Sorge um Internationalität Studierende in Stuttgart lehnen Ausländergebühr ab

Jessie Lin (v.l.), Guilherme Amorim Franchi und  Asta-Vertreterin Sarah Graf studieren  an der Uni Hohenheim – und sind gegen Semestergebühren. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Jessie Lin (v.l.), Guilherme Amorim Franchi und Asta-Vertreterin Sarah Graf studieren an der Uni Hohenheim – und sind gegen Semestergebühren. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Der Vorstoß von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer zur Wiedereinführung von Studiengebühren trifft bei den Studierenden in Stuttgart auf Protest. Sie sehen Hohenheims Vorrangstellung schwinden.

Lokales: Inge Jacobs (ja)
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Stuttgart - Jessie Lin studiert seit zwei Jahren an der Uni Hohenheim den englischsprachigen Masterstudiengang Agrarökonomie. Die 31-Jährige aus dem US-Staat Utah hat bereits einen Master in Politik. Sie sagt, sie habe sich wegen der Studienqualität in Hohenheim eingeschrieben. Aber sie räumt auch ein: „Dass es an der Uni Hohenheim keine Studiengebühren gibt, hat wesentlich zur Wahl meines Studienorts beigetragen.“

Jessie Lin versteht nicht, weshalb Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) den Vorstoß gemacht hat, von ausländischen Studenten ab 2017/18 Gebühren von 1500 Euro pro Semester sowie 650 Euro für ein Zweitstudium zu verlangen. „Wenn in Baden-Württemberg Semestergebühren eingeführt werden, würde das dazu führen, dass Ausländer woanders studieren: in München, Gießen, Bonn oder Göttingen.“ Das könnte aus Lins Sicht zu einem Qualitätsverlust führen, auch für Hohenheim, das bisher „die Nummer eins in Germany in Agrarwissenschaften“ sei. „Denn einige der internationalen Studierenden, die hierher kommen, sind in ihrem Heimatland die Besten der Besten“, sagt Lin. Auch die Asten der Unis Hohenheim, Mannheim, Freiburg, des KIT, der Musikhochschule Freiburg sowie die Verfasste Studierendenschaft der Uni Konstanz lehnen die Einführung von Studiengebühren für Nicht-EU-Studierende ab.

Studierendenvertreter schreiben einen Protestbrief an Ministerin Bauer

Die Gründe dafür listen sie in einem Brief an die Ministerin auf. Demnach würde eine solche Maßnahme nicht dem Koalitionsvertrag entsprechen. In Hohenheim studieren derzeit rund 1250 Nicht-EU-Ausländer. Die ebenfalls von Bauer vorgeschlagene Erhöhung des Verwaltungskostenbeitrags um zehn Euro für jeden Studierenden würde den Vertrag gar brechen, so die Kritik. Die vom Land zugesicherte Planungssicherheit für Unis solle nun auf Kosten der Studierenden umgesetzt werden – „dies empfinden wir als Vertrauensbruch. Solche Studiengebühren durch die Hintertür lehnen wir ab“, heißt es in dem Brief. Auch vor dem Hintergrund wachsender fremdenfeindlicher Stimmung sehen die Asten eine Gebühr für Ausländer kritisch. „Internationale Studierende bereichern den akademischen und sozialen Unialltag“, heißt es in dem Brief. Und: „Der internationale Austausch von Menschen und Ideen ist eine Grundvoraussetzung für sehr gute Wissenschaft und eine wichtige Erfahrung für Studierende, Professoren und Angestellte.“ Studiengebühren könnten sich viele Ausländer nicht leisten.

Guilherme Amorim Franchi zum Beispiel. Der 24-jährige Brasilianer kann sich sein englischsprachiges Masterstudium der Agrarwissenschaften in den Tropen und Subtropen nur leisten, weil er ein Stipendium hat. Wie Jessie Lin arbeitet er in Hohenheim als Hiwi. Gui kam wegen er Forschungsqualität an die Uni und will gern in Deutschland bleiben. Der Kontakt sei über die Partnerschaft mit der Uni in Sao Paulo zustande gekommen, wo er studiert habe.

Auch ausländische Studenten schätzen ein internationales Studienumfeld

Käme die Gebühr für Ausländer, meint Gui, „dann wären die Unis in Baden-Württemberg für internationale Studierende nur noch zweite Wahl“. Lin vermutet: „Die Agrarwissenschaften würde das besonders hart treffen.“ Die Amerikanerin versteht nicht, dass in Deutschland, das viel Geld für Entwicklungsländer ausgebe, dieses Ziel durch die Einführung von Studiengebühren für Ausländer nun konterkariert werden solle. Gerade bei Themen wie der globalen Ernährungssicherung sei es doch vorteilhaft, wenn unter anderem Leute aus Entwicklungsländern an der Uni ihre Erfahrungen aus erster Hand einbringen könnten. Auch sie selbst empfindet das internationale Umfeld in Hohenheim als bereichernd. Die Uni hat sich erst vor Kurzem ihre „überdurchschnittliche Internationalität“ von der Hochschulrektorenkonferenz in einem Audit belegen lassen. Demnach liegt sie sowohl mit ihrem Anteil an internationalen Studiengängen von 32,5 Prozent als auch an ausländischen Studierenden (13,8 Prozent) über dem Durchschnitt deutscher Hochschulen.

Rektor Wolfram Ressel und die Landesrektoren stellen sich hinter Bauers Pläne

Wolfram Ressel, der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz und Rektor der Uni Stuttgart, sieht die Einführung von Gebühren für Nicht-EU-Ausländer sowie fürs Zweitstudium als „richtigen Schritt“. Eine Steigerung der Einnahmen sei besser als eine Ausgabenkürzung, so Ressel, die Hochschulen seien trotz Hochschulfinanzierungsvertrag weiter unterfinanziert. Viele Studierende aus Nicht-EU-Ländern seien weder bedürftig noch gebe es eine Verpflichtung des Landes, das Hochschulsystem dieser Länder durch einen kostenlosen Studienplatz in Baden-Württemberg zu entlasten, zitiert Ressel eine Erhebung. Vor Kurzem hatte er den hohen Ausländeranteil an seiner Uni (21,2 Prozent) kritisiert. Die Erhöhung der Verwaltungsgebühr für alle Studenten sei, so Ressel, „unangenehm, aber verkraftbar“.

Hohenheims Unirektor Stephan Dabbert hält Bauers Pläne für die „vertretbarste Alternative“, verweist aber auf die Sondersituation in Hohenheim mit vielen Studierenden aus Entwicklungsländern: „Hier müssen wir einen Weg finden, dass begabte und bedürftige Studierende aus diesen Ländern nicht von einem Studium abgeschreckt werden.“ Mit Bauer und den Studierenden sei er im Gespräch.

Der Vorstandsvorsitzende des Studierendenparlaments der Uni Stuttgart, Felix Wolff, betont: „Wir lehnen die Erhöhung des Verwaltungskostenbeitrags strikt ab. Eine Einführung von Gebühren für Nicht-EU-Studierende und für ein Zweitstudium gefällt uns natürlich auch nicht – wir haben jedoch Verständnis für diese Planungen und können die Intention dahinter nachvollziehen.“




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