Soziale Klettergruppe in Stuttgart-Degerloch Flüchtlinge haben in der Höhe weniger Angst

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Jeden Mittwochabend gibt es eine soziale Klettergruppe im DAV-Kletterzentrum auf der Waldau in Stuttgart-Degerloch. Viele davon sind Flüchtlinge – aber nicht alle. Wir waren dort und sind mitgeklettert.

Vor zweieinhalb Jahren hat sich die soziale Klettergruppe gegründet. Seitdem wurden sieben Teilnehmer selbst Übungsleiter. Foto: Julia Bosch
Vor zweieinhalb Jahren hat sich die soziale Klettergruppe gegründet. Seitdem wurden sieben Teilnehmer selbst Übungsleiter. Foto: Julia Bosch

Degerloch - Anfangs mussten die Leiter der sozialen Klettergruppe immer mal wieder laut „stopp“ rufen. Wenn ein Flüchtling an der Kletterwand hing und nicht mehr weiterkam, wollten andere sofort hinterherklettern und ihm helfen – ohne jegliche Sicherung. Dann mussten die beiden ehrenamtlichen Gruppenleiter Sören Otto und Claudia Reschke erklären, dass es zu gefährlich ist, ohne Sicherung die Kletterwand hinaufzusteigen. „Wir haben gemerkt, dass viele Flüchtlinge angstfreier sind als wir. Die meisten haben schon ganz andere Dinge erlebt“, sagt Claudia Reschke.

Im Frühjahr 2016 haben sich einige Mitglieder der Stuttgarter Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) überlegt, dass sie eine Klettergruppe für Flüchtlinge und Menschen mit sozial schwachem Hintergrund bilden wollen. Um diese Menschen für das Klettern zu begeistern, sind die Leiter anfangs jeden Mittwoch vor Beginn der Kletterstunde durch das Flüchtlingsheim am Guts-Muths-Weg gelaufen und haben Bewohner angesprochen. Auch in anderen Unterkünften haben sie Werbung gemacht.

Die Teilnehmer sind zwischen zwölf und 40 Jahren

Seitdem trifft sich die soziale Klettergruppe jeden Mittwoch von 18 bis 20 Uhr im Kletterzentrum des Alpenvereins auf der Waldau. Meistens klettert etwa ein Dutzend mit. Die Mitglieder kommen aus ganz Stuttgart, teilweise auch aus Esslingen oder sogar von noch weiter her. Es sind nicht nur Menschen mit Fluchterfahrung; es ist zum Beispiel auch ein Mädchen dabei, das im Kinderheim groß geworden ist. Die meisten sind eher jung: Der Älteste ist 40, der Jüngste ist zwölf.

Mittlerweile müssen die Gruppenleiter nicht mehr erklären, warum die Teilnehmer nicht einfach so ohne Sicherung die Wand hinaufklettern können: „Die Kommunikation ist viel leichter geworden“, sagt der Gruppenleiter Sören Otto. Die meisten sprechen sehr gut Deutsch. Außerdem weiß nun so gut wie jeder, wie man einen anderen sichert, wie die wichtigsten Knoten funktionieren und dass man nie unter einer Kletterwand stehen sollte. Viele klettern so gut, dass sieben von ihnen inzwischen sogar selbst Ausbildungen zum Übungsleiter absolviert haben.

Anfangs skeptisch gewesen – und dann nicht mehr aufgehört

Einer von ihnen ist Farzad Hekmatullah. Der 19-jährige ist vor drei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet, heute lebt er in einer Studenten-WG in Esslingen. Durch das Klettern, seine Ausbildung zum Elektroniker und seine vielen deutschen Freunde spricht er fließend Deutsch. „Ich gehe etwa dreimal pro Woche klettern“, erzählt er. „Anfangs war ich skeptisch, aber mich hat ein Kumpel überredet, das Klettern mal auszuprobieren.“ Er hat nicht mehr aufgehört.

„Die Teilnehmer sind total motiviert, wir müssen da nichts mehr machen“, sagt der Gruppenleiter Sören Otto. „Sie wärmen sich selbstständig auf und fragen, ob sie den Schlüssel zum Materialraum haben können, damit sie alles vorbereiten und um 18 Uhr direkt losklettern können.“ Zusätzlich zu den Treffen mittwochs hat die Gruppe in diesem Jahr zwei Kletterausflüge auf die Schwäbische Alb unternommen. Außerdem feiern sie zusammen Geburtstage, machen eine Weihnachtsfeier und zelebrieren sogar den Nikolaustag. „Manchmal erzählen die Teilnehmer dann von ihrer Heimat und der Flucht. Das sind oft schlimme Geschichten“, sagt Claudia Reschke.

Eintrittsgelder werden übernommen

Die Eintrittsgelder ins Kletterzentrum werden bei denjenigen, die es selbst nicht bezahlen können, von Spenden, dem städtischen Sportamt und dem Energiekonzern EnBW bezahlt. Allerdings legen die Gruppenleiter Wert darauf, dass beileibe nicht nur Menschen mit sozial schwachem Hintergrund und Geflüchtete in der sozialen Gruppe mitklettern dürfen – vielmehr gehe es um echte Integration, also dass ganz unterschiedliche Menschen zusammen sind. Wer nicht bedürftig ist, bezahlt einfach das normale Eintrittsgeld fürs Kletterzentrum des DAV.

Wer in der sozialen Gruppe mitklettern will, sollte sich an die Geschäftsstelle der Stuttgarter Sektion des Alpenvereins wenden: 0711/3 42 24 00 oder per Mail an info@alpenverein-stuttgart.de. Die Teilnehmer treffen sich mittwochs von 18 bis 20 Uhr im DAV-Kletterzentrum, Friedrich-Strobel-Weg 3.

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