Sozialminister Lucha zu der Kinderkurverschickungen „Gab es eine Fürsorge-Industrie?“

Wurde mit Kinderkuren Wirtschaftspolitik für strukturarme Regionen betrieben? Nach welchen Kriterien wurden Kinder überhaupt in Kur geschickt? Der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) sieht viel Aufklärungsbedarf.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Bus zu zehn Millionen Kinder, so schätzt man, sind von den 1950er bis in die früher 1990er Jahre in Kur geschickt worden. Das baden-württembergische Sozialministerium will nun mit der Aufarbeitung der Geschehnisse in den Kurheimen beginnen. Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) verspricht im Interview, dass nichts unter den Tisch fallen soll.

 

Herr Lucha, sind Sie selbst als Kind verschickt worden?

Ich frage mich das selbst auch. Ich hatte als Säugling schweres Asthma und ich weiß, dass ich viele Wochen in Berchtesgaden oder in Bad Reichenhall im Salzbergwerk gelegen habe. Dort gibt es Kindererholungsheime. Meine Eltern sind tot, die kann ich leider nicht mehr fragen. Es könnte aber gut sein, dass das im Geist der 50er und 60er Jahre abgelaufen ist. Aber das für uns ebenso Erschütternde ist ja, wie lange diese grausame Einstellung angehalten hat.

Welche Fragen müssen nun geklärt werden?

Wir müssen fragen, was sich die beteiligten Institutionen von den Kinderkuren versprochen haben. Welche Folgen hatte es für die Kinder? Immer mehr Bekannte erzählen mir jetzt ihre Geschichten, immer mehr Menschen rufen bei uns im Ministerium an. Das wundert mich nicht bei geschätzt acht bis zehn Millionen Betroffenen. Das war auch ein Wirtschaftszweig. Wir müssen untersuchen, ob es eine Art Gesundheitsversorgungsfürsorge-Industrie gab. Man hat ja in den 1950er Jahren mit Heimen in strukturschwachen Gebieten Strukturpolitik gemacht. Zudem stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die Kinder verschickt wurden.

Zweifeln Sie damit überhaupt die heilsame Wirkung der Kuren an?

Viele Heime waren zum Beispiel auf abgeschiedenen Nordseeinseln. Da war zwar von gesunder Luft die Rede. Aber das Elend war gleichzeitig auch weit weg von der Öffentlichkeit. Und wenn die Kinder dann zurückgekommen sind, haben nicht alle, aber manche Störungsmuster gezeigt und zum Beispiel wieder eingenässt. Als jemand, der beruflich aus der Sozialpsychiatrie kommt bin ich überzeugt, dass Genesung immer nur im sozialen Umfeld geschehen kann. Es muss mit genesen.

Wie wollen Sie bei der Aufklärung vorgehen?

Wir müssen uns anschauen, was in den ehemaligen Kindererholungsheimen geschehen ist. Klären, was aus den Häusern geworden ist. Fragen, ob es noch Zeitzeugen gibt. Die Fragen müssen aber auch die betroffenen Institutionen, also etwa Krankenkassen und die Ärzteschaft, selbst beantworten. Auch sie stehen in der Pflicht. Wir müssen Zeitzeugenberichte und nüchterne Erforschung zusammenführen. Mit den Betroffenen wollen wir dann entscheiden, welche Forschungsaufträge wir vergeben. Wir wollen erreichen, dass die Menschen auch wirklich etwas von den Gesprächen haben. Wir werden das verlässlich initiieren, begleiten und beraten.

Wie finanzieren Sie ein solches Projekt?

Wir haben als Sozialministerium den Anspruch, das aus Bordmitteln mit zu finanzieren. Aber es gibt ja andere Institutionen, die damals beteiligt waren und damit in der Verantwortung stehen.

Wie stehen Sie zur Forderung der Initiative Verschickungskinder, eine Anlaufstelle einzurichten, die therapeutische Hilfen vermitteln soll?

So etwas könnte kommen. Wir werden unsere Ombudsstellen gezielt so ausrichten, dass auch ehemalige Heimkinder dort eine Anlaufstelle haben. Wenn sich das bewährt, überlegen wir natürlich, ob wir diese Einrichtung nicht auch für Verschickungskinder nutzen könnten.

Wir stehen Sie zu Entschädigungsforderungen?

Wir müssen klären, ob das notwendig ist. Ich habe den Eindruck, dass es den Betroffenen jetzt in erster Linie darum geht, verstanden zu werden und über das Erlebte reden zu können. Im Gegenzug müssen wir das erlittene Unrecht anerkennen. Wichtig erscheinen mir jetzt Wertschätzung und Solidarität.

Baden-Württemberg hat 2020 den Vorsitz in der Jugend- und Familienministerkonferenz der Länder. Was können Sie auf Bundesebene bewirken?

Ich werde das Thema auf die Tagesordnung unserer nächsten Konferenz setzen. Wir sehen uns in vorderster Pflicht, die Verantwortung des Staates einzulösen. Das Versprechen, dass nichts unter den Tisch fällt, werden wir einlösen. Viele der Kinder waren ja in Einrichtungen, die gar nicht im eigenen Bundesland waren – an der Nordsee beispielsweise. Da müssen wir auch mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein reden, um zu verstehen, was dort vor Ort gelaufen ist.

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