Krimikolumne

Sorj Chalandon: „Rückkehr nach Killybegs“ Die Schönheit der Tapferen

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Weil ihn andere vorschnell zum Helden stilisiert haben, kommt ein IRA-Kämpfer in die Bredouille. In der Hitze des Gefechts hat er einen eigenen Mann erschossen. Der Franzose Sorj Chalandon berichtet kenntnisreich von einem Konflikt, in dem er einen Freund verloren hat.

Ein Konflikt, der für Außenstehende in seiner Bitterkeit kaum nachvollziehbar ist: Nordirlands Zwist zwischen .Katholiken und Protestanten, Nationalisten und Loyalisten. Foto: epa
Ein Konflikt, der für Außenstehende in seiner Bitterkeit kaum nachvollziehbar ist: Nordirlands Zwist zwischen .Katholiken und Protestanten, Nationalisten und Loyalisten. Foto: epa

Stuttgart - Eine Straßenschlacht in Belfast 1969. Im Schutz der britischen Armee verheeren irische Loyalisten die Straßen der Nationalisten. Sechs Kämpfer der IRA schlagen sie zurück, zwei werden dabei zu Helden ihrer Leute. Der eine posthum, denn er ist während des kurzen, aber heftigen Kampfes um eine Barrikade getötet worden, der andere, weil er mit einer Maschinenpistole wie ein Berserker gekämpft hat. Was keiner weiß, weil er danach wegen der Auswirkungen von Reizgas kein Wort sprechen kann: er, Tyrone Meehan, war es, der seinen Kameraden und Freund in der Hitze des Gefechts versehentlich tödlich getroffen hat.

Weil Tyrone schweigt, reden erst einmal andere. Und bis er sich wieder artikulieren kann, haben sie ihn zum Helden gemacht. Alle sprechen von ihm als dem Freund des Helden Danny Finley, der im Kampf gegen die Besatzer gestorben ist. Und schließlich spielt Tyrone selbst mit, aus Angst sich zu outen, aber auch, weil er berauscht ist von seinem Ruhm, den er bei jenen genießt, die er so bewundert. „An diesem Abend in meinem Club fühlte ich mich zu Hause. Nicht bei mir, sondern bei ihnen zu Hause, eingebrochen in die Schönheit der Tapferen.“

Vom Helden zum Verräter

Um Wahrheit, Unwahrheit und die Facetten dazwischen geht es in Sorje Chalandons Roman „Rückkehr nach Killybegs“, um scheinbares Heldentum und Verrat. „Traut meinen Feinden nicht und noch weniger meinen Freunden“, schreibt der alte Tyrone Jahrzehnte später in ein Schulheft, während er in seinem Elternhaus auf die Vollstrecker wartet, die ihn töten sollen. Mittlerweile ist er längst nicht mehr als Held, sondern von der IRA und seinen Landsleuten als Verräter gebrandmarkt. Und so schreibt er sein Leben auf, in einer nüchternen, lakonischen Sprache, die das Ungeheuerliche, das dieser Mensch erlebt hat, noch ungeheuerlicher macht.