Sorge um das Zusammenleben Eine Frage von Verantwortung und Ehre

Werteorientiert: Nicola Leibinger-Kammüller Foto: Archiv/Jürgen Bach

Die auseinanderdriftende Gesellschaft beunruhigt auch hiesige Unternehmen. Dabei sind diese oft ein Vorbild für die Politik, meint unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Dieser Tage hat Nicola Leibinger-Kammüller dem „Spiegel“ ein interessantes Interview gegeben. Darin spricht die Chefin des Laser-Spezialisten Trumpf aus Ditzingen von einem „Gefühl der Beklemmung“. Neben globalen Problemen, etwa der wachsenden Vormachtstellung Chinas, benennt die bodenständige Unternehmerin Probleme vor der eigenen Haustür, etwa bei der inneren Sicherheit, die selbst im einstigen Musterländle so nicht mehr gegeben sei.

 

Die Familie Leibinger steht alles andere als im Ruf der Abgehobenheit. Im Gegenteil: Die Firmenphilosophie gilt als vorbildlich und werteorientiert. Die mittlerweile verstorbenen Eltern Doris und Berthold Leibinger waren kulturell wie sozial überaus engagiert. Nicht ohne Grund ist er Ditzinger Ehrenbürger, nach ihr wird jetzt die neue Grundschule benannt.

Und dann stimmt die jetzige Chefin in den Chor der Kassandrarufer ein und sieht nur das Schlechte? Das macht sie nicht. Sie bleibe immer „positiv und entschlossen“, sagt Leibinger-Kammüller. Sie benennt aber ganz klar die Probleme, die zur Entfremdung vieler Menschen beitragen: unkontrollierte Einwanderung, drohender Jobverlust und ein mulmiges Gefühl in den Städten.

Das sind nicht nur bundespolitische Probleme. Der Vertrauensverlust in die staatlichen Institutionen fängt vor der Haustür an. Etwa, wenn der Gang zum Meldeamt zur Glückssache und/oder zum zeitraubenden Ärgernis wird. Oder wenn der Landkreis Böblingen seine Zulassungsstelle in Leonberg einfach dicht macht. Jedes Unternehmen, das so vorgeht, wäre längst pleite.

Eher eine drittklassige Soap

Oder aber, wenn die Leonberger Erste Bürgermeisterin Josefa Schmid (FDP) seit mittlerweile einem Jahr im Zwangsurlaub ist. Das Regierungspräsidium, das als Aufsichtsbehörde die offiziell nicht bekannten Vorwürfe ihres Dienstherrn, Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD), prüfen soll, schweigt seither. Auch weil die Staatsanwaltschaft ermittelt, da sich Cohn und Schmid gegenseitig angezeigt haben.

All das erinnert eher an eine drittklassige Soap. Mit normaler Verwaltungsarbeit hat es nicht mehr viel gemein. Leonberg hat nun neben seinem berühmt-berüchtigten Stau-Dreieck ein weiteres bundesweites Alleinstellungsmerkmal, auf das die meisten wohl gerne verzichten würden. Zumal, neben dem Imageschaden, die Arbeit in der Verwaltung beeinträchtigt wird. Man muss also nicht immer nach Berlin schauen.

Das Fatale daran: Die explosive Mischung aus Frust, Verunsicherung und Angst entzieht auch jenen den Boden, die sich seit Jahren aufrichtig ehrenamtlich engagieren. Dazu zählen die Kommunalpolitiker, die unter zusehends schwierigeren Bedingungen mitunter hochkomplexe Aufgaben übernehmen – oder die zahlreichen Menschen, die sich in den unterschiedlichsten Vereinen und Verbänden engagieren. Und eben auch jene Unternehmen, zumeist sind es familiengeführte, die nicht nur Verantwortung für ihre Firma, die Belegschaft und ihren Standort übernehmen, sondern darüber hinaus sozial unterwegs sind – wie etwa die Leibingers.

Begriffe wie Ehre, Ehrlichkeit und Verantwortung klingen heutzutage ein wenig verstaubt. Dabei sind sie gerade in der Politik wichtiger denn je. Die Erkenntnis des großen Sozialdemokraten Kurt Schumacher, wonach Politik mit dem Betrachten der Wirklichkeit beginnt, hat sich bei vielen Akteuren noch nicht herumgesprochen - egal ob sie nun in einem Berliner Ministerium sitzen oder einem hiesigen Rathaus.

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