Corona-Spätfolgen Minister fordert mehr Therapieplätze
Seit der Pandemie haben immer mehr junge Menschen psychische Probleme. Aber die Wartezeiten für eine Behandlung sind lang. Manfred Lucha möchte das ändern.
Seit der Pandemie haben immer mehr junge Menschen psychische Probleme. Aber die Wartezeiten für eine Behandlung sind lang. Manfred Lucha möchte das ändern.
Ein Alltag ohne Masken, Tests und Kontaktsperren – viele Menschen haben die Pandemie längst hinter sich gelassen. Doch immer mehr Jugendliche und Kinder leiden unter den psychischen Folgen von Lockdowns und Schulschließungen, die sich oftmals erst mit Verzögerung bemerkbar machen. Am Dienstag besuchte der Sozial- und Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Esslingen, um sich vor der Sitzung des Landeskrankenhausausschusses selbst ein Bild zu machen. Die Lage sei dramatisch, so sein Fazit. „Die Zahl der depressiven Kinder und Jugendlichen mit lebensverneinenden Gedanken bis hin zu akuter Suizidalität nimmt zu“, sagte Lucha, „die Krise hat vulnerable Kinder noch verletzlicher gemacht“. Gleichzeitig müssten die Familien monatelang auf eine Behandlung warten. Das sei nicht hinnehmbar. „Man stelle sich vor , dass jemand mit einer gebrochenen Elle acht Monate lang warten muss, bis etwas unternommen wird“, so Lucha, „bei einer gebrochenen Seele mutet man das den Kindern zu.“
Dem Esslinger Chefarzt Gunter Joas zufolge war die Lage an den Kinder-und Jugendpsychiatrien schon vor Corona prekär, aber jetzt seien die Einrichtungen am Limit. Selbst bei den Ambulanzen, die eine schnelle und niederschwellige Hilfe darstellen sollen, gebe es lange Wartezeiten. „Die Widerstandskraft der Kinder und Jugendlichen ist aufgebraucht. Es droht eine Chronifizierung, wenn die Leiden nicht rasch behandelt werden“, warnte der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Esslingen. Er wünscht sich zudem eine Entstigmatisierung psychischer Probleme. „Die Eltern kommen leider oft viel zu spät“, so seine Erfahrung. Der Höhepunkt der Corona-Folgen ist dabei offenbar noch gar nicht erreicht. „Die Probleme werden noch größer werden“, sagte Reta Pelz, Chefärztin der Mediclin-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Offenburg.
Eine Task-Force zur psychischen Situation von Kindern und Jugendlichen, 2021 von Manfred Lucha ins Leben gerufen, hat 136 zusätzliche stationäre Behandlungsplätze durchgesetzt. Davon sind bis jetzt 80 Plätze in Betrieb. Als Problem erweist sich vor allem, dass diese Kapazitäten ab Start auf zwei Jahre befristet sind. Die Krankenkassen müssten diese zeitliche Befristung aufheben, forderte Lucha. Es lasse sich nur schwer Personal für befristete Stellen finden, und die Befristung bremse auch Bautätigkeiten der Kliniken aus. „Wir brauchen diese Betten und Plätze aber dauerhaft für die Versorgung“, unterstrich der Minister. Die Bedarfsplanung müsse so ausgelegt werden, dass es künftig keine wesentlichen Wartezeiten mehr gebe. Lucha schätzt, dass die bestehenden Plätze dafür um rund ein Drittel aufgestockt werden müssten. Im ganzen Land gibt es nach Angaben des Sozialministeriums derzeit insgesamt 764 Betten und 422 Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
„Wir brauchen eine Stärkung des gesamten Systems, etwa auch der Ambulanzen“, sagte Reta Pelz, es gehe nicht darum, Bettenburgen zu errichten. Derzeit habe man keine Puffer mehr, berichtete Gunter Joas über die Situation in Esslingen, wo es ab Sommer sechs zusätzliche Plätze gibt. Einzelzimmer habe man bereits in Doppelzimmer umgebaut. Trotzdem fange jedes Mal das Rotieren an, wenn nachts noch ein Notfall eingeliefert werde, sagte er. Die Klinik sei seit ihrer Eröffnung 2015 immer zu 100 Prozent und darüber belegt. In Esslingen gibt es 30 stationäre, elf tagesklinische Plätze und fünf Plätze bei mobilen Behandlungsteams.