Wenn Hartmut Rosa seinen Studenten nahe zu bringen versucht, worin für ihn das zentrale Bestreben der Moderne besteht, erzählt er gerne die Geschichte, wie er nach dem Abitur als junger Mann von einem beschaulichen Dorf im Schwarzwald in die pulsierende Großstadt katapultiert wird. Wer das ruhige Dorfleben gewöhnt ist, kommt durch die Flut an Reizen in der Stadt schnell an seine Belastungsgrenze. Fasziniert stellt Rosa fest, dass die Leute hier gehetzter und grimmiger wirken. Anders als in seinem Heimatdorf leuchtet überall Reklame, ständig brausen Autos vorbei. „Ich war fix und fertig,“ sagt Rosa. Bis heute lässt ihn die Frage nicht los, wie sich das „Beschleunigungsdiktat“ der Moderne auf die Lebensführung der Individuen auswirkt.
Nun ist Freiburg im Breisgau, wo Rosa Mitte der 1980er Jahre ein Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik beginnt, nicht mit Weltstädten wie London oder New York zu vergleichen. Dennoch spürt der junge Rosa, dass hier andere Zeitstrukturen herrschen als in Grafenhausen, wo er in den 1970er Jahren aufwächst und noch immer seine Wochenenden verbringt. In dem kleinen Dorf im Hochschwarzwald sind die Tage weniger durchgetaktet.
Soziale Bindungen sind persönlicher und langlebiger, die Menschen haben eine andere Beziehung zu den Dingen. So werden auf dem Land Möbel noch von Generation zu Generation weitergegeben, statt bei jedem Umzug in internationalen Möbelketten neues Mobiliar zu kaufen. Auch er pflege eine besondere Beziehung zu den Dingen, die er gerne lange nutze, sagt Rosa. Seinem ersten Computer gibt er den Namen „Aristoteles“.
Pathologien der Moderne
Bereits 1903 beschreibt der große Soziologe Georg Simmel in seinem Essay „Die Großstadt und das Geistesleben“ das Großstadtleben als blasiert, gleichgültig, distanziert und intellektualisiert. An Simmel anknüpfend widmet sich Rosa seit fast 30 Jahren den Pathologien der Moderne, die er als homogenisierend und entfremdend wahrnimmt. Seine Mutter habe oft von einem besonders kauzigen Schuster erzählt. „Solche kantigen Originale gibt es in unserer standardisierten Welt immer weniger. Die Moderne macht uns zu stromlinienförmigen Wesen.“ Unsere wachstumsgetriebene Lebensweise ermöglicht laut Rosa nicht Freiheit und Selbstbestimmung, sondern produziert angepasste, gehetzte und unglückliche Individuen. „Schauen Sie sich in der Einkaufspassage nahe der Universität um. Dort blicken Sie nur in griesgrämige Gesichter.“
Für Rosa ist Zeit politisch, das Alltagsleben ein soziales und historisches Produkt. Weshalb wählen wir nicht irgendeine Konzeption des guten Lebens, sondern werden zu willigen Produzenten und Konsumenten? Weshalb sind wir permanent gestresst, obwohl wir in fast allen Bereichen des Lebens mithilfe der Technik enorme Zeitgewinne verzeichnen?
Laut Rosa zeichnet sich die Moderne durch eine unheilvolle Verbindung von Wachstum und Beschleunigung aus, die er auf drei Triebkräfte der Moderne zurückführt: Erstens den „kapitalistischen Produktionsprozess“, der Zeit in eine lineare und abstrakte Größe verwandelt. Zweitens die Verheißung absoluten Reichtums. Drittens die „funktionale Differenzierung“ der Gesellschaft, deren gesteigerte Komplexität immer mehr Zeitressourcen verschlingt. Durch diese drei Faktoren entsteht ein Entfremdungsprozess, der die Verdrängung des Qualitativen durch das Quantitative zur Folge hat und dem sich auch Professoren nicht entziehen können.
Für eine andere Art der Weltbeziehung
In dieser, an den jungen Marx angelehnten Modernekritik schwingt eine gewisse Melancholie mit. Rosa betont jedoch, es gehe ihm nicht darum, vormoderne Zeiten zu romantisieren. Sein Anliegen ist es, den Menschen zu bewahren und nicht an einer gewissen gesellschaftlichen Ordnung festzuhalten. Impulse zu emanzipatorischer Veränderung dürften, so Rosa, weniger von der Sphäre der Produktion, als von gewissen Momenten im Alltag ausgehen, in denen wir eine besondere Art der Weltbeziehung eingehen. Solche Momente beschreibt Rosa mit dem mystisch anmutenden Begriff der „Resonanz“. Diese könne bei einem guten Gespräch, einer spontanen Begegnung oder beim Hören eines Musikstücks entstehen, sagt der passionierte Organist mit den wachen Augen und dem verschmitzten Lächeln.
Mit einer gewissen Sorge beobachtet der Hochschullehrer, dass unserer Gesellschaft nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft abhanden gekommen sei. Angesichts der Klimakrise, sozialer Verwerfungen und verheerender Kriege hat das Fortschrittsversprechen der Aufklärung an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Doch ist bislang keine überzeugende Vision einer alternativen Moderne in Sicht. „Wir können uns eher das Ende der Welt vorstellen als das Ende des Kapitalismus,“ sagt Rosa.
Als Gesellschaftswissenschaftler sieht er es als seine Aufgabe, der Gesellschaft Deutungen anzubieten und das Mögliche zu denken. „Soziologie dient der Gesellschaft als Selbstreflexion. Wenn wir dem nicht gerecht werden, füllen Yuval Harari und andere Scharlatane die Lücke,“ sagt Rosa mit Blick auf den Bestsellerautor.
Auszeichnungen und Werke
Leibniz-Preis
In diesem Jahr hat Hartmut Rosa als einer von zehn Preisträgern den renommierten Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis erhalten, der mit 2,5 Millionen Euro dotiert ist. Diese Gelder können die Preisträger nach ihren eigenen Vorstellungen für ihre Forschungsarbeit verwenden. Die Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) würdigte Rosas „wegweisenden Arbeiten“ auf dem Gebiet der normativen Gesellschaftsanalyse.
Werke
Als Rosas Hauptwerk gilt die Studie „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ (2005). Sein Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2016) gibt eine Antwort auf die kapitalistische Entfremdung. 2022 erschien „Demokratie braucht Religion“, das Kirchen als Orte der Resonanzvermittlung beschreibt.