Spanien gegen England bei der EM Dani Carvajal gegen Kyle Walker – das Duell der Veteranen

Spaniens Dani Carvajal (li.) kann wie hier gegen Jamal Musiala ordentlich austeilen – nun fordert er seinen englischen Konkurrenten Kyle Walker. Foto: Imago/Jan Huebner

Beim Finale in Berlin kämpfen die Altstars Dani Carvajal (Spanien) und Kyle Walker (England) nicht nur um den EM-Pokal – sondern auch um den Status als bester Rechtsverteidiger der Welt.

Sport: Marco Seliger (sem)

Wer der beste Rechtsverteidiger der Welt ist? Für Dani Carvajal gibt es da keine zwei Meinungen. „Wenn ich das letzte Jahr anschaue, dann denke ich schon, dass ich das bin“, sagte der Spanier also kürzlich und erläuterte dann sein Selbstverständnis: „Ich sage mir das ständig, denn wenn ich es nicht glaube, wer denn dann?“

 

Sicher wird der Mann nicht an Carvajals These glauben, der ihn an diesem Sonntagabend im großen EM-Finale von Berlin (21 Uhr/ARD) zum Duell der Rechtsverteidiger -Veteranen herausfordert. Spanien gegen England, das ist auch das Treffen der Altstars: Dani Carvajal (32) rennt die Linie für die Spanier auf und ab – Kyle Walker (34) wiederum macht das auf der rechten Seite für England. Wobei man bei Walker meist sagen muss: Er läuft nicht – er sprintet. Denn mit seiner Topgeschwindigkeit von mehr als 37 Stundenkilometern übertrifft der Oldie nicht nur seinen Kontrahenten Carvajal. Sondern auch die meisten anderen Fußballprofis auf der Welt. Nicht nur deshalb meinen nicht wenige Experten, dass Walker der Beste auf seiner Position ist – und eben nicht Carvajal.

Was die beiden eint: Ihr Wirken auf dem Platz und daneben ist groß und bedeutend. Und: beide sind eher keine gewöhnlichen Kicker. Sie sind: verrückte Vögel, die gerne mal über das Ziel hinausschießen.

Dabei ist Dani Carvajal aus rein sportlicher Sicht über jeden Zweifel erhaben. Dazu ein paar Zahlen: In der vergangenen Saison gelangen ihm in 41 Partien für Real Madrid sieben Tore und fünf Vorlagen. Sein wichtigster Treffer war jener im Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund (2:0). Carvajal, 1,73 Meter groß, erzielte ihn per Kopf – neben der Zweikampfstärke, der Routine, den Flanken und dem Gespür für die Entwicklung eines Spiels ist das noch einer seiner Vorzüge: Der Mann beweist, dass man nicht groß sein muss, um den Kopf als Stärke einsetzen zu können.

Apropos Stärke: Zweifellos gehört die Aggressivität zu den Qualitäten Carvajals. Wenn jemand einem Gegenspieler den berühmten Schneid abkaufen kann, dann er. Oftmals aber überschreitet das Eigengewächs von Real Madrid die Grenzen – und erinnert mit seinen Methoden an einen früheren Mitspieler Sergio Ramos, der oft auch mal dahin trat oder griff, wo es dem Gegner besonders wehtut. Auch verbal teilt Carvajal gerne aus. Ergo: Wer gegen ihn spielt, muss sich auf Streitigkeiten und Provokationen gefasst machen. Ruhe hat man selten bis nie gegen den Stressmacher aus Madrid.

Ein gutes Beispiel für die Haltung des Heißsporns ist die Szene aus dem EM-Viertelfinale von Stuttgart gegen die deutsche Elf. Da brachte Carvajal Jamal Musiala mit einer Wrestlingeinlage in der Nachspielzeit der Verlängerung zu Fall und holte sich so die Gelb-Rote Karte ab – was ihn aber nicht interessierte, weil er aufgrund der vorherigen Gelben Karte ohnehin schon fürs Halbfinale gesperrt war. Also gab Carvajal den Catcher. „Dani ist eine Bestie auf dem Platz“, sagte Teamkollege Nacho hinterher und meinte das nicht abwertend. Er sprach den Satz voller Bewunderung aus – weil sich Carvajal mit seiner Einlage für die Mannschaft aufgeopfert habe. Viel Überwindung hatte den Rechtsverteidiger sein Einsteigen gegen Musiala dem Vernehmen nach aber dann doch eher nicht gekostet.

Jetzt ist Carvajal nach seiner Sperre im Halbfinale wieder dabei im Endspiel von Berlin – und wird kurz vor dem Anpfiff nach den Hymnen jenem Mann die Hand schütteln, der vor einem Jahr fast beim FC Bayern gelandet wäre. So war sich Englands Rechtsverteidiger Kyle Walker mit den Münchnern um den damaligen Trainer Thomas Tuchel einig, die Verhandlungen zwischen Manchester City und den Bayern waren weit fortgeschritten. Bis City einen so unerwarteten wie abrupten Rückzieher machte und den Deal doch noch platzen ließ.

Sehr zur Freude von Trainer Pep Guardiola, der nicht nur Walkers Fähigkeiten auf dem Platz (Tempoläufe, Spielverständnis, Zweikampfstärke) schätzt, sondern auch jene in der Kabine. Walker ist bei City und auch im englischen Nationalteam eine anerkannte Führungskraft, deren Siegermentalität und die Leidenschaft auf die Mitspieler abstrahlt.

Und, was soll man sagen: Der Abwehrmann fällt nicht nur auf dem Platz und in der Kabine auf – er tut es auch privat. Die Bedürfnisse der berüchtigten englischen Boulevardpresse jedenfalls bediente Walker in den vergangenen Jahren perfekt. So hat er insgesamt sechs Kinder: vier mit seiner Frau, zwei mit seiner Affäre. Nach einigen reumütigen Interviews („Das, was ich getan habe, ist furchtbar“) scheinen die Dinge bei der EM zumindest offiziell wieder in einer gewissen Ordnung zu sein. So saß die Ehefrau zuletzt mit den vier Kindern im Stadion – ebenso wie die Affäre mit den anderen beiden. Das aber offenbar in verschiedenen Blöcken, um sich eher nicht über den Weg laufen zu müssen.

Der etwas spezielle doppelte Rückhalt ist nun womöglich auch rund ums Finale im Berliner Olympiastadion wieder so gegeben für Kyle Walker – beim großen Duell gegen seinen Kontrahenten Dani Carvajal. Es geht um den EM-Pokal. Und um den Status als bester Rechtsverteidiger der Welt.

Weitere Themen