Soziale Medien Stuttgarter Forscher warnt vor Facebook und Co.

Bizarrer Widerspruch: Das Netz ermöglich mehr Information  denn je – für die Meinungsbildung ist das aber nicht immer hilfreich. Foto: StZ
Bizarrer Widerspruch: Das Netz ermöglich mehr Information denn je – für die Meinungsbildung ist das aber nicht immer hilfreich. Foto: StZ

Dank Suchmaschinen und sozialer Medien scheint der Zugang zu Informationen grenzenlos. Trotzdem gibt es mehr Desinformation denn je, sagt der Stuttgarter Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger.

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Stuttgart - Die Kluft scheint unüberbrückbar: hier die Wutbürger, dort die sogenannten Eliten aus Wirtschaft, Politik und Medien. Eine gewisse Diskrepanz hat es schon immer gegeben, aber nie waren die beiden Seiten so unversöhnlich. Diese Entwicklung hat mehrere Gründe. Viele Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg oder kommen schlicht mit dem immer rasanteren Wandel der Welt nicht zurecht.

Eine ganz wesentliche Ursache ist laut Wolfgang Schweiger jedoch das Internet. Der Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Stuttgarter Universität Hohenheim hat eine ebenso lapidare wie plausible Begründung für seine These. In der Einleitung zu seinem profunden Buch über „(Des)informierte Bürger im Netz“ schreibt er: „Wenn Bürger irrational agieren und gegen ihre eigenen Interessen wählen, müssen sie schlicht unzureichend oder falsch informiert sein.“ Er weiß auch, warum: „Eine zunehmende Zahl von Menschen hat heute nur noch sporadischen Kontakt mit journalistischen Nachrichten oder lehnt sie gar kategorisch ab.“ Das ist das Paradoxon des Informationszeitalters: Noch nie hatten die Menschen Zugang zu soviel Information wie heute, noch nie waren sie in Relation zu diesem Potenzial derart schlecht informiert.

Schweiger bevorzugt die Bezeichnung „desinformiert“, denn an die Stelle etablierter Qualitätsmedien wie Tages- und Wochenzeitungen, Nachrichtenmagazinen sowie ARD und ZDF sind nun alternative Medien getreten. Sie sind die Urheber der vielen kursierenden „gefühlten Wahrheiten, Hassbotschaften, Fälschungen und Gerüchten“. Weil alle Treffer in den Ergebnislisten von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken wie Facebook gleichberechtigt nebeneinander stehen, falle es vielen Menschen „sehr schwer zu differenzieren, ob eine Information aus einer verlässlichen journalistischen Quelle stammt oder ob sie von obskuren Verschwörungstheoretikern in die Welt gesetzt worden ist.“

Die Bildungsmitte ist besonders gefährdet

Besonders anfällig für „Desinformation“ ist laut Schweiger die „politische Bildungsmitte“, seiner Schätzung nach elf Millionen Menschen: „Viele Mediennutzer bringen weder die politische Kompetenz noch die Medienkompetenz mit, die nötig wäre, um die Fülle und Vielfalt an Informationen, die das Internet bietet, wirklich beurteilen zu können. Sie sind überfordert, wenn es darum geht, ‚Fake News’ zu erkennen und komplexe Sachverhalte richtig einzuschätzen. Ihre Informationsquellen waren früher die ‚Bild’-Zeitung und ‚RTL aktuell’; die klassischen journalistischen Qualitätsmarken sind ihnen häufig gar nicht geläufig. Deshalb sind sie anfällig dafür, Populisten auf den Leim zu gehen.“

In diesem Zusammenhang spielen „Filterblasen“ und „Echokammern“ eine wichtige Rolle. Jeder Mensch neigt laut Schweiger dazu, „Medieninhalte zu bevorzugen, die seinen Einstellungen und Interessen entsprechen. Die Algorithmen in den Suchmaschinen und sozialen Netzwerken sind so gestrickt, dass sie dies berücksichtigen und verstärken.“ Wer einmal bei Facebook bei einer bestimmten alternativen Nachrichtenseite „gefällt mir“ angeklickt habe, dem würden die entsprechenden Informationen automatisch immer wieder angezeigt, „und je öfter man dies bei bestimmten Seiten tut, desto enger wird der Kosmos; so entsteht eine Filterblase.“

Die Mitglieder der „Echokammer“ schaukeln sich hoch

Das sei auch der Grund dafür, warum die Nutzer die absurdesten Behauptungen glauben: „Zum einen handelt es sich oft um Halbwahrheiten, die an tatsächliche Ereignisse oder Statistiken anknüpfen, die dann verdreht oder missverständlich dargestellt werden. Zum anderen denken die Nutzer überhaupt nicht darüber nach, ob das alles stimmt, solange die Mitteilungen ihrer politischen Meinung entsprechen. “ Das Phänomen der „Echokammer“ sei die Konsequenz daraus: Irgendwann tauschten sich die Menschen nur noch mit Facebook-Nutzern aus, „die ähnlich denken wie sie. Das führt dazu, dass sie ihre Meinung immer drastischer äußern, auch weil sie sich damit vor den anderen profilieren können.“ Auf diese Weise schaukelten sich die Mitglieder der Echokammer gegenseitig hoch: „Die Hasskommentare werden immer krasser, wie sich bei vielen rechtsalternativen Medien beobachten lässt.“

Die Wahl Donald Trumps und die seit einigen Jahren in Amerika zu beobachtende Polarisierung der Bevölkerung ist nach Schweigers Überzeugung ein klarer Beleg für seine Thesen. Auch wenn sich die dortige Medienlandschaft nicht mit der hiesigen vergleichen lasse, weil Anzahl und Nutzung von Qualitätsmedien hierzulande viel höher seien, fürchtet er trotzdem, dass sich auch bei uns „amerikanische Verhältnisse“ entwickeln könnten. Damit es gar nicht erst so weit komme, setzt der Kommunikationswissenschaftler mit dem Fachgebiet Medienwandel und Social Media seine Hoffnungen auf die Tageszeitungen: „Es ist ihre zentrale Funktion, relevante politische Sachverhalte auszuwählen und verständlich darzustellen.“ Die Journalisten sollten ihren Lesern vor allem einen Überblick darüber verschafften, welche Themen wirklich relevant seien. Zudem sei es wichtig, die Komplexität politischer Prozesse darzustellen: „Vor allem ‚Bild’ vermittelt vielen Menschen das Gefühl, die Politiker würden ihre Bedürfnisse ignorieren und der Staat sei der Gegner der Bürger. Das ist totaler Unsinn. Es sollte viel deutlicher zum Ausdruck kommen, dass es zu jedem Thema unzählige einander widersprechende Positionen gibt und Politik oft das Resultat zäh ausgehandelter Kompromisse ist.“




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