Spanische Exklave in Marokko Wie die Schmugglerstadt überleben will

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Die spanische Nordafrikaexklave Ceuta hat lange ganz gut vom Schmuggel gelebt. Doch jetzt duldet ihn Marokko nicht mehr. „Das Überleben der Stadt ist in Gefahr“, sagt ihr Bürgermeister.

Damit ist es jetzt vorbei: Diese Frauen transportieren in Sackkarren Waren über die Grenze –  unter den Augen der Grenzpolizisten. Foto: Martin Dahms
Damit ist es jetzt vorbei: Diese Frauen transportieren in Sackkarren Waren über die Grenze – unter den Augen der Grenzpolizisten. Foto: Martin Dahms

Madrid - Falls es jemand noch nicht geglaubt haben sollte, stellte Nabyl Lakhdar die Dinge vor ein paar Tagen klar: Mit dem „atypischen Handel“ zwischen Marokko und Ceuta ist jetzt Schluss, „es sei denn, dass ich die Anordnung bekomme, den Schmuggel zu legalisieren“, sagte der Generaldirektor des marokkanischen Zolls in einem Gespräch mit der spanischen Nachrichtenagentur Efe. Im Laufe des März werde er sich mit seinem spanischen Kollegen in Madrid zum „gemeinschaftlichen Nachdenken“ über die neue Lage an der Grenze treffen. Und im Übrigen sei der Schmuggel in Melilla auch bald an der Reihe.

Was Marokkos oberster Zollbeamter da verkündete, ist eine Revolution. Ceuta, die spanische Nordafrikaexklave, hat bis vor kurzem ganz gut vom Schmuggel gelebt, der hier nie Schmuggel, sondern immer „atypischer Handel“ genannt wurde. An vier Tagen der Woche kamen tausende Marokkaner – abwechselnd Frauen und Männer – in die 85 000-Einwohner-Stadt, um sich mit Schmuggelware zu beladen und sie nach Marokko zu bringen. Alles unter den Augen der spanischen und marokkanischen Grenzpolizisten.

Es war ein tägliches Absurdistan, das sich im Laufe der Jahre so eingespielt hatte – und von dem viele Menschen lebten: mehr schlecht als recht die Lastenschlepper, die sich frühmorgens auf marokkanischer Seite mit ihren Sackkarren in langen Schlangen einreihten, um von acht Uhr an über den Grenzposten ins Gewerbegebiet Tarajal gleich hinterm Zaun zu laufen und ihre Karren zu beladen; etwas besser die Hintermänner, die ihnen die Ware auf marokkanischer Seite abnahmen und in ganz Marokko verkauften; auch nicht schlecht die marokkanischen Grenzer, die sich bestechen ließen; und ziemlich gut die Händler in ihren Lagerhäusern in Tarajal. Rund ein Viertel der Wertschöpfung Ceutas soll dieser Handel ausgemacht haben.

Ceuta lebt, mehr noch als vom Handel, vom spanischen Staat

Seit November werden die Schmuggler von den Marokkanern nicht mehr nach Ceuta gelassen. Der eigens für sie eingerichtete Grenzübergang ist geschlossen. Es gab aber von marokkanischer Seite keine offizielle Erklärung dazu, weswegen sich das sonst so gut informierte Regierungspräsidium in Ceuta auch lange nicht sicher war, ob die Grenze nicht doch wieder für den Schmuggel geöffnet würde. Die Zweifel dürften spätestens seit dem Agentur-Interview mit dem marokkanischen Zolldirektor Lakhdar beendet sein.

In der Zwischenzeit gab es ein paar Protestaktionen der Lastenschlepper, aber nicht so viele oder so lang andauernde, dass die marokkanischen Behörden um den sozialen Frieden fürchten mussten. Für die Leute, die in der Grenzgegend leben, ist das Ende des Schmuggels ein harter Schlag. Aber für die marokkanische Wirtschaft ist es eine gute Nachricht. „Jeder im Schmuggel Beschäftigte zerstört fünf reguläre Arbeitsplätze“, sagt Lakhdar. Das mag übertrieben sein. Aber die Richtung stimmt.

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Für Ceuta, eine der ärmsten Städte Spaniens mit einer Arbeitslosenrate von 27,6 Prozent, ist das Ende des „atypischen Handels“ eine gewaltige Herausforderung. Es sei keine Übertreibung, schrieb der Bürgermeister und Präsident der Autonomen Stadt, Juan Jesús Vivas, dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez, dass „das Überleben unserer Stadt“ in Gefahr sei. Wahrscheinlich ist das übertrieben. Ceuta lebt, mehr noch als vom Handel, vom spanischen Staat, der diese und die andere Nordafrikaexklave Melilla nicht einfach in marokkanische Hände fallen lassen will. Aber so viele Beamte kann der Staat gar nicht beschäftigen, dass eine ganze Stadt davon in Lohn und Brot kommt. Es braucht ein bisschen mehr.

Eine weitere Hoffnung für Ceuta hat sich nur halb erfüllt

Zum Glück kommen seit einiger Zeit Einkaufstouristen nach Ceuta – nicht mit der Sackkarre, sondern im Mercedes, marokkanische Mittelschicht. „Zara zum Beispiel hat einen gewaltigen Laden in Ceuta“, sagt Fernando Santiago, Autor eines Dokumentarfilms über die Lastenschlepper an der Grenze. „Da kaufen Leute aus den marokkanischen Nachbarstädten ein, Leute mit Geld.“ Solche Leute lässt Marokko weiter über die Grenze, wenn die Kontrollen in den vergangenen Wochen auch manchmal ermüdend penibel waren. Das hat sich wieder entspannt. Ceuta wird nicht abgedrosselt.

Eine weitere Hoffnung für Ceuta hat sich nur halb erfüllt. In Blickweite der Stadt, auf der anderen Seite des Mittelmeers, liegt Gibraltar, das seit dem Brexit nicht mehr zur Europäischen Union gehört. Die dort ansässigen Online-Casinos mussten sich für ihr EU-Geschäft einen neuen Standort suchen. Die meisten gingen nach Malta. Ein paar aber doch, so wie Spanien das gehofft hatte, nach Ceuta, das mit Steuervergünstigungen lockte. Die drei größten Unternehmen der Stadt, die einzigen, die mehr als 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr machen – deutlich mehr –, sind jetzt Online-Casinos. Ein paar Dutzend Arbeitsplätze haben sie auch mitgebracht. Es ist ein neuer Anfang nach dem Ende des Karrenschiebergeschäfts.




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