Sozialdemokraten im Kreis Böblingen Flucht nach vorn mit einem Karatekämpfer

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Von Frustration spürt man bei den Genossen im Kreis wenig – jedenfalls nicht auf ihrer Nominierungskonferenz. Im Gegenteil – ihr Ziel ist es, bei der Regionalwahl ein bis zwei Mandate mehr zu erhalten. Ein Hoffnungsträger ist der Juso-Chef Jan Hambach.

Jan Hambach hat es geschafft,  dass sich den Genossen vor allem wieder Jüngere angeschlossen haben. Foto: factum/Weise
Jan Hambach hat es geschafft, dass sich den Genossen vor allem wieder Jüngere angeschlossen haben. Foto: factum/Weise

Waldenbuch - „Bei uns läuft alles besser“, sagt Jan Hambach. Der Juso-Vorsitzende des Kreises Böblingen spielt auf das desaströse Ergebnis der SPD bei der Landtagswahl in Bayern an, die miese Stimmung an der Basis und die Querelen um die Neuausrichtung der Partei sowie das Postengeschacher anderorts um Listenplätze für die Wahlen im nächsten Jahr. Der Vorstand der Böblinger Kreis-SPD, dem Jan Hambach angehört, präsentierte am Freitag die Kandidatenliste für die Regionalwahl mit Jasmina Hostert an der Spitze. Die Kreisvorsitzende erhielt ebenso wie die anderen zehn Kandidaten auf dem elf Köpfe umfassenden Nominierungsvorschlag mit überwältigender Mehrheit ihr Plazet.

Kein Hauen und Stechen

Zumindest nach außen hin die Reihen fest geschlossen – so möchte die Kreis-SPD den kommenden Wahlkampf bestreiten. Natürlich werde in den Ortsgruppen heftig diskutiert, verrät Joachim Ottmar von der SPD in Herrenberg. Auch über die Große Koalition (GroKo) in Berlin und die künftige Positionierung. Nein, von Flügelkämpfen möchte er nicht sprechen, allerdings meldeten sich die Linken unter den Genossen am deutlichsten zu Wort. „Ja“, sagt Ottmar, wenn es nach ihm gehe, müsse entweder der Bundesminister Horst Seehofer (CSU) gehen oder die SPD die GroKo verlassen.

Von Frust ist im Waldenbucher Georg-Pfäfflin-Gemeindehaus nichts zu spüren. Einträchtig sitzen die 47 Mitglieder der Kreis-SPD zusammen. Bei den Wahlen und auch beim Punkt Verschiedenes gibt es nichts Kontroverses. Die Kreischefin Hostert wird mit 43 Ja-Stimmen für die Regionalwahl auf Platz eins nominiert. „Wir haben die Liste mit den Ortsverbänden abgestimmt“, erklärt Hambach. Ein Hauen und Stechen um die Platzierung habe es nicht gegeben. Man sei sich einig darüber gewesen, dass auf der Liste abwechselnd weibliche und männliche Aspiranten stehen. Die bisherige SPD-Regionalrätin Monika Hermann musste sich mit Platz drei zufrieden geben. „Unsere Kreischefin macht einen guten Job“, sagt die 35-Jährige von den Leonberger Genossen, „da stecke ich meine Ambitionen zurück.“

Nah bei den Menschen sein

Die Sozialpädagogin möchte dennoch wieder ins Regionalparlament einziehen, wo sie den Kreis Böblingen gemeinsam mit Felix Rapp vertritt. Vor vier Jahren erhielt die Kreis-SPD bei der Wahl 14,9 Prozent. Sie müsste nun wohl auf mehr als 20 Prozent kommen, um drei oder gar vier Mandate für sich zu beanspruchen. Das aber ist ihr ehrgeiziges Ziel, das aussieht wie eine Flucht nach vorn. „Möglich ist viel“, meint Kreisvorstand Norbert Gietz, „wenn sich die Wogen in Berlin glätten.“ Und wenn man Gas gebe und zur Sachpolitik zurückkehre, sagt Hambach.

Der Juso-Chef und die Kreisvorsitzende wollen weiterhin „nah bei den Menschen sein“, sich als Partei für soziale Gerechtigkeit noch deutlicher positionieren. Es geht um ein einheitliches Sozialticket, die Mobilität für Menschen mit wenig Geld, für bezahlbare Wohnungen und um eine bessere Kinderbetreuung. „Wir sind mit vielen Veranstaltungen vor Ort“, versichert Hambach.

Mehr Eintritte als Austritte

Als der Abiturient aus Renningen im Jahr 2012 vor seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften zur örtlichen SPD stieß, war er der einzige unter den Renninger Aktiven, der noch keine 50 Jahre alt war. Inzwischen gehören dem Ortsverband in Hambachs Altersklasse zehn Mitstreiter mehr an. Der gebürtige Leonberger ist 24, arbeitet in der Geschäftsführung der Industrie- und Handelskammer im Bezirk Böblingen, will für den Kreistag kandidieren – und er rührt agil wie kaum ein anderer die Werbetrommel.

Vor allem Jüngere haben deshalb zu den Genossen gefunden. In diesem Jahr kamen 115 Mitglieder dazu. Damit gehören 1109 Menschen dem Kreisverband an – Tendenz steigend. 70 seien ausgetreten, sagt Hostert. Zumeist sei es die Unzufriedenheit mit der Bundespolitik gewesen, sagt sie. Die 35-Jährige und der Jusochef, der als Karatesportler den braunen Gürtel trägt, wollen unverdrossen weiterkämpfen: „Was im nächsten Jahr ist, werden wir sehen.“