Soziale Heimstätte Erlach Wo Obdachlose eine Zuflucht finden

Von  

Sie flüchtete vor ihrem Mann, er ließ das Leben auf der Straße hinter sich, beide kämpften gegen ihre Alkoholsucht: Zwei Bewohner der Sozialen Heimstätte der Erlacher Höhe im Rems-Murr-Kreis erzählen ihre Geschichte.

Die Hündin Senta begleitet Regina Schwämmle seit 17 Jahren. Foto:   2 Bilder
Die Hündin Senta begleitet Regina Schwämmle seit 17 Jahren. Foto:  

Großerlach - Regina Schwämmle wird sehnsüchtig erwartet: Als die 55-Jährige die Tür zu ihrem Zimmer öffnet, steht Senta da, um sie zu begrüßen. 17 Jahre alt ist die Hündin, mit acht Wochen kam sie zu Regina Schwämmle. „Sie bedeutet mir sehr, sehr viel“, sagt Schwämmle. Senta war immer da, auch in den dunkelsten Zeiten ihres Lebens. Deshalb ist sie froh, dass in der Sozialen Heimstätte der Erlacher Höhe, einer Einrichtung für Wohnungslose, Hunde erlaubt sind. Schwämmle bewohnt auf dem weitläufigen Gelände in der Nähe von Großerlach ein kleines Ein-Zimmer-Apartment mit eigenem Bad, gegenüber der Wohnungstür befindet sich ein schmales Beet. „Da ziehe ich im Sommer Tomatenpflanzen“, erzählt sie stolz.

Sieben Stunden am Tag arbeitet die resolute Frau in der integrierten Sozialwerkstatt vor Ort. „Ich brauche noch Power“, sagt sie. Dass der überwiegende Teil der Menschen, die hier leben, Männer sind, stört Schwämmle inzwischen nicht mehr. „Jetzt klappt es wunderbar. Zuerst wollte ich nicht hier her, wegen der Männer. Und am Anfang war es auch ziemlich schwer, die versuchen, einen anzubaggern“, berichtet sie. „Aber die haben schnell begriffen, dass mit mir nicht gut Kirschenessen ist.“

Angst vor dem Ehemann

Das Wohnungslosenmilieu sei stark männergeprägt, erklärt Wilfried Karrer, der Leiter des Sozialdienstes. Komme es beispielsweise zu einer Ehekrise, bleibe die Frau oft mit den Kindern in der Wohnung, der Mann müsse gehen. Bei Regina Schwämmle war es anders. Als es in ihrer Ehe Probleme gab, griff sie zur Flasche und verbarrikadierte sich aus Angst vor ihrem Mann oben im Gästezimmer, wie sie erzählt. „Er wollte mich loswerden. ‚Die soll verrecken’, hat er gesagt.“ Freunde aus dem Hundesportverein hätten für sie eingekauft und ihr Lebensmittel gebracht, wenn ihr Mann nicht zu Hause war. Irgendwann hat eine Freundin dafür gesorgt, dass sie in ein Frauenhaus kam. „Wenn ich die nicht gehabt hätte – ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre“, sagt Schwämmle: „Ich war eigentlich gar nicht mehr ich selbst. Ich musste erst wieder zu Kräften kommen.“ Nach dem Aufenthalt im Frauenhaus wurde die Erlacher Höhe Regina Schwämmles Zuhause. „Jetzt bin ich stark genug. Die Ruhe hier hat mich stark gemacht“, sagt die 55-Jährige. Sie genieße es, wieder ihr eigner Herr zu sein.

Wenn Menschen auch mit ambulanter Unterstützung den Anforderungen des Alltags nicht mehr gewachsen seien, wenn sie es nicht schafften, sich Hilfe zu holen, Suchtprobleme hätten oder zunehmend verwahrlosten, dann fänden sie in der stationären Wohnungslosenhilfe einen Platz, erklärt Wilfried Karrer. „Es gibt eine große Nachfrage. Wir haben die Kapazitätsgrenze erreicht“, sagt Karl-Michael Mayer, der Leiter der Sozialen Heimstätte Erlach. Das liege unter anderem an der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt.

Jeden Tag wird gerungen

Auch Adam, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat seine Wohnung aufgeben müssen – nach 17 Jahren, in denen er trocken war, hatte ihn die Alkoholsucht wieder eingeholt. 2012 kam er deshalb in die Soziale Heimstätte. „Ich hatte alles verloren. Das tat weh im Herzen. Die ersten drei Jahre hier habe ich mich nur zugeschüttet“, sagt Adam.

„Man muss sich dessen bewusst sein, dass wir Menschen, die jahrzehntelang trinken, nicht von heute auf morgen davon abbringen können“, sagt Wilfried Karrer. Ein Anspruch der Erlacher Höhe sei es, jedem Bewohner ein „möglichst hohes Maß an Eigensinn“ zu lassen – auch denjenigen, die etwa an einem Messie-Syndrom litten. „Da gilt dann zum Beispiel, dass Wege zum Bett und zum Bad frei sein müssen. Es ist ein Aushandeln, da wird jeden Tag miteinander gerungen“, so Karrer. Die Beziehung zwischen Bewohner und Sozialarbeiter spielt dabei eine wichtige Rolle. „Alleine hätte ich es nie geschafft. Wenn ich nicht hier wäre, wäre ich wahrscheinlich am Alkohol gestorben“, sagt Adam. Seit 22 Monaten ist er wieder trocken.

Die Erinnerung an die Berge gibt Kraft

Adam wuchs im Kinderheim auf, seine Mutter war 16, als er geboren wurde. „Es war ein gutes Heim, ich hab mich dort wohlgefühlt“, berichtet der 62-Jährige. Er begann eine Lehre als Raumausstatter, die er abbrach, als sich seine leiblichen Eltern meldeten und wollten, dass er zu ihnen zog. Doch das ging nur ein Vierteljahr gut: Der Vater schlug die Mutter und die Geschwister – „da bin ich geflüchtet, auf die Straße.“ Nach fünf Jahren ohne Obdach vermittelte ein Pfarrer ihm ein Zimmer, Adam fand Arbeit, doch er schämte sich vor den Kollegen für die Schreibfehler, die er machte. „Ich war sehr schüchtern. Ich habe gemerkt, wenn ich Alkohol trinke, muss ich mich nicht schämen, dann bin ich lockerer.“ So rutschte er hinein in die Abhängigkeit, derer er sich lange Zeit nicht bewusst war.

Er machte einen Entzug, aber: „Ich hab mich hängen lassen.“ Er war wieder auf der Straße, wieder im Entzug, wieder auf der Straße – so ging es jahrelang. „Die Straße war ein Fluchtweg – ich musste immer flüchten können“, erklärt er. 1990 kam er erstmals mit der Erlacher Höhe in Kontakt. Einige Zeit später führte eine sechs Monate lange Entziehungskur zum Erfolg. „Da habe ich mein Leben Stück für Stück wieder aufgebaut“, sagt Adam – mit einer Wohnung, einer Arbeit und einem Hobby: dem Bergsteigen. Er war in Nepal und Tibet, stieg bis auf 6000 Meter hinauf. „Das ist immer noch in meinem Herzen. Was ich in den Bergen erlebt habe, gibt mir Kraft, dass ich weitermache, mich nicht hängen lasse.“ Langsam fasst Adam Hoffnung, irgendwann wieder alleine leben zu können. Er weiß: „Den Berg rauf ist’s immer schwer.“

Zahlen und Fakten: Die Soziale Heimstätte Erlacher Höhe

Wohnungslosenhilfe:
85 Plätze für wohnungslose Menschen bietet die Erlacher Höhe, ein überregionaler Verbund diakonischer Einrichtungen, in der Sozialen Heimstätte Erlach an. Die Menschen leben in Wohngruppen, Einzimmer-Apartments oder Wohncontainern. Jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer, nach Möglichkeit mit Nasszelle. Das Durchschnittsalter liegt bei 65 Jahren. Fünf Prozent sind Frauen.

Pflegeheim:
Zudem gibt es auf dem Gelände seit 2005 ein Pflegeheim mit 30 Plätzen. Es richtet sich vor allem an Menschen, bei denen besondere Lebensverhältnisse – etwa eine Suchterkrankung – mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind und die deshalb unter sozialer Isolation und Ausgrenzung leiden.

Historie:
Die Erlacher Höhe wurde 1891 als Arbeiterkolonie Erlach vom damaligen Verein für Arbeiterkolonien in Württemberg gegründet.