Spanische Grippe Pandemie war damals Nebensache

Französische Grippe-Patienten 1918 – es gibt kaum Bilder aus deutschen Krankenhäusern, weil die Politik die Epidemie aus Propagandagründen verschwiegen hatte. Foto: imago//National Library Of Medicine

Die Spanische Grippe ist zwar in mancher Hinsicht mit der Corona-Seuche vergleichbar. In den Kriegswirren empfanden die Menschen sie aber nur als ein Übel von vielen. Dabei forderte sie am Ende mehr Opfer als der Erste Weltkrieg. Eine Spurensuche.

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Stuttgart - Am 24. Oktober 1918 berichtete das „Heidelberger Tagblatt“ in einer kleiner Notiz über das traurige Schicksal der Kinder der Familie Riedinger aus der Gemeinde Mosbach in Nordbaden: Der Vater erlag einer Lungenentzündung, seine Frau folgte ihm am Tag darauf in den Tod, ebenso die Oma. Zurück blieben zwei Vollwaisen, sechs und elf Jahre alt.

 

Hinter dem tragischen Verlust steckte die Spanische Grippe, eine aggressive Form der Influenza, der vor allem junge Menschen zum Opfer fielen, oft binnen zwei, drei Tagen. Sie war eine Pandemie, die mit dem Ausmaß der Corona-Seuche in mancher Hinsicht vergleichbar ist – sie verbreitete sich ähnlich rasant, kein Medikament konnte ihr Einhalt gebieten. Weltweit forderte sie zwischen 25 und 50 Millionen Menschenleben, was einer Todesrate von zwei bis drei Prozent gleich kommt. In diesen Tagen der Ungewissheit schaut manch einer in die Geschichtsbücher und fragt sich, ob es Parallelen gibt und man aus der Geschichte lernen kann.

Die Geburtsstunde des Virus verlief in beiden Fällen ähnlich. Damals ging es nicht in China, sondern in den USA auf den Menschen über, vermutlich in einem Schweinestall. Alarmrufe wurden nicht ernst genommen. Der Arzt Loring Miner in Haskell County im US-Bundesstaat Kansas berichtete Anfang 1918 von ungewöhnlich schweren Grippesymptomen unter jungen Männern. Die Gesundheitsbehörden ignorierten die Hinweise. Männer aus dem County wurden zur US-Armee eingezogen. Das Virus kam mit dem Schiff nach Europa, verbreitete sich während der Frühjahrsoffensive an der Westfront und erreichte im Sommer den Südwesten Deutschlands. Aus einer Mitteilung des Württembergischen Statistischen Landesamts vom 30. Juni 1920 geht hervor, dass in Württemberg 7300 Menschen an den Folgen starben. Im Großherzogtum Baden waren es 8400.

Auch damals verhallten Warnhinweise

Die Welt war damals allerdings eine andere: Deutschland war im Krieg und die Epidemie schlicht ein weiteres Übel, das die Menschen wie eine Naturkatastrophe hinnahmen. Ein „Mosaikstein des Leidens im Weltkrieg“, wie der Militärhistoriker Eckard Michels schreibt. Die Tageszeitungen berichteten nur am Rande, etwa unter der Rubrik „Vermischtes“, wo den Hausfrauen zunächst lang und breit erklärt wurde, wie man Sauerkraut einweckt. Zum Schluss hieß es dann noch: „Übrigens: Gegen die Grippe hilft Brennnesseltee mit Zucker.“

Stuttgarter Neues Tagblatt: Ursache war eine ungewöhnliche Wetterlage

Dass die Epidemie Nebensache war, hatte weitere Gründe. Die Mediziner stocherten im Dunkeln, die Behörden hielten bewusst Informationen zurück. Die Zeitungen berichteten allenfalls punktuell über Einzelschicksale, aus Propagandagründen aber niemals über die Massenerkrankungen in der Armee, die das Virus in die Bevölkerung trug. Stattdessen erklärte das Stuttgarter „Neue Tagblatt“ am 4. Juli 1918, die „Spanische Krankheit“ sei Resultat einer ungewöhnlichen Wetterlage über Spanien und „nunmehr von den jetzt wehenden Westwinden nach Mitteleuropa fortgepflanzt worden, bei uns begünstigt durch die jüngste zehntägige Periode des Sonnenscheinmangels“.

Die dürftige Informationslage war Nährboden vieler kruder Theorien. Soldaten machten sexuelle Abstinenz und schlechte Kost verantwortlich für die Krankheit. Verbreitet war auch die These, Konservendosen aus Spanien seien vergiftet worden. Die USA verdächtigten deutsche Spione, die Krankheit eingeschleppt zu haben. Auch das Bayer-Produkt Aspirin stand unter Verdacht, manipuliert worden zu sein. „Verschwörungsgedanken sind eine anthropologische Konstante in der Reaktionsform der Gesellschaft auf Bedrohungen“, sagt der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven. Sie kursierten schon zu Zeiten der Pest, und sie kursieren in Zeiten von Corona, trotz oder gerade wegen der Informationsflut im Netz.

In Laichingen starben binnen weniger Tage 37 Menschen

Als eine zweite, heftigere Epidemiewelle im Oktober 1918 ganze Dorfbevölkerungen dezimierte, konnte die Presse nicht mehr wegschauen: Am 15. Oktober berichtete das „Neue Tagblatt“ von der „Laichinger Seuche“. In dem 3300-Seelen-Dorf auf der Alb starben binnen Tagen 37 Menschen. Besonders traurig: das Schicksal der Familie Schwenkedel. „Gerade freuten sich noch die vier Kinder über die vorübergehende Heimkehr des Vaters vom Felde, stehen sie nun plötzlich vater- und mutterlos da.“ Woher das Virus gekommen sein mag, wird nicht erwähnt.

Nur einen Tag danach trat auf Initiative des ebenfalls erkrankten Reichskanzlers Max von Baden das Reichsgesundheitsamt zusammen – und trennte sich nach mehrstündiger Beratung ohne konkrete Vorschläge, wie der Medizinhistoriker Wolfgang Eckart schildert. Das hatte gegen Kriegsende, als in den Städten wieder Kinos und Tanzcafés die Massen anzogen, verheerende Folgen. In Konstanz versuchte der Stadtrat, Vergnügungsstätten zu schließen, doch dem badischen Innenministerium war die Stimmung in der Bevölkerung wichtiger.

Volle Kinos und Tanzcafés auf dem Höhepunkt der Epidemie

Auch in Mannheim „hustete und schniefte das fiebrige, aber begeisterte Publikum im Kino Colosseum und im Nibelungensaal des Rosengartens“, berichtet Eckart. Auch dort wehrte das Ministerium Schließungsversuche seitens der Stadt ab mit der Begründung, man könne „der Bevölkerung überlassen, ihr Verhalten zu bestimmen“. Die Mannheimer Gesellschaft der Ärzte äußerte sich daraufhin im Generalanzeiger: „Die Krankenhäuser sind überfüllt, das Pflegepersonal in der unerhörtesten Weise überlastet, aber ruhig laden Litfaßsäulen zum Besuch von allen möglichen Zusammenkünften ein, der besten Gelegenheit, die Epidemie weiterzuverbreiten.“ Trotz Warnhinweisen von Ärzten wurden nur mancherorts Schulen und Kinos geschlossen. Kurze Zeit später beherrschte dann die Novemberrevolution die öffentliche Wahrnehmung.

Das Schattendasein der Epidemie hat dazu geführt, dass sie kaum Eingang in die deutsche Erinnerungskultur fand. 2018 – 100 Jahre danach – wurde wenig berichtet. Das einzige Denkmal in Deutschland steht in Wiesloch. Dort hat eine Frau herausgefunden, warum ihr Großvater ein gebrochener Mann war. Heute weiß sie, dass seine erste Frau an der Grippe starb. Eine Tafel an ihrem Grabstein erinnert an weitere 426 000 Opfer in Deutschland.

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