Zeitungsausschnitte, Flyer, Aktenordner und die Gründungsurkunde mit dem gelb-blauen Logo liegen auf dem Küchentisch von Karina Klein, der Gründungspräsidentin. Das Fest am Samstag wird vorbereitet, und die nächsten Projekte mit der aktuellen Präsidentin Gudrun Weckmann-Lautsch besprochen – ein Flohmarkt zugunsten der Caritas in Afghanistan steht am 9. Oktober an. Das Thema Frauen auf der Flucht zieht sich als Leitmotiv „Heimat in der Fremde“ durch die Jahre.
Jesidische Mädchen gerettet
Die Tinte unter der Charter-Urkunde 2013 war kaum trocken, da machten die Esslinger SI-Frauen auf sich aufmerksam. Sie retten drei jesidische Mädchen aus dem Nordirak und brachten sie zu ihrer Familie nach Esslingen. Deren Mutter war 2009 mit zwei ihrer Kinder geflüchtet, drei Töchter musste sie bei den Großeltern zurücklassen. Im Nordirak entführte der IS junge Frauen, zwangsverheiratete sie an Kämpfer. Die Esslinger Frauen organisierten und bezahlten die Flucht der Mädchen über Ankara. „Das hat von Juni 2013 bis zum Februar 2014 gedauert“, sagt Karina Klein, die damals mit einer kurdischen Mitschwester nach Ankara geflogen war.
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Geflüchtete Frauen und ihre Probleme stellen sich oft auch in vermeintlichen Kleinigkeiten dar, wie Klein schildert. So organisierten die Esslinger Frauen Sprachunterricht nur für Frauen in der Flüchtlingsunterkunft in der Rennstraße. Kurse, die außerhalb stattfanden, hätten viele nicht besuchen können, etwa weil Ehemänner dagegen waren oder es keine Kinderbetreuung gab. Ein anderes Beispiel nennt Gudrun Weckmann-Lautsch: „Man hat den Frauen zwar eine Abtreibung bezahlt, aber die Kosten für Verhütungsmittel nicht übernommen.“ Ein weiterer Umstand, der durch das Engagement der SI-Frauen geändert wurde. „Es handelt sich ja nicht um bewusste Ausgrenzung oder böswilliges Vorgehen“, sagt Karina Klein, „aber durch Unbedachtheit entstehen viele blinde Flecken.“ Auch eine Nachmittagsbetreuung für Kinder aus Flüchtlingsfamilien konnten sie an Esslinger Schulen durchsetzen.
Ein andauerndes Thema für den lokalen Club ist die Prostitution. „Deutschland ist zum Paradies für Menschenhandel und Sexsklaverei geworden“, beklagt Klein. Frauen in Armut und ohne Perspektive würden angeworben, geschleust und verkauft – für die Soroptimistinnen eine moderne Form der Sklaverei. Zu diesem Thema laufen viele Veranstaltungen: In Vorträgen werden die „Mafiastrukturen“ des Markts dargestellt, Aussteigerinnen berichten über ihr Schicksal, Fachleute aus dem medizinischen, psychologischen und kriminalistischen Bereich informieren über das Vorgehen der Täter, die Leiden der Opfer und letztlich über die geringe Möglichkeit der Gesetzgeber, dagegen vorzugehen. SI Esslingen fordert ein Sexkauf-Verbot und damit die Kriminalisierung von Freiern sowie konkrete Ausstiegsangebote für Prostituierte – so wie es das Nordische Modell vorsieht, dem sich der Esslinger Club nun angeschlossen hat. Für Weckmann-Lautsch und Klein verstößt Prostitution gegen die Menschenrechte. „Was macht das mit Gleichberechtigung und mit einer Gesellschaft, in der weibliche Körper als Ware auf den Markt geworfen werden?“, fragt Karina Klein.
Alles dies sind Themen, die sich am Rand der Gesellschaft abspielen, ohne Glamour und ohne viel Öffentlichkeit. Dieser Umstand werde in den eigenen Reihen durchaus auch mal kontrovers diskutiert, wie Weckmann-Lautsch sagt. Da werde nach „netten Themen“, die Esslinger Mädchen und Frauen beträfen, gefragt. Karina Klein sieht gerade darin die Abgrenzung zu klassischen Herrenklubs wie Lions oder Rotarier: „Weniger Charity mit schönen Abendessen, dafür gesellschaftspolitisches Engagement.“
Beraterstatus bei den Vereinten Nationen
Hintergrund
Soroptimist International (SI) besteht seit 100 Jahren. Der internationale Club für berufstätige Frauen setzt sich für Frauenrechte, Bildung, Gleichberechtigung und Frieden ein. Sie nennen sich gegenseitig Soroptimistin, SI-Schwester oder Sorores. SI ist in 121 Ländern mit 72 000 Mitgliedern in über 3000 Clubs vertreten. SI ist mit Repräsentantinnen bei UN-Organisationen in New York, Genf, Wien und Paris vertreten. Im Europarat hat SI Europe beratenden Status.
Auszeichnung
SI Esslingen besteht seit 2013 und zählt 17 Mitglieder. Gründungspräsidentin war die Medizinerin Karina Klein. Aktuell leitet die Fachanwältin für Ausländer- und Asylrecht Gudrun Weckmann-Lautsch den Club. Die Frauen treffen sich einmal im Monat. 2015 ist SI Esslingen im Rahmen der Haecker-Preis-Verleihung mit der Ehrengabe der Stadt Esslingen für die Rettung der drei jesidischen Mädchen ausgezeichnet worden.
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