Spanien-Rundfahrt Ex-Biathlet Florian Lipowitz auf Höhenflug

Eine seiner Stärken ist die Leidensfähigkeit in den Bergen: Florian Lipowitz. Foto: dpa/Roth

Radsportler Florian Lipowitz trägt bei der Vuelta das Weiße Trikot des besten Jungprofis – obwohl er als wichtigster Helfer von Primoz Roglic, dem Kapitän von Red Bull-Bora-hansgrohe, hart arbeiten muss.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Die Vuelta a España ist im Vergleich der dreiwöchigen Etappenrennen die dritte Kraft, im Kampf um Anerkennung treiben es die Organisatoren deshalb gerne auf die Spitze. Neun (!) Bergankünfte gibt es bei der derzeit laufenden Spanien-Rundfahrt, die in diesem Jahr auch bei der Zahl der Höhenmeter (rund 57 500) die Tour de France (rund 52 000) und den ebenfalls populäreren Giro d’Italia (rund 44 650) weit hinter sich lässt. Das bringt die Radprofis immer wieder an ihre Grenzen, was für einen Vuelta-Starter besonders interessant ist. Denn noch hat Florian Lipowitz (23) keine Ahnung, wo sein Limit liegt. Das weiß auch Primoz Roglic nicht, der Superstar von Red Bull-Bora-hansgrohe staunt umso mehr über das Potenzial seines jungen Teamkollegen. „Es ist unser erstes gemeinsames Rennen, und er zeigt eine großartige Leistung“, sagt der 34-jährige Slowene, „er fliegt.“ Und das in ungeahnten Höhen.

 

Eigentlich war Florian Lipowitz lediglich als bergfester Unterstützer für Roglic eingeplant. Mittlerweile ist der Mann aus Laichingen bei Ulm der Edelhelfer des Mannes, der die Vuelta zum vierten Mal gewinnen will. Und womöglich klettern sie am Sonntag in Madrid sogar zusammen aufs Podium. Denn Florian Lipowitz ist nicht nur Sechster in der Gesamtwertung, sondern trägt derzeit auch das Weiße Trikot des besten Jungprofis, das bei der Vuelta noch nie ein deutscher Fahrer gewonnen hat. Aktuell symbolisiert dieses begehrte Kleidungsstück, was die Verantwortlichen bei Red Bull-Bora-hansgrohe, die mit Emanuel Buchmann oder Lennard Kämna reichlich Erfahrungen gesammelt haben, schon länger ahnen: dass Florian Lipowitz das größte deutsche Rundfahrtalent ist.

Die Lieblingsvision von Ralph Denk

Was er selbst von dieser Einschätzung hält? Lässt sich schwerlich in Erfahrung bringen. Denn das Team schirmt seinen jungen Überflieger ab, so gut es geht. Vor der Vuelta und in den digitalen Medienrunden an den Ruhetagen wird der Fokus auf Primoz Roglic gerichtet, um Florian Lipowitz in dessen Schatten eine ruhiges, kontinuierliches und möglichst stressfreies Fortkommen zu ermöglichen. Immer mit dem einen großen Ziel im Hinterkopf: Der Rennstall möchte möglichst bald die Frankreich-Rundfahrt gewinnen, und die Lieblingsvision von Teamchef Ralph Denk lautet, dies aus eigener Kraft zu schaffen: „Wir wollen uns den Tour-Sieger nicht kaufen, sondern ihn selbst entwickeln.“ Florian Lipowitz, so viel ist sicher, gilt als eine der möglichen Optionen.

Es wäre, auch wenn der Weg bis ganz nach oben extrem weit ist, eine ganz besondere Geschichte. Denn die ersten Schritte machte Florian Lipowitz in einer anderen Sportart.

Nicht nur zum Grundlagentraining auf dem Rad

Als Achtjähriger begann der Laichinger mit Biathlon, wurde deutscher Schüler-Meister und schaffte den Sprung in den Bundeskader. Auf dem Rad saß er immer schon gerne, nicht nur zum Grundlagentraining. Nachdem er bereits mit neun Jahren seinen ersten Radmarathon in den Bergen bestritten hatte (Dreiländergiro Nauders, 120 Kilometer), wurde die Leidenschaft stetig größer, angetrieben auch durch Urlaube mit der Familie auf den Pässen in den Alpen und Pyrenäen. „Bewegung in der Natur“, sagte Lipowitz einmal dem Magazin „Rennrad“, „gehörte schon immer zu meinem Alltag.“

Mit 17 Jahren (Entzündung in einer Wachstumsfuge) und mit 19 Jahren (Kreuzbandriss) hatte er große Knieprobleme, seine Ausdauereinheiten fanden in dieser Zeit fast ausschließlich im Sattel statt. Parallel dazu zeigte Florian Lipowitz bei Radmarathons in Österreich und der Schweiz seine natürliche Klasse in den Bergen. Er fuhr erste Siege ein und entschied, komplett aufs Rad zu wechseln. Den ersten Vertrag unterschrieb er nach einem Leistungstest 2020 beim Continental-Team Tirol KTM Cycling, ohne ein Lizenzrennen bestritten zu haben.

Durchbruch bei der Tour de Romandie

Seine Erfahrung im Leistungssport half Florian Lipowitz, dessen ein Jahr älterer Bruder Philipp 2021 Junioren-Weltmeister im Biathlon wurde. „Biathlon bereitet mehr Schmerzen als Radsport, sie sind kürzer aber intensiver“, sagt Florian Lipowitz, zu dessen Stärken die Leidensfähigkeit im Gebirge gehört. Das zeigte er auch nach seinem Wechsel 2023 zu Bora-hansgrohe. Vor fünf Monaten gelang ihm mit Platz zwei auf der Königsetappe der Tour de Romandie, zeitgleich mit Sieger Richard Carapaz (derzeit Vierter der Vuelta), der Durchbruch in der World-Tour. Anschließend folgte ein starker Auftakt beim Giro, den er allerdings früh wegen einer Coronainfektion verlassen musste. Doch er kam stark zurück, wurde DM-Zweiter und holte sich den Sieg bei der Sibiu-Tour. Danach ging es zur Vuelta. Und auf einen beachtlichen Höhenflug.

Der Auftritt im heißen Spanien ist auch deshalb so bemerkenswert, weil Florian Lipowitz („Lange Berge liegen mir“) an den steilsten Anstiegen als Lokomotive für Primoz Roglic richtig hart arbeiten muss – und danach trotzdem nicht abgehängt wird. Unter den besten zehn der Gesamtwertung gibt es keinen anderen Helfer, sondern nur Kapitäne. Kein Wunder also, dass Primoz Roglic sagt: „Es ist ein gutes Gefühl, ihn an meiner Seite zu haben.“ Im Rennen. Und am Ende vielleicht ja sogar auf dem Podium.

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