Berlin - Was sagen, wenn sich Freunde oder Verwandte partout nicht impfen lassen wollen oder gar die Existenz des Coronavirus leugnen? Sozialpsychologin Pia Lamberty erklärt, in welchen Fällen ein Plädoyer für das Impfen sinnvoll sein kann und wann sich Argumentieren nicht mehr lohnt.
Frau Lamberty, welchen Einfluss haben Verschwörungserzählungen auf die Impfbereitschaft?
Wenn man sich die neuesten Zahlen des Covid-19-Snapshot-Monitoring anschaut, sieht man Zustimmungsraten von 22 Prozent zu der Aussage, dass Corona nur ein Schwindel sei oder von Experten erfunden wurde. Damit geht nachgewiesenermaßen eine schwindende Bereitschaft zur Impfung einher. Nicht jeder darunter ist ein überzeugter Verschwörungsideologe, aber es gibt ein Potenzial in der Gesellschaft. Selbst Menschen, die erst mal keine Affinität zum Verschwörungsglauben haben, sind weniger bereit, sich impfen zu lassen, wenn sie mit solchen Inhalten konfrontiert werden. Viele Menschen glauben nicht das ganze Paket. Es bleibt aber oft ein ungutes Bauchgefühl. Viele haben die Tendenz zu glauben, dass ein bisschen was schon dran sein wird, und suchen nach dem wahren Kern der Verschwörungserzählung.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Was ist eine Verschwörungserzählung?
Lassen sich Menschen, die fest an eine Verschwörung glauben, noch aus ihrem Glaubenssystem herausholen?
Wenn jemand fest überzeugt ist, dass die Impfung das Böse und Teil einer Verschwörung ist – bei dem kommt man oft nicht weiter. Sobald es eine Ideologie ist, ist es relativ faktenresistent. Es gibt zwar Ansätze, wie man versuchen kann, Menschen aus dem Verschwörungsumfeld herauszuziehen. Diese sind aber langwierig, und es ist oft fraglich, ob man die Ideologie so beendet. In diesen Fällen würde ich Angehörigen empfehlen, zu einer Beratungsstelle zu gehen.
Unter den Nichtgeimpften gibt es auch viele zögernde Menschen, die lediglich Ängste haben …
Diese Menschen kann man erreichen, indem man bürokratische Hürden abbaut und versucht, mit Informationen und in Gesprächen mit den Ärzten die Ängste zu nehmen. Auch das soziale Umfeld spielt eine wichtige Rolle: Neuere Studien zeigen, dass ein unterstützendes Umfeld positive Auswirkungen hat. Zum Beispiel, wenn Angehörige anbieten, einen Impftermin auszumachen, mit zur Impfung gehen und da sind, wenn es zu einer Impfreaktion kommt. Das kann helfen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: So funktioniert der digitale Impfpass
Wenn man sich auf eine Impfdiskussion einlässt. Wie soll man konkret vorgehen?
Das Erste, was man machen sollte, ist, sich zu vergewissern, wie ideologisch verhaftet mein Gegenüber ist. Das Thema Impfen ist etwas sehr Emotionales. Man weiß, was daran hängt und welche Konsequenzen das für den Pandemieverlauf hat. Man muss genau schauen: Hat mein Onkel gerade eine Sprachnachricht mit Desinformationen zur Impfung gehört und ist verunsichert, oder glaubt mein Onkel wirklich ganz stark an Verschwörungen? Mit dem Wissen kann man sich eher überlegen, wie man mit jemandem umgeht.
Gibt es für Sie einen Punkt, an dem man das Gespräch lieber beenden sollte?
Eine Grenze ziehen sollte man, wenn es rassistisch und antisemitisch wird oder es Bedrohungen gegenüber konkreten Personen wie Virologen und Politikern gibt. Auf dieser Ebene sollte man nicht diskutieren. Insgesamt kommt es aber auch darauf an, wie nah ich einer Person bin. Den Schaffner im Zug oder den Mitarbeiter im Supermarkt werde ich wahrscheinlich nicht überzeugen können. Wenn es eine Person ist, die mir vertraut, habe ich noch mal viel größere Möglichkeiten, Einfluss nehmen zu können. Man sollte sich auch fragen: Wie viele Ressourcen habe ich eigentlich selber? Bin ich total überfordert, oder bin ich bereit, wirklich Zeit zu investieren? Denn jemanden zu überzeugen, dauert. Eine Ideologie bildet sich nicht von heute auf morgen zurück, und ein gutes Argument reicht oftmals nicht aus.
Auch die Regierung wirbt seit Monaten mit der Kampagne „Ärmel hoch“ für das Impfen. Trägt das zum Impffortschritt bei?
Wenn jemand stark an Verschwörungen glaubt, sieht er den Staat als Teil der Verschwörung. Dann ist der Staat kein vertrauenswürdiger Sender von Informationen. Da braucht es eher die eigene Community: die Dorfgemeinschaft, den Kirchenkreis, den Chef – irgendjemanden, dem man vertraut.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Impfkampagne als Ablenkungsmanöver?
Derzeit wird viel über kostenpflichtige Tests und Zugangsmöglichkeiten nur für Geimpfte diskutiert. Wie ist ihre Einschätzung als Psychologin: Helfen solche Schlechterstellungen von Ungeimpften als Impfanreiz?
Ich würde mir wünschen, dass man, bevor man das diskutiert, erst mal alles andere versucht, um Menschen zum Impfen zu motivieren. Ich habe das Gefühl, dass das noch relativ schleppend läuft. Es gibt Studien und Erfahrungen aus anderen Ländern, die zeigen, dass Impfanreize und der Abbau von bürokratischen Hürden durchaus funktionieren können.
Viele Unsicherheiten entstehen durch die Mischung aus richtigen Fakten, Gerüchten, Falschinformationen und Verschwörungserzählungen, gerade in den sozialen Medien. Wie können wir uns gegen „Infodemien“ schützen?
Man muss erst mal zwischen Falschinformationen, Desinformationen und Verschwörungserzählungen unterscheiden. Falschinformationen sind Dinge, die falsch sind und aus einem Informationsdefizit kommen. Da ist wichtig, dass keine Informationslücken entstehen und die Politik Änderungen im Wissen über die Pandemie klar und transparent kommuniziert. Bei Desinformationen geht es hingegen darum, dass sie gesteuert sind von Leuten, die ein politisches oder auch finanzielles Interesse haben. Eine Studie im englischsprachigen Raum zeigt, dass 65 Prozent der Desinformation über Impfungen von zwölf Accounts kommen. Man muss diese Dynamiken frühzeitig erkennen und verstehen, dass das keine zufälligen Strukturen sind.
Sie schlagen ein sogenanntes Faktensandwich vor, um Fehlinformationen zu entkräften. Was versteht man darunter?
Das ist eine Möglichkeit, um mit falschen Informationen umzugehen. Man kann zuerst die richtige Information nennen, im zweiten Schritt warnen, dass nun eine Fehlinformation kommt, dann kurz die Fehlinformationen nennen und erklären, was daran falsch ist, und dann in einem dritten Schritt noch mal die richtige Information wiederholen. Durch diese Einbettung entkräftet man Fehlinformationen. Macht man das nicht und gibt die Fehlinformation nur wieder und entkräftet sie danach, bleibt leider oft mehr die Fehlinformation hängen, weil diese oft viel emotionaler und dramatischer ist.
Werden Verschwörungserzählungen mit Pandemieende und zurückgegebenen Freiheiten wieder weniger? Wie ist Ihre Prognose?
Der Glaube an Verschwörungen war schon vor der Pandemie präsent. Wir haben uns nur weniger damit beschäftigt. Ich kann mir vorstellen, dass die Bewegung auf der Straße für eine Zeit lang weniger wird. Sobald es Themen gibt, die sich zum Mobilisieren eignen, wird das aber wieder aufkommen. Die Menschen verschwinden ja nicht. Auch im Kontext des Klimawandels werden wir einschränkende Maßnahmen und Konflikte erleben. Dementsprechend würde ich mir wünschen, dass man sich Konzepte erarbeitet, wie man etwa mit Infodemien umgeht.
Zur Person
Expertise
Pia Lamberty (37) ist Sozialpsychologin und Geschäftsführerin des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), einer Organisation mit Expertise zu Themen wie Verschwörungsideologien, Antisemitismus und Rechtsextremismus.
Buch
Im Mai veröffentlichte Lamberty mit Katharina Nocun das Buch „True Facts: Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft“.