Sowjetische Atomtests Dunkle Erinnerungen

Von Ulla Lachauer 

Am Oberrhein leben Hunderte von russlanddeutschen Familien, die früher im Norden Kasachstan unter sowjetischen Atomtests litten. Ein Besuch bei Emil Staiger und seiner Enkelin Lilli.

Emil Staiger mit seiner Enkelin Lilli im Schrebergarten Foto: Ulla Lachauer
Emil Staiger mit seiner Enkelin Lilli im Schrebergarten Foto: Ulla Lachauer

Kirchzarten - Mir hen nix gwisst von dem Atom“, sagt Emil Staiger. Atom spricht er wie ein Russe aus, Betonung auf der ersten Silbe. Er ist ein kleiner, kompakter Mann von achtzig Jahren. „Keiner hot was wissa dirfe.“ Aus der Küche hört man schwäbische Wortfetzen. Töpfe klappern. Bevor sich das große Thema ausbreitet, tragen seine Frau Hulda und die Enkelin Lilli Golubzi auf, russische Krautwickel, dazu süßen georgischen Wein. Ein Sonntag in Kirchzarten am Fuß des Schwarzwalds.

„Mir hen den Pfifferling oft gsäha, mit Feir ond Staub ond elles.“ Viel mehr als diesen Satz wird Hulda Staiger an diesem Tag nicht herausbringen. Vierzehn war sie, als sie den Atompilz zum ersten Mal sah, 1949 im Dorf Sargal, das an das Testgelände grenzt. Ihr Mann ergreift das Wort: „Driabr hen mer nit geschwätzt friar.“ Emil Staiger ist einer der wenigen Zeitzeugen, die sich trauen, das Schweigen über eines der größten Verbrechen der Sowjetmacht zu brechen: die Atombombentests in der kasachischen Wüste und der menschenverachtende Umgang damit.

Mitte der neunziger Jahre sind die Staigers nach Deutschland ausgereist: Emil und Hulda, ihre beiden Töchter, die Schwiegersöhne, die Enkel. Einer davon ist Lilli, sie war fünf damals. Nach einem Jahr im Übergangswohnheim Kirchzarten haben sie sich im Ort sesshaft gemacht. Für die Kinder war es eher leicht. „Ich hatte eine schöne, sorglose Kindheit“, sagt Lilli. Emil Staiger hingegen, schon Anfang sechzig, landete auf dem Abstellgleis. Für den vitalen Mann, der in Semipalatinsk Leiter eines Zementwerks gewesen war und unbedingt schaffen wollte, gab es in der neuen Heimat keine Verwendung. Er jobbte mal hier, mal dort. Und weil alle Staigers zusammenhielten, kamen sie gut durch. Eine gemietete Etagenwohnung, ein Gärtle für jede Kleinfamilie, was will man mehr.

Eine enge Beziehung

Eigentlich sollte unser Treffen im Schrebergarten stattfinden. Doch es regnet in Strömen, über Kirchzarten kreisen Sommergewitter. Emil Staiger erzählt, und immer wieder mischt sich Lilli ein, die blonde junge Frau in einem bunten, kurzen Kleid. Der Großvater und seine Enkelin sind sich ganz offenbar sehr nahe. „I muss immer was mache“, sagt er. „I au“, sagt sie. „Genau. Akkurat. Man muss e Ziel han.“ Das ist immer seine Devise gewesen. „Sich um elles en Kopf mache.“ Ergänzt sie. „Typisch Widder.“ In diesem Sternzeichen sind sie geboren, im Jahr 1987 sie, 1934 er. „Mir senn boide ärnschde Mensche.“ Seit sie vor einigen Jahren ein gemeinsames Projekt begonnen haben, ist ihre Beziehung noch enger geworden.

Das Projekt heißt: Familiengeschichte. Eines Tages, ermüdet vom beruflichen Frust, beschloss Emil Staiger, sie zu erforschen. Endlich wieder etwas Sinnvolles tun! Lilli unterstützte ihn dabei, zeichnete Stammbäume und fügte die Recherchen zu Computerdateien zusammen. Am Ende entstand daraus ein dickes Buch: „Das Schicksal der Waldheimbewohner aus Georgien.“ Es schildert den Auszug der Staigers und anderer Bauern aus Schwaben zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die Gründung des Dorfes Waldheim in Georgien. Die spätere Deportation der Bewohner nach Nordkasachstan im Oktober 1941.

Emil war in diesem Jahr, als Hitler die Sowjetunion überfiel und Stalin an den Deutschen in der UdSSR Rache nahm, gerade sieben. Nur das Nötigste durften sie einpacken. Und rauf auf die mit Büffeln bespannten Wagen, dann per Bahn nach Baku, mit dem Schiff übers Kaspische Meer, bis sie schließlich ein Güterzug auf der nackten kasachischen Steppe abkippte. Viele starben unterwegs, auch Emils kleiner Bruder Ewald. Als die Überlebenden, darunter die sechsjährige Hulda, eine Nachbarin aus Waldheim, das Dorf Sargal erreichten, war Winter. Weihnachten herrschten 50 Grad Frost, das Obdach eine armselige Hütte.

„Der Pfifferling“ und „die Satansfaust“

„Unfassbar“, sagt Lilli Staiger. Es habe ihr wehgetan, dies in allen Details zu erfahren, sich ihren Großvater als kleinen Jungen vorzustellen, der nach der Deportation Zwangsarbeit verrichten muss, unter anderem als Viehhirte, und bis zum 13. Lebensjahr keine Schule besucht. „Unfassbar“, dass zu allem Leid ein weiteres kommt. Davon hatte Lilli bis dahin nicht mal andeutungsweise gehört: Nahe dem Dorf Sargal zündet die Sowjetmacht ihre erste Atombombe am 29. August 1949.

„Der Pfifferling“ und „die Satansfaust“, wie die Kasachen die Explosionswolke nannten, erschien mehrmals im Jahr. Oft ohne Vorwarnung, manchmal kündigten Soldaten eine „Sanjatie“, eine Militärübung, an. Türen schließen, hieß es, die Schornsteine mit Schaffellen zustopfen. Nur einmal wurden die Bewohner weggebracht, erinnert sich Emil Staiger, Sommer 1953, bevor eine große Wasserstoffbombe getestet wurde. Drei Monate hätten sie in einiger Entfernung auf offener Steppe verbracht. Danach sei es ihm gelungen, in die Stadt zu entfliehen, nach Semipalatinsk. Auch dort, 90 Kilometer von dem Testgelände entfernt, war das Beben zu spüren. „Do sind ällamol de Tasse in de Luft gsprunge.“

An diesem Nachmittag schüttet es über dem Schwarzwald. Wir essen Blintschiki, dünne Pfannkuchen mit selbst gekochter Himbeermarmelade. Immer wieder gießt die Ehefrau Hulda schwarzen Tee mit Milch nach. „Wann haben Sie begriffen, in welcher Gefahr Sie lebten?“ Die Staigers zögern. „Voll ond ganz, wo mer in Deutschland waret.“ Anfangs, so rekonstruieren sie, gab es das Sprechverbot. Zum Nachdenken kamen sie nicht so recht, das Lernen und Schaffen haben sie ausgefüllt. Emils Karriere vom Analphabeten zum Boss verschiedener Betriebe, Ehe, Kinder. Der frühe Tod einiger Angehöriger hat sie irritiert, das schon. Erst in den Achtzigern, mit Gorbatschows Glasnost, begann in Semipalatinsk eine öffentliche Diskussion.