Spätere Einschulung Spielraum statt Zeitdruck für Schulanfänger

Den ersten Weg in die Schule ein bisschen später antreten: Diesem Anliegen vieler Eltern folgt der vorverlegte Stichtag. Foto: dpa/Patrick Pleul

Früher wurden Kinder eingeschult, die bis zum 30. September sechs Jahre alt wurden. Schrittweise wurde dieser Stichtag vorverlegt, mit dem jetzt beginnenden Schuljahr ist das Zieldatum 30. Juni erreicht. Für die Kitas wächst damit die Belastung.

Eigentlich waren fast alle dafür, als im Juni 2019 der Bildungsausschuss des Landtags über eine Petition von Eltern beriet, die in Baden-Württemberg 21 552 Unterstützer und Unterstützerinnen gefunden hatte. Mit großer Mehrheit gaben die Ausschussmitglieder dem Elternanliegen ihren Segen: den Stichtag für die Einschulung der jeweils neuen Erstklässler vom 30. September auf den 30. Juni vorzuverlegen. Die Petenten wollten damit die Einschulung von teilweise noch nicht einmal sechs Jahre alten Kindern verhindern – beziehungsweise vom Wunsch der Eltern abhängig machen.

 

Beschlossen, getan? Nicht ganz. Denn wenn das Schuleintrittsalter steigt, im Extremfall um ein ganzes Jahr, bleiben die Kinder entsprechend länger in der Kita. Um diese Zusatzbelastung für die Kindertageseinrichtungen abzufedern, wurde bei der Umsetzung ein Kompromiss gewählt, nämlich der Prozess auf drei Schuljahre gestreckt: Seit 2020/21 wird der Stichtag um je einen Monat vorverlegt, mit dem nun beginnenden Schuljahr 2022/23 wurde folglich am 30. Juni dieses Jahres das ab jetzt gültige Zieldatum erreicht. Von nun an zählt jedes Kind, das spätestens an diesem Kalendertag sechs Jahre alt wird, zu den Erstklässlern des kommenden Schuljahrs. Sofern die Eltern keine Zurückstellung bewirken. Für etwas Jüngere können Eltern durch Anmeldung in der Grundschule die Einschulung „auslösen“, wie es im Kultusdeutsch heißt – wenn sie von der Schulreife ihrer Kinder überzeugt sind und diese bis 30. Juni des Folgejahrs sechs werden.

Mehr Flexibilität also, mehr Rücksicht auf den Elternwillen: Nicht immer war das so. Die einstige CDU-Kultusministerin Annette Schavan hat in ihrer Amtszeit von 1995 bis 2005 nicht nur das achtjährige Gymnasium durchgesetzt, sondern als Bildungsbeschleunigerin auch für einen möglichst frühen Schuleintritt getrommelt. Dass der ABC-Schützenexpress jetzt in die umgekehrte Richtung rollt – ein pädagogischer Paradigmenwechsel? Ganz so weit will Corina Schimitzek, Leiterin des Staatlichen Schulamts Nürtingen, nicht gehen: „Schavan hat einige Impulse gegeben, die später die Richtung geändert haben. Seit ihrer Zeit als Ministerin hat sich im Bereich frühkindliche Bildung extrem viel getan. Der Blick auf das einzelne Kind von Fachkräften der Kindertagesstätten, von Kooperationslehrkräften und Eltern wurde deutlich intensiviert und systematisiert.“ So habe man heute statt einer „statischen Sicht“ eine „viel individuellere Einschätzung der Kinder“, folglich „sehr passgenaue“ Einschulungsempfehlungen. Und: „Die bildungspolitischen Chefideologen, die nur ihr ,so und nicht anders’ gelten lassen, sind auf dem Rückzug.“

Schimitzek verzeichnet nicht nur in pädagogischen Kreisen viel Zustimmung zu der neuen Einschulungsregelung, sondern nimmt auch „eine hohe Zufriedenheit der Eltern wahr“. Ronny Feuer, der Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Esslinger Kindertageseinrichtungen, pflichtet dem bei: „Es ist grundsätzlich gut, dass die Kinder mehr Zeit für ihre individuelle Schulreife haben.“ Aber: Die Verlängerung der Kita-Zeit führe zu einer zusätzlichen Belastung der Einrichtungen, die angesichts des derzeitigen Fachkräftemangels gewiss nicht kompensiert werden könne, sondern verschärft werde. Bernd Berroth, Leiter des Amts für Bildung, Erziehung und Betreuung der Stadt Esslingen, bestätigt denn auch einen „Verdrängungseffekt: Die Wartelisten werden länger.“ Hinzu komme eine Art Corona-Rückstau, da in den vergangenen beiden Jahren etliche Eltern ihre schulpflichtigen Kinder zurückstellen ließen – aus Sorge vor einem von Lockdowns geprägten Schuljahr.

Weniger Anträge auf Rückstellung von Kindern

Diese Vorsicht scheint passé. In Ostfildern beispielsweise „überwiegen die Anträge auf vorzeitige Einschulung, während es früher vermehrt Anträge auf Rückstellung gab“, teilt der städtische Pressesprecher Dominique Wehrle mit. Landesweit verzeichnet das Kultusministerium einen Rückgang der Rückstellungen von 10,5 Prozent aller schulpflichtigen Kinder im Schuljahr 2019/20 auf 7,3 Prozent im Schuljahr 2021/22.

Auch Bernd Berroth begrüßt , dass es mit der Neuregelung „mehr Spielraum gibt, denn jedes Kind ist anders“. Aber er weiß auch um die damit einhergehenden Anforderungen an die Kitas in puncto frühkindlicher Bildung. Für Elternvertreter Feuer ist diese vorausschauende Aufgabe besonders dringlich in einer Zeit, in der „laut OECD-Vergleich nur knapp über 50 Prozent der deutschen Viertklässler in Mathe die Regelkompetenz erreichen.“ Sind die Kitas damit überfordert? Berroth: „Nein, da hat sich in den vergangenen Jahren viel getan.“ Feuer: „Das ist von Kita zu Kita sehr gemischt.“

Frühkindliche Bildung

Qualitätsentwicklung
 Kitas dienen der Betreuung, Bildung beginnt mit der Schule: eine Sichtweise, die so überholt ist wie die 50er-Jahre-Hausfrauenehe oder die Entgegensetzung von Spielen und Lernen. Der aktuelle Kenntnisstand zur kognitiven Entwicklung von Kindern legt nahe, dass gerade die vorschulischen Jahre und das spielerische Lernen entscheidend sind für die Herausbildung haptischer, intellektueller und sozialer Fähigkeiten. Daher liegt heute das Augenmerk auf der Qualitätsentwicklung der Kitas als Bildungseinrichtungen. Das Land Baden-Württemberg hat dazu das Forum Frühkindliche Bildung eingerichtet.

Teilhabe
 Die frühe Teilhabe an kindgemäßer Bildung ist auch aus gesellschaftlichen Gründen dringlich: In einer Zeit wachsender soziokultureller und materieller Ungleichheit kann nur dadurch ein Mindeststandard an Bildungsgerechtigkeit und damit an Chancengleichheit für die Schule und das Leben gewahrt werden.

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