Späte Liebe „Die Zukunft gehört uns“

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Man könnte darüber spekulieren, ob Hanne-Lore Wittkuhn all die Herausforderungen in der neuen Beziehung und in der fremden Umgebung gemeistert hätte, wenn nicht regelmäßig das Filmteam vorbeigeschaut hätte, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Marisa Middleton verfügt über ein professionell ausgebildetes Einfühlungsvermögen: Bevor sie beschloss, sich in Ludwigsburg beruflich neu zu orientieren, hatte sie 13 Semester Psychologie in Hamburg und Berlin studiert. „Kaum ein Therapeut nimmt sich so viel Zeit für seine Patienten wie ein Dokumentarfilmer für seine Protagonisten“, sagt sie.

„Die Zukunft gehört uns“ gewährt einen ungewöhnlich tiefen Einblick in fremde Gefühlswelten. Der Film wirkt wie ein Roman von Theodor Fontane: alltäglicher Realismus, verpackt in poetische Bilder (Kamera: Christian Trieloff). Die Handlung bleibt vollkommen unkommentiert, Marisa Milddleton überlässt es dem Zuschauer, Schlüsse zu ziehen.

Viele Fragen stellen sich von allein, wenn man Hanne-Lore Wittkuhn und Jens-Peter Tetzlaff bei ihrer Suche nach dem gemeinsamen Glück zusieht. Verhalten sich frisch Verliebte mit 70 anders als mit 17? Ist Freiheit mehr wert als Geborgenheit? Wie weit kann man sich einem neuen Partner anpassen, ohne dabei sich selbst aufzugeben? Das Paar bildet eine ideale Projektionsfläche für Menschen, die über mehr als fünf Jahrzehnte Lebenserfahrung verfügen. Vieles kennt man aus eigenen Beziehungen.

Die Geschichte weist aber auch über den eigenen Horizont hinaus – zu Ereignissen, die einem womöglich noch bevorstehen und von denen man nicht weiß, wie man sie verkraften würde. Bei ihrem Abschied aus Dachtel legt Hanne-Lore Wittkuhn Blumen auf das Grab ihres verstorbenen Mannes. „Irgendwann muss man einfach sagen: Das Leben geht weiter“, spricht sie mit feuchten Augen in die Kamera. Spätestens, wenn sie tot ist, führt Hanne-Lore Wittkuhns Weg zurück nach Dachtel – „damit die Kinder nur ein Grab zu pflegen haben“, wie sie sagt: „Das alte Leben ist nie weg, es ist immer da.“

Zweifel in Glücksburg

Seit ihr Ehemann bei einem Bootsunfall in Kroatien ums Leben gekommen ist, verfolgt Hanne-Lore Wittkuhn die Angst, dass so etwas noch einmal passieren könnte. So sitzt sie am Esstisch in Glücksburg und wartet darauf, dass Jens-Peter vom Übungseinsatz seiner Rettungshundestaffel heimkommt. Er verspätet sich. Als er endlich auftaucht, hält sie ihm eine Strafpredigt. Und ihm stehen die Zweifel ins Gesicht geschrieben: Ist diese Furie wirklich die Frau, von der mich erst der Tod scheiden soll? Die Beziehung steht auf der Kippe.

Epilog: seit zweieinhalb Jahren sind Hanne-Lore Wittkuhn und Jens-Peter Tretzlaff nun vereint. „Wir haben uns aneinander gewöhnt“, sagt er am Telefon, und dass es eben zu einer Beziehung gehöre, „dass jeder Abstriche machen muss“. Die Kämpfe mit Hanne-Lore um Geringfügigkeiten seien seltener geworden, die Einsicht, dass er und sie sich wunderbar ergänzen, wachse stetig. „Die Hauptsache ist doch ohnehin, dass wir uns lieb haben.“

Also alles im Lot. Und zwar nicht nur bei den beiden Spätliebenden, sondern auch bei der Jungregisseurin, die diese private Geschichte öffentlich gemacht hat. Marisa Middleton dreht zurzeit Image-Filme für den Naturkosmetikhersteller Weleda und für den WDR eine Dokumentation über ein schlaues Mädchen aus der Dortmunder Nordstadt. Noch wohnt die Filmemacherin in ihrer Ludwigsburger Studenten-WG. Doch spätestens im Februar, wenn Marisa Middleton Mutter wird, will sie mit dem Vater des Kindes – einem ehemaligen Kommilitonen – zusammenziehen. Vielleicht findet sich ja eine angehende Regisseurin an der Filmakademie Baden-Württemberg, die diese Beziehung zu einer berührenden Abschlussarbeit verarbeiten wird.