebt?“ Mit mehr als 250 Kilometern pro Stunde flog sie ab. Sie kann sich an alles erinnern: Wie sie bei ausgezeichnetem Windschatten rauszuckte, um den Rivalen Jehan Daruvala zu überholen. Wie dieser dann aber verzögerte, sie auffuhr und den linken Reifen verlor. Wie sie bremste und die Kontrolle über den Boliden verlor. Wie sie in die Wand einschlug, woraufhin die spektakuläre Flugphase begann. Sophia Flörsch war nur noch Passagier. Als der Schrotthaufen nach dem Einschlag auf die Erde geplumpst war, spürte sie Schmerzen im Rücken und am Nacken. Sie wischte sich den Schaum des losgegangenen Feuerlöschers vom Helm und wusste: „Ich kann die Hände bewegen.“ Die an der oberen Cockpitwand aufgeschürften Schienbeine schmerzten zwar, doch wie ihr Schnelltest ergab, waren auch sie noch beweglich.

Der Traum von der Formel 1

Viele junge Frauen träumten und träumen von der Formel 1. Diejenigen, die nicht mehr an eine Zukunft in der Männerdomäne glauben, versuchen sich für die neu installierte Rennserie nur für Frauen zu empfehlen. Das kommt für Sophia Flörsch überhaupt nicht infrage. Ihr Zeitplan sieht vor, dass es „2022 oder 2023“ mit dem Formel-1-Engagement klappen soll. Sie wird nicht nachgeben, nein: Ihrem Naturell entsprechend kann sie es gar nicht. „Ich will keine Quotenfrau sein, sondern um Siege fahren“, erläutert sie ihren Anspruch.

Doch erst einmal ist Weihnachten. Im Kreis der Familie. Weit weg von Macau. Doch wird sich Sophia Flörsch daheim möglicherweise daran erinnern, dass die chinesischen Ärzte im November nicht von 1000 Schutzengeln sprachen. „Sie sagten, ich hatte davon eine Million.“