Sozialplan für Uhinger Traditionsfirma Erleichterung gepaart mit Wut und Trauer bei Allgaier

Alle Bemühungen, den Uhinger Traditionsbetrieb zu retten, führten in die Sackgasse. Foto: Giacinto Carlucci

Die Verhandlungen zum Sozialplan und Interessensausgleich bei Allgaier Automotive sind abgeschlossen. Der Uhinger Traditionsbetrieb wird bis zum Jahresende stillgelegt. Die Transfergesellschaft ist fix.

Er habe „eben unterschrieben“, sagt Michael Plut. „1600 Unterschriften, drei Stunden lang, zusammen mit vier Leuten aus der Personalabteilung.“ Pluta, der Insolvenzverwalter von Allgaier Automotive, hat am Dienstag, den 13. Mai, einen Marathon der besonderen Art hingelegt. Nach langen Verhandlungen sind der Sozialplan und Interessenausgleich unter Dach und Fach sowie eine Transfergesellschaft gegründet.

 

Im Februar gab es dazu bereits grundlegende Vereinbarungen mit den Kunden, sprich den Autoherstellern, dass sie das Ganze finanzieren, erklärt Pluta. „Aber es war nicht klar, wer was bezahlt.“ Nun ist alles zu Papier gebracht und unterzeichnet. Bis Jahresende wird der Uhinger Traditionsbetrieb stillgelegt, die Transfergesellschaft wird dann bis Mitte 2026 den rund 750 verbliebenen Beschäftigten einerseits finanzielle Sicherheit geben und sie andererseits weiterqualifizieren beziehungsweise in neue Jobs vermitteln.

Sozialplan und Interessensausgleich

„Wir haben aus der schlechten Situation das Maximum herausgeholt“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Stilianos Barembas. Eine Aussage, der sich Sanierungsexperte Pluta anschließen kann. „Dass Kunden einen Sozialplan und Interessensausgleich bezahlen, ist ja nicht normal“, betont er. Auch Verluste seien ausgeglichen worden. „Aus der Insolvenzmasse hätten wir das nicht finanzieren können“, unterstreicht Pluta. Allgaier Automotive befinde sich seit zwei Jahren in der Insolvenz, nun komme noch ein weiteres Jahr hinzu. Zeit, die die Beschäftigten nutzen könnten, um sich neu zu orientieren. Und das mit 100 Prozent Lohn bis 31. Dezember dieses Jahres und anschließend rund 80 Prozent in der Transfergesellschaft.

Michael Pluta glaubt, dass die Zugeständnisse der Autobauer „eine Wertschätzung der Mitarbeiter hier vor Ort sind, ihrer sehr präzisen, immer guten Leistung. Die Arbeitskultur und -moral bei Allgaier ist sehr hoch“, sagt er. Selbst seit klar ist, dass das Unternehmen dem Untergang geweiht ist, sei dieses Ethos gelebt worden. Die jahrelange gute Zusammenarbeit habe der Belegschaft Zeit verschafft. Ein Erfolg, der in der Betriebsversammlung am Montag wohlwollend, ruhig und verständnisvoll aufgenommen wurde, erzählt der Sanierer.

Dennoch weiß der Insolvenzverwalter, dass es nicht leicht wird für die Mitarbeiter, wieder unterzukommen. „Und es schmerzt mich natürlich auch, ich lege nicht gerne einen Betrieb still“, räumt er ein. „Aber immerhin haben wir den Patienten dank Palliativmedizin so lange wie möglich am Leben erhalten.“ Pluta sieht in der jetzt vorliegenden Abwicklungsvereinbarung eine Gemeinschaftsleistung. Betriebsrat, IG Metall, Belegschaft, die CDU-Landtagsabgeordnete Sarah Schweizer und er selbst hätten gemeinsam auf dieses Ziel hingearbeitet.

Betriebsrat hat gekämpft bis zum Letzten

„Frau Schweizer war ein wichtiger Baustein“, unterstreichen Pluta und Barembas. Die Abgeordnete hatte Gespräche bei den Autobauern eingefädelt. „Ich freue mich, dass diese offenbar zum Durchbruch geführt haben“, sagt die Politikerin. Sie sei von der gefassten Stimmung in der Betriebsversammlung am Montag beeindruckt gewesen und auch davon, wie sehr der Betriebsratschef für die Belegschaft gekämpft und nichts unversucht gelassen habe: „Dieses Engagement ist für mich beispiellos.“ Sie hofft, dass die Beschäftigten bis in einem Jahr neue Jobs gefunden haben: „Die Menschen und ihre Erfahrung werden gebraucht.“ Doch auch der Landtagsabgeordneten blutet das Herz: „Da geht ein Stück Identität und Industriegeschichte verloren.“

Das sieht auch der Betriebsratsvorsitzende so: „Für die Menschen, die hier gearbeitet haben, wird es schwer, künftig hier vorbeizufahren“, meint Stilianos Barembas. Er sei froh, dass man in dieser Gemengelage eine gute Lösung erzielt habe, die viel Überzeugungsarbeit bei allen Kunden erfordert habe. „Der Betrieb läuft weiter, reduziert sich aber nun Woche für Woche. Im Sommer wird noch einmal ein größerer Brocken wegfallen“, beschreibt er die letzten Tage des Unternehmens. „Wir haben Zeit gewonnen, das war das Ziel. Vielleicht tut sich bis Sommer 2026 etwas in der Wirtschaft.“ Dann wird er emotional: „Es ist auch heute noch unvorstellbar und unglaublich schlimm“, sagt er.„ Ich bin auch wütend“, fährt er fort. Wütend, dass Dinge in früherer und jüngster Vergangenheit falsch gelaufen sind. „Obwohl wir als Betriebsrat darauf hingewiesen haben.“

Langes Hoffen und Bangen

Übernahme
 Allgaier war im Juli 2022 mehrheitlich von der chinesischen Westron Group übernommen worden. Knapp ein Jahr nach dem Einstieg meldete der neue Eigentümer Insolvenz an und hatte anschließend erneut seinen Hut in den Ring geworfen. Die Belegschaft, der Insolvenzverwalter und der Betriebsrat hofften lange, dass es mit einem Investor klappt.

Investor
 Doch als im Herbst 2024 der potenzielle Interessent Aequita, ein Kapitalgeber aus München, absprang, war das Ende des Uhinger Unternehmens im Prinzip besiegelt.

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