Späte Mutterschaft „Ich habe meine Mutter tatsächlich recht alt in Erinnerung“

Ältere Mütter sind oft gelassener und genießen die Zeit mit ihrem Kind bewusster. Foto: imago

Mutter werden mit über 40: Verändert das Alter das Verhältnis zum Kind? Wir haben mit einer späten Mutter aus Stuttgart gesprochen – deren eigene Mutter sie auch spät bekam.

Freizeit und Unterhaltung: Dominika Bulwicka-Walz (dbw)

Laura Metzger ist bei der Geburt ihres zweiten Kindes 41 Jahre alt. Schon als die Stuttgarterin, Jahrgang 1965, mit Ende Dreißig zum ersten Mal schwanger ist, freut sich ihre ganze Umgebung sehr mit ihr. Laura Metzgers Schwangerschaften mit 37 und 41 Jahren verlaufen beide völlig unproblematisch, keinen Tag geht es ihr schlecht. Ebenso die Geburten. Metzger, die zum Schutz ihrer Familie nicht ihren richtigen Namen in der Zeitung lesen möchte, sagt: „Ich habe mich selbst gewundert, wie problemlos alles verlief.“ Schließlich reagieren viele in ihrem Umfeld alarmiert und sprechen Warnungen vor Schwangerschaftsdiabetes sowie Ratschläge für einen geplanten Kaiserschnitt aus.

 

Laura Metzger aus Stuttgart ist nicht alleine mit ihren späten Schwangerschaften. Während einige um die 40 schon an die Wechseljahre denken, entscheiden sich andere für ein Kind, und werden dafür oftmals kritisch beäugt. Männern wird seit jeher anerkennend auf die Schulter geklopft, wenn sie sogar noch im Rentenalter Vater wurden, bei Frauen wird an das Verantwortungsbewusstsein appelliert. Auch Ruth Hofmeister, Hebamme und Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg beobachtet, dass die Gesellschaft die Entscheidung, um die 40 schwanger zu werden, oft hinterfragt.

Doch eine längere Lebenserwartung, bessere Gesundheitsvorsorge, neue Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin und die Haltung „40 ist das neue 30“ tragen dazu bei, dass Frauen sich heute weder unter Druck setzen noch von Skeptikern beeindrucken lassen – und auch mit vierzig noch entschlossen Mutter werden, soweit es biologisch möglich ist.

Frauen in Stuttgart bekommen immer später Kinder

Laut einer aktuellen Erhebung des Statistisches Amtes der Landeshauptstadt Stuttgart waren Frauen in Stuttgart im Jahr 2024 bei der Geburt ihres ersten Kindes durchschnittlich 32,3 Jahre alt. Zum Vergleich: 1984 betrug das Durchschnittsalter in Stuttgart 27,5 Jahre und ist damit bei den Müttern kontinuierlich gestiegen. Somit verschieben sich die Geburten des zweiten oder dritten Kindes ebenfalls nach hinten. Das beobachtet auch Ruth Hofmeister.

Die Studienautoren führen das gestiegene Alter unter anderem auf drei Faktoren zurück. So habe sich im Verlauf der vergangenen vier Jahrzehnte ein längerer Bildungsweg bei den Frauen durchgesetzt. Wer länger in der Ausbildung ist, verdient folglich auch später eigenes Geld, die finanzielle Stabilität setzt später ein. Als drittes lassen gesellschaftliche Unsicherheiten Paare die Familienplanung vorsichtiger angehen.

Bewusste Entscheidung für ein Kind

Je älter die Mütter, beziehungsweise die Eltern sind, desto überlegter ist die Entscheidung für ein Kind. Friederike Echtler-Geist, Diplompsychologin und Psychotherapeutin aus Stuttgart beobachtet, dass Frauen, die mit über 40 Jahren schwanger werden, sehr bewusst mit der Schwangerschaft umgehen. Oftmals sei diese dann auch mit viel Dankbarkeit verbunden. Der Grund: Die Chancen überhaupt schwanger zu werden, sinken mit zunehmendem Alter rapide.

Laura Metzger, die heute 61 Jahre alt ist, fühlte sich als ältere Mutter in ihrer Umgebung nie allein: „In meiner Generation gab es viele Frauen, die spät Kinder bekommen haben. Das war nie ein echtes Thema.“ Und die Besonderheit: Auch ihre eigene Mutter hat Laura erst mit 40 Jahren bekommen.

„Ich habe meine Mutter tatsächlich recht alt in Erinnerung“, erzählt sie. Vor dem Hintergrund, dass Frauen in den Sechzigern früher Kinder bekommen hatten, sei es ihr als Kind natürlich deutlich aufgefallen, dass ihre Mutter überall die Älteste gewesen sei. Taktlose Kommentare ihrer Klassenkameraden haben ihr das noch mehr vor Augen geführt. Hinzu kam, dass ihre Mutter sich oft ganz in Schwarz gekleidet hatte, weil in der großen Verwandtschaft oftmals Todesfälle zu beklagen waren. Das habe den Alterseffekt noch verstärkt, sagt Laura Metzger, heute muss sie darüber schmunzeln. „Die Haare meiner Mutter hatten sehr lange ihre natürliche Farbe behalten, sind nicht ergraut, das war immerhin gut“, sagt Metzger lachend. Heute spielen die modischen Aspekte zwischen Eltern und Kindern eine geringere Rolle – viele Eltern kleiden sich sowieso ähnlich wie ihre eigenen Kinder.

Hohe Erwartungen an sich selbst und Gelassenheit

Friederike Echtler-Geist beobachtet in ihrer Müttersprechstunde, dass ältere Mütter oft auch hohe Erwartungen an sich selbst haben: Babybrei selbst kochen, pädagogische Ansätze, wie kann das Kind gefördert werden, Beruf im Blick behalten und als Frau attraktiv bleiben. Diese Ansprüche seien bei älteren Müttern häufiger zu beobachten, berichtet sie. Weist aber auch darauf hin, dass in ihre Sprechstunde Frauen kämen, die gerade diese Themen belasten würden. Eine allgemeine Regel sei das nicht.

Laura Metzgers Mutter war ebenfalls ängstlich, erzählt die Tochter. „Sie hatte oft Sorgen, was aus mir werden, und ob ich genug verdienen würde“, erinnert sie sich heute. Allerdings war ihre Mutter auch alleine mit ihr. Der Vater ist früh verstorben, das sei natürlich ein Aspekt, den ältere Eltern bedenken müssten: Können sie lang genug für ihre eigenen Kinder da sein? Andererseits könnten auch junge Eltern erkranken und früh sterben, gibt Metzger zu bedenken.

Interessanterweise deuten Studien mittlerweile darauf hin, dass Frauen, die ihr letztes Kind im Alter von über 33 Jahren bekommen, eine höhere Lebenserwartung haben und eher 95 Jahre oder älter werden als Frauen, die ihre Familienplanung früher abschließen. Diese späten Mütter sind oft gesünder, finanziell abgesicherter und emotional gefestigter, was zu einer höheren Lebenserwartung beitragen kann.

Kinder, schaut: Uns geht es gut

Laura Metzger war erst 36 Jahre alt, als ihre Mutter gestorben ist. Die Geburt der Enkelkinder hatte sie gar nicht mehr erlebt. Viele Kinder, deren Eltern älter sind, erleben die Zeit mit ihren Eltern oftmals als kostbar. Doch wenn es zu früh zu einer Rollenumkehr kommt, kann das auch belastend sein. Wenn Eltern erkranken oder pflegebedürftig werden, wenn der Nachwuchs mit Ausbildung oder Studium noch nicht einmal fertig ist. Friederike Echtler-Geist erklärt, dass es wichtig sei, dass Eltern offen und transparent mit ihren Kindern kommunizieren: Wir können für uns selbst sorgen, solange das möglich ist. Um etwaigen Sorgen der Kinder diesbezüglich zuvorzukommen.

Laura Metzger schaut optimistisch in die Zukunft. Zwar seien die Kinder noch nicht in Lohn und Brot, „aber das wird schon, da bin ich zuversichtlich.“ Laura freut sich, dass ihre Kinder selbstständig und sie als Eltern gesund sind. Sie schaut gespannt auf die weitere Entwicklung ihrer heute 20- und 24-Jährigen. Außerdem zeigen sie und ihr Mann den Kindern jeden Tag: Euren Eltern geht es gut.

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