Sie sind vor Jahren ausgestiegen, doch ihre Erlebnisse in der Spätregenmission lassen ihnen keine Ruhe. Jetzt packen zwei ehemalige Mitglieder der als autoritär geltenden Freikirche aus: Sie sprechen von Angst, Unterdrückung und Ausbeutung.

Ludwigsburg: Melanie Braun (meb)

Kreis Ludwigsburg - Für sie war klar: die Welt geht bald unter. Deshalb würden sie kein Geld mehr brauchen, keine Versicherung und keinen Job. Nur den Segen Gottes brauchten sie noch. Den bekamen sie bei der Spätregenmission – wenn sie sich entsprechend verhielten. Das taten Thomas Bauer und Hermann Nägele (Namen geändert): Sie übten Demut in täglichen Gottesdienst-Ritualen, arbeiteten bis zum Umfallen und ordneten sich der Führungselite unter. Inzwischen aber gelten sie als „Ausgefallene“, als Menschen, die auf ewig verdammt sind. Denn die beiden haben der Mission den Rücken gekehrt. Das ist schon Jahre her – aber erst jetzt schaffen sie es, öffentlich über ihre Zeit dort zu sprechen.

Hermann Nägele lebte mehr als ein Dutzend Jahre in der Mission, Thomas Bauer annähernd zehn. Beide hatten schon als Kinder mit ihren Eltern die sonntäglichen Gottesdienste der evangelischen Freikirche mit Deutschland- und Europa-Sitz in Beilstein (Kreis Heilbronn) besucht. Erst nach mehr als 20 Jahren gelang es ihnen, sich von der Doktrin der als autoritär geltenden Glaubensgemeinschaft zu lösen und zu reden. Jetzt wollen sie vollends aufräumen und zumindest noch versuchen, ein wenig von dem wieder zu bekommen, was ihnen aus ihrer Sicht zusteht.

Die Aussteiger wollen jetzt Gerechtigkeit

Deshalb haben sie sich jüngst mit einem guten Dutzend Leidensgenossen zusammengetan – einige davon aus dem Kreis Ludwigsburg –, um vor dem Sozialgericht Heilbronn die Rentenbeiträge einzuklagen, die die Spätregenmission nie für sie einzahlte. Die Mission sagt, es habe keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in ihren Häusern gegeben. Bauer und Nägele sind anderer Meinung: Sie hätten von früh bis spät gearbeitet, es habe Arbeitspläne und -anweisungen gegeben. Vor allem aber seien sie mit perfiden Methoden unter Druck gesetzt worden. Deshalb wollten sie nun Gerechtigkeit – für sich selbst, aber auch für die, die noch heute in der Mission lebten.

Die Glaubensgemeinschaft sei „ein reines Angst-System“, sagt Bauer. Im Rückblick wundern er und Nägele sich, was sie in den Glaubenshäusern der evangelischen Freikirche alles mitgemacht haben: kuriose Riten, absurde Regeln, sie hätten einen Umgang erlebt, der von Furcht geprägt gewesen sei. Wer dort nicht gespurt habe, sei mit einem Fluch belegt worden. „Dir wird gesagt: du kannst gehen, aber dann wird dich ein tödlicher Unfall ereilen“, erzählt Bauer. Wahlweise sei gedroht worden, Gott werde einem das Liebste nehmen, beide Beine abschlagen oder einen auf ewig verdammen.

Der Witz sei: viele der Vorhersagen bewahrheiteten sich, wenn auch oft erst nach Jahrzehnten. Selbsterfüllende Prophezeiung nennt Bauer das – man könnte es auch Zufall nennen oder allgemeines Lebensrisiko. Aber es funktionierte: Nägele ist nach sieben Jahren in der Mission ausgetreten, kehrte aber wegen einer solchen Vorhersage zurück – und blieb weitere sieben Jahre. „Ich kenne Leute, die schon vor 35 Jahren ausgetreten sind und immer noch Angst haben, dass die Prophezeiungen Realität werden“, sagt Bauer.

Sport, Kino und Vergnügungen gelten als Teufelszeug

Der Alltag war laut Bauer und Nägele streng reglementiert: Im Haus Libanon in Beilstein begann der Tag um 4 Uhr morgens mit dem Gottesdienst, dann gab es Frühstück, anschließend ging es an die Arbeit – im Haushalt, in der Gärtnerei, der Landwirtschaft oder in einer der vielen missionseigenen Werkstätten, abends war wieder Gottesdienst. „Es war alles da, um sich von der bösen Welt abschotten zu können“, sagt Bauer. Diese sollte die Bewohner laut dem Aussteiger erst gar nicht in Versuchung führen: Fernsehen, Zeitung und Radio waren laut Bauer verboten, Sport, Kino und Vergnügungen galten als Teufelszeug. Wer das Haus verlassen wollte, musste den Hausvater um Erlaubnis bitten, musste auf dessen Gnade hoffen – oder sich einem Fluch aussetzen.

Manchmal müssen Bauer und Nägele bitter lachen, wenn sie von den Gepflogenheiten im Glaubenshaus erzählen: Im Gottesdienst war es üblich, sich einen Kartoffelsack umzuhängen und Asche aufs Haupt zu streuen, die in einer Art von Zuckerstreuern herumstand. „Damit sollte der Demut Ausdruck verliehen werden, dem wesentlichen Merkmal des Glaubens in der Gemeinschaft“, sagt Bauer und schüttelt fassungslos den Kopf. Wer sich nach Ansicht der Missionsoberen besondere Verfehlungen geleistet hatte, musste noch weitergehen und einen Tag auf einem Aschehaufen in einem abgeschlossenen Raum ausharren. „Einer verbrachte sogar einmal drei Tage und Nächte dort“, erzählt Nägele. Auch wenn sie heute auflachen: „Lustig ist das nicht“, sagt Bauer.

Glaubensgemeinschaft mit autoritären Strukturen

Die Weltanschauungsbeauftragte der evangelischen Landeskirche, Annette Kick, spricht bei dieser evangelischen Freikirche von einer „sehr geschlossenen Glaubensgemeinschaft mit autoritären Strukturen“ – Bauer und Nägele nennen sie eine Sekte. Der Oberboss in Südafrika sei ein „absoluter Diktator“, und sie wüssten von Gebaren, die man aus ihrer Sicht nur mafiös nennen könne. Sie sprechen von Schmuggel, von Versicherungsbetrug und von Mitgliedern, die teils über Jahre zu Staatenlosen gemacht worden seien. Von Letzterem sei er selbst betroffen gewesen, erzählt Nägele: als er in die Schweiz geschickt und dafür in Deutschland abgemeldet, aber am neuen Wohnort nie angemeldet worden sei. Bauer hingegen berichtet, er sei eines von mehreren Opfern sexuellen Missbrauchs. Beweisen können die beiden die Vorwürfe nicht.

Ebenso wenig wie die Verschwendung von angeblich immensen Spendengeldern reicher Besucher der Sonntagsgottesdienste, die sie vermuten. Dazu berichtet Nägele von Gerüchten: Einst habe der Oberboss in Südafrika seiner Geliebten einen Konzertflügel geschenkt. Weil das Instrument aber nicht durch die Tür des Ferienhauses am Strand gepasst habe, habe er kurzerhand die Wand öffnen lassen, den Flügel ins Haus hieven und die Wand wieder verschließen lassen. Ob das wirklich stimmt, weiß Nägele nicht. Klar sei aber: „Die Oberen fuhren die dicken Autos, während wir um Zahnpasta betteln mussten.“

Mit den „Oberen“ meinen Nägele und Bauer nicht nur die Führungsriege in Südafrika, sondern auch die Hausväter, die im Zweijahres-Rhythmus aus Südafrika geschickt worden seien und sich „wie halbe Götter“ gebärdet hätten, so Bauer. Der Vorstand des Vereins in Beilstein sei den Hausvätern hörig gewesen – und im Übrigen ebenfalls von Südafrika aus bestimmt worden, man habe ihn nicht ihn nach Vereinsrecht von den Mitgliedern wählen lassen.

Anwalt der Freikirche widerspricht Aussteigern

Peter Krause, der Anwalt der Spätregenmission, kann sich nur wundern, wenn er so etwas hört. Natürlich wisse er nicht, was in früheren Zeiten in der Glaubensgemeinschaft vorgefallen sei, natürlich könne es immer auch Verfehlungen geben. Ihn erstaune aber, dass auf derlei Anschuldigungen kaum Taten folgten. Als vor ein, zwei Jahren Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in der Mission öffentlich geworden seien, habe diese in einer Erklärung auf ihrer Internetseite Aufklärung angeboten und einen Seelsorger eingesetzt, an den mögliche Opfer sich wenden können. Bis heute hätten sich nur zwei Personen gemeldet, die aber lediglich über ihre Zeit in der Mission hätten reden wollen, keine einzige Anzeige wegen Missbrauchs sei eingegangen. Ebenso wenig gebe es irgendwelche Hinweise auf andere Vergehen, geschweige denn ein Verfahren gegen die Mission. „Man würde dort gerne aufklären, aber was soll man machen, wenn sich niemand meldet?“, fragt er.

Auch die Verwendung des Geldes sei heute völlig transparent: „Die Spätregenmission steht als gemeinnütziger Verein unter ständiger Kontrolle der Finanzverwaltung“, betont Krause. Wer von den Spenden profitiere, werde genauso geprüft wie die Entlohnung für Arbeitseinsätze, für die Sozialversicherungsbeiträge bezahlt würden. Das sei nicht immer so gewesen, räumt Krause ein: Erst seit etwa 20 Jahren würden die Finanzen gemeinnütziger Einrichtungen stärker kontrolliert – auch in puncto Arbeitsverhältnisse habe sich in den vergangenen 40 Jahren rechtlich viel getan. „Das war eine andere Zeit, als die Mission sich bildete“, sagt er. Damals sei alles im Aufbau gewesen, engagierte Leute hätten gemeinsam ihren Glauben leben wollen, „da hat niemand an Arbeitsverträge gedacht“. Deshalb verstehe er nicht, warum einige ehemalige Mitglieder nun auf Rentenbeiträge pochten.

Mitglieder werden lebensunfähig gemacht

Thomas Bauer und Hermann Nägele aber haben gerade erst angefangen. Sie wollen noch mehr ehemalige Mitglieder dazu animieren, aufzubegehren. Ob sie das schaffen, wissen sie nicht. Auf den ersten Blick sei es vielleicht unverständlich, warum viele Mitglieder, die sich belogen und betrogen fühlten, die Mission dennoch nicht verlassen, sagt Bauer. „Aber die Leute wurden lebensunfähig gemacht.“ Bei ihrem Eintritt hätten sie alles Hab und Gut verkauft und das Geld der Mission gegeben, sie hätten weder eine Berufsausbildung noch einen Anspruch auf eine Rente oder Kontakte zur Außenwelt – manche hätten noch nicht einmal eine Krankenversicherung. Sie dachten, sie bräuchten all das nicht: weil die Welt doch ohnehin bald untergeht.