Sozialarbeiter hilft Messies im Kreis Böblingen „Dinge sind kontrollierbar, sie gehen nicht weg“

Ein typischer Messie-Schreibtisch: Platz zum Schreiben gibt es darauf nicht mehr. Foto: /Stefanie Schlecht

Der Sozialarbeiter Joachim Schönstein weiß, wie es dazu kommt, dass Messies immer mehr anhäufen. Und er kennt Wege aus dem Dilemma.

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Joachim Schönstein leitet die Räumungshilfe des Vereins Fortis im Kreis Böblingen und hat schon viele Wohnungen gesehen, in denen eigentlich niemand mehr wohnen konnte. Er und sein Team helfen Menschen, die das ändern und wieder Platz zum Leben haben möchten. Das ist nicht immer einfach.

 

Joachim Schönstein Foto: privat

Herr Schönstein, wie wird jemand zum Messie?

Das ist was Schleichendes. Oft gibt es ein kritisches Lebensereignis, zum Beispiel geht eine Beziehung zu Ende. Menschen mit dieser Störung haben meistens schon einiges an Enttäuschungen und Traumatisierendem erlebt. Aus dieser psychischen Verfassung heraus belohnt man sich, gönnt sich etwas – wir kennen das alle. Aber bei Messies passiert das in übersteigertem Maß. Sie kaufen etwas Neues und behalten das Alte als Ersatz. Vom Neuen kaufen sie fünf Stück, in jeder Farbe eines. Allgemein gesagt: Ein Messie sammelt Gegenstände aller Art als Kompensation für einen psychischen Mangelzustand. Das heißt, Dinge treten an eine Stelle, wo eigentlich etwas anderes sein sollte wie Beziehung oder Sicherheit. Der Vorteil der gesammelten Dinge ist: Sie sind kontrollierbar, sie gehen nicht weg.

Was sammeln Messies?

Manche lagern Zeitungen und Werbeblätter, weil sie alles durchgearbeitet haben müssen, ehe sie sie wegwerfen können. Andere sammeln Bücher, Klamotten, Schuhe, Werkzeug, Elektronik oder DVDs. Man sieht oft den Versuch, eine Ordnung hinzubekommen, indem viele Kisten und Kartons angeschafft werden, aber es läuft dennoch aus dem Ruder. Es gibt auch Lebensmittelmessies. Die essen oft nur Sachen, die schon schlecht geworden sind, weil sie so viel kaufen, dass sie nicht hinterherkommen. Sie brauchen viel auf Lager, um sich sicher zu fühlen.

Ist Hygiene ein Problem?

Man muss unterscheiden zwischen Messies und Verwahrlosung. Das ist nicht das gleiche. Verwahrloste vermüllen, sie lassen sich gehen, putzen nicht mehr. Messies können manchmal hineingeraten in die Verwahrlosung, wenn alles so vollgestellt ist, dass sie nicht mehr hinkommen zum Putzen. Und es gibt ganz viel dazwischen.

Merkt man Personen an, dass sie zuhause im Chaos leben?

Nach außen erscheinen sie relativ normal. Sie gehen einer Arbeit nach und sind dort sehr ordentlich, eher sogar etwas übertrieben. Oft sind sie perfektionistisch.

Woher kommt dieser Drang, Dinge zu horten?

Das hat was mit Sucht zu tun. Sie reden sich ein: Das brauche ich, das gönne ich mir. Und es ist eine Form von Zwang, sich von etwas nicht trennen zu können. Das kann auch gefährlich sein, zum Beispiel wenn ein übervolles Bücherregal aufs Bett fällt oder beim Brandschutz.

Wie kriegen Messies das finanziell hin?

Da geht viel Geld drauf. Aber man braucht kein riesiges Budget – auch Sozialhilfeempfänger kriegen es hin, ihre Wohnung vollzumachen.

Blöd gefragt: Warum räumen Messies nicht auf?

Sie haben ein System und wissen ganz genau, wo was ist. Wenn man anfängt aufzuräumen, verlieren sie den Überblick.

Wie geht es Messies mit ihrer Unordnung?

Sie verzichten auf ganz viel: auf das Nutzen ihrer Wohnung, ihre Lebensqualität ist sehr eingeschränkt. Kontakte leiden, sie können niemanden mehr zu sich einladen. Das ist oft der Anlass, sich Hilfe zu holen. Sie sagen sich zum Beispiel: Ich will meinen Enkel wiedersehen.

Wie gehen Sie vor?

Erst gibt es ein erstes Treffen, eventuell außerhalb der Wohnung, um Vertrauen aufzubauen. Bei den Betroffenen ist viel Scham. Wir vermitteln: Wir kriegen das hin, wenn Sie bereit sind, die Dinge anzugehen. Während der Hilfsmaßnahme kommen wir wöchentlich vorbei. Wir gehen vom Leichten zum Schweren. Von Pfandflaschen können sich die Menschen leichter trennen. Spannend wird es, wenn wir zu den wichtigen Dingen kommen. Oft hilft es, wenn sie wissen, dass etwas weiterverwendet wird, wenn wir zum Beispiel Klamotten an die Diakonie geben. Grundsätzlich fangen wir mit den Funktionsräumen an, Küche, Bad. Sie können ihren Herd wieder benutzen. Wir putzen die Fenster, es fällt wieder Sonne rein. Die Wohnung wird wieder schöner.

Und bei den schwierigen Dingen?

Da muss man manchmal diskutieren. Aber wir nehmen nichts weg, was derjenige nicht will. Wir machen alles nur mit der Zustimmung der Menschen. Wenn wir das Gefühl haben, jemand geht über seine Grenzen, dann lassen wir es an dem Tag gut sein.

Gibt es Rückfälle?

Ja, manchmal kaufen sie während der Maßnahme wieder ein. Wir besprechen das. Steter Tropfen...

Brechen manche ab?

Ja, das kam schon vor. Es ist alles freiwillig. Wenn wir merken, die Person ist nicht mehr mit im Boot, stellen auch wir die Maßnahme ein.

Wie lange dauert die Maßnahme?

Nach acht Wochen Testphase können zweimal sechs Monate bewilligt werden und noch einmal drei Monate Nachsorge. Das wird vom Landratsamt finanziert. Wir haben danach nie eine Wohnung, die ein Fall ist für „Schöner Wohnen“. Aber wir schaffen eine Ordnung, die zu den Menschen passt und ihnen mehr Lebensqualität bringt. In manchen Fällen kommt nach der Maßnahme auch ein ambulant betreutes Wohnen in Frage.

Hilfe für Menschen, die es schwer haben

Vita
Joachim Schönstein, Jahrgang 1970, hat Soziale Arbeit mit dem Zusatz Familientherapie studiert. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er bei Fortis und hilft ambulant psychisch erkrankten Menschen. Er leitet Gesprächsgruppen und das Team Räumungshilfe.

Fortis
Der Verein hilft seit 51 Jahren Menschen, die straffällig waren, wohnungslos oder psychisch erkrankt sind oder eine Abhängigkeitserkrankung haben. Sie erhalten Beratung, Begleitung und Unterstützung in den Regionen Böblingen, Gärtringen, Herrenberg, Leonberg und Sindelfingen.

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