Sozialarbeit in Corona-Zeiten „Ewig kann es so nicht weitergehen“

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Der Ludwigsburger Sozialarbeiter Jens Klingenberger erklärt, wie Jugendliche auf die Corona-Krise reagieren – und was ihm jetzt die größten Sorgen bereitet.

Jens Klingenberger im Gespräch mit einem Jugendlichen in Ludwigsburg. Foto: privat
Jens Klingenberger im Gespräch mit einem Jugendlichen in Ludwigsburg. Foto: privat

Ludwigsburg - Der Sozialarbeiter Jens Klingenberger achtet im Auftrag der Stadt Ludwigsburg darauf, dass Jugendliche sich an die Corona-Regeln halten. Im Interview erzählt der 48-Jährige, wie er die Stimmung in der Stadt wahrnimmt.

Herr Klingenberger, Frühling, die Sonne scheint, es ist warm – wie schwer ist es, gerade jetzt, Jugendliche davon abzuhalten, massenweise ins Freie zu strömen?

Am Anfang hatten viele die Regeln noch nicht verinnerlicht, aber das hat sich schnell geändert, nach wenigen Tagen. Es kommt nur noch sehr selten vor, dass meine Kollegen und ich größere Gruppen in Ludwigsburg antreffen.

Rund 20 Sozialarbeiter durchstreifen täglich die Stadt, Sie sind für Eglosheim zuständig. Gibt es geheime Treffpunkte?

An der Pädagogischen Hochschule, die Gegend ist ziemlich versteckt, nicht gut einsehbar. Oder an der Mehrzweckhalle. Auch das war eher am Anfang der Kontaktbeschränkungen so, inzwischen sind das Einzelfälle. Das gilt auch für das Phänomen, dass Jugendliche sich in Supermärkten treffen, was zunächst ja noch möglich war. Seit die Läden alle Ordner am Eingang postiert haben, ist das vorbei.

Also gibt es gar keine Probleme?

Vereinzelt gibt es die schon, und ganz in den Griff wird man das nicht kriegen. Vor allem nach den Wochenenden kommt es vor, dass manche Plätze vermüllt sind. Das deutet darauf hin, dass irgendjemand dort nachts gewesen ist. Grundsätzlich müssen wir jedoch festhalten, dass die Jugendlichen sehr verantwortungsvoll und verlässlich mit den Regeln umgehen.

Wie reagieren die Jugendlichen, wenn sie von Ihnen ermahnt werden?

Unsere Aufgabe ist eher, auf die Leute einzugehen und ihnen die Regeln zu erklären. Außerdem wollen wir auch während der Corona-Krise mit den Jugendlichen in Kontakt bleiben. Es geht also weniger darum, sie zu ermahnen. Wir verteilen auch keine Bußgelder, das macht der Kommunale Ordnungsdienst.

Aber auch Sie müssen dafür sorgen, dass die Menschen Abstand halten.

Ja. Darum sprechen wir die Jugendlichen an. Auch bei den Erwachsenen behalten wir die Lage im Blick und geben gegebenenfalls an den Ordnungsdienst weiter, welche Orte besonders frequentiert sind. Meine Erfahrung ist: Wenn man Menschen höflich anspricht, reagieren sie auch höflich. Ich habe bislang noch keine blöde Antwort gekriegt, wenn ich Jugendliche auf die Corona-Regeln hingewiesen habe.

Die ältere Generation schimpft gerne, die Jugend von heute sei respektlos.

Ich erlebe das anders. Wie schon gesagt: Am Anfang haben wir häufiger größere Gruppen im Freien gesehen, die sich offensichtlich nicht an die Regeln hielten. Aber das waren gleichermaßen Jugendliche wie Erwachsene. Jugendliche gucken vielleicht mal böse, wenn sie in Gruppen unterwegs sind. Aber wenn man sie mit Respekt behandelt, reagieren sie freundlich. Auch wenn sie es nicht zeigen, haben Jugendliche viel Respekt vor der älteren Generation. Diese Erfahrung haben auch meine Kollegen gemacht.

Wie nehmen Sie insgesamt die Atmosphäre in Ludwigsburg wahr? Sehen Sie erste Anzeichen für einen kollektiven Lagerkoller?

Nein, ich erlebe die Situation sehr entspannt. Die Menschen haben viel Verständnis für die Regeln.

Die meisten Jugendlichen würden zurzeit normalerweise zur Schule gehen und haben unverhofft viel Freizeit. Klappt das?

Jugendliche können sich ganz gut beschäftigen. Viele halten Kontakt in Sozialen Medien, schicken sich selbst gemachte Videos oder teilen Lieder untereinander. Und ich sage ihnen immer, dass sie die Zeit nutzen sollen: Gerade wer vorher Schwierigkeiten hatte, in der Schule mitzukommen, hat nun die Chance, viel aufzuholen. Aber natürlich sitzen manche auch einfach zu Hause und zocken Playstation. Für Eltern ist es schwierig, da die richtige Balance zu finden.

Hausaufgaben oder virtueller Unterricht können keinen regulären Schulunterricht ersetzen. Experten befürchten, dass deshalb die sozialen Unterschiede wachsen.

Diese Gefahr besteht, und diese Sorge habe auch ich. Dass die Schulen geschlossen sind, ist ein großes Problem, da geht viel verloren. Es gibt Schüler, die jetzt ihr Ding durchziehen, diszipliniert lernen und dabei von ihren Eltern unterstützt werden. Und es gibt andere Fälle, in denen Eltern sich weniger kümmern – und diese Schüler, die vielleicht sowieso schon Schwierigkeiten in der Schule haben, fallen jetzt noch weiter zurück. Es ist also durchaus möglich, dass die Schere weiter auseinandergeht, bis die Schulen wieder offen sind. Ich finde es daher gut, dass beschlossen wurde, die ersten Regeln zu lockern. Ewig kann es so nicht weitergehen. Zumindest zeitweise wieder Schule, ein geregelter Tagesablauf – das wäre für alle sehr wichtig.




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