Spanischer Jungstar bei der EM Das macht Lamine Yamal so stark
Der Erfolgsweg des jüngsten Torschützen der EM ist auch mit den Werten von Johan Cruyff, der niederländischen Legende des FC Barcelona, verbunden.
Der Erfolgsweg des jüngsten Torschützen der EM ist auch mit den Werten von Johan Cruyff, der niederländischen Legende des FC Barcelona, verbunden.
Klar kamen die Vergleiche wieder, jetzt erst recht. Lamine Yamal wollte sie mit einem Satz beenden, spät in der schwülwarmen Münchner Fußballnacht, in der er das Feuer dieses jederzeit so heißen und flirrenden EM-Halbfinals gegen Frankreich entfacht hat. Also sagte Yamal, der längst als sogenanntes Wunderkind des Fußballs durchgeht, über das einstige Wunderkind dies, als nach dem spanischen 2:1-Erfolg alle wieder heruntergekühlt waren: „Es wird keinen anderen Fußballer wie Leo Messi geben.“ Punkt. Und Schluss?
Wohl kaum.
Es sind ja nicht nur die Tore, die Leistungen und die Bestmarken, mit denen Yamal die Messi-Vergleiche befeuert, ohne sie befeuern zu wollen. Es gibt auch diese eine, wunderbare Geschichte, die nun nach Yamals Traumtor, dem Schlenzer in den Winkel am Dienstagabend, wieder aufkam - und tags darauf nochmals viral ging: Die Geschichte von einst: mit Lionel Messi an der Wanne.
So postete Yamals Vater Mounir Nasraoui kürzlich ein Bild, in dem Superstar Messi ein Baby in einer Wanne wäscht. Der Säugling: Lamine Yamal. „Der Beginn zweier Legenden“, schrieb Nasraoui zu dem Foto, das 2007 im Rahmen eines Wohltätigkeitskalenders entstanden ist. Und, was soll man sagen: Man kann dem Vater nicht widersprechen. Denn 2007 nahm die Weltkarriere der heutigen Legende Lionel Messi weiter Fahrt auf. Und 2007 wurde, wie sich heute sagen lässt, der spätere mit nun 16 Jahren und 362 Tagen jüngste Torschütze der EM-Geschichte von Messi gebadet. Der jüngste Teilnehmer des kontinentalen Turniers ist Lamine Yamal ohnehin schon. Eine Weltkarriere scheint also, frei nach dem Papa, zu beginnen.
Seinen Trainer wiederum interessieren solche schlauen Prognosen naturgemäß nur am Rande. So machte Spaniens Coach Luis de la Fuente nach dem Geniestreich seines Schützlings gegen die Franzosen wenig überraschend das, was ein Trainer hinterher wohl tun muss. Er lobte, warnte aber auch: „Wir müssen uns um Lamine kümmern – ich möchte, dass er weiter demütig bleibt.“
Dem Auftritt Yamals von München in der dritten Halbzeit nach zu urteilen, muss man sich da wohl eher keine großen Sorgen machen. Denn Yamal gab die Bescheidenheit in Person – aber nicht ohne seine diebische Freude zum Ausdruck zu bringen. An diesem Samstag, ein Tag vor dem Finale in Berlin, feiert der Jungstar seinen 17. Geburtstag. „Es ist ein Traum, der wahr wird“, sagte er: „Mein Ziel war es, meinen Geburtstag in Deutschland zu feiern.“ Und: Seiner Mutter Carolin habe er schon gesagt, „dass sie mir nichts schenken muss. Das Finale zu gewinnen, wäre Geschenk genug.“
So redet ein so geerdeter wie zielstrebiger Heranwachsender - der mit seine Vita und dem Beginn seiner Karriere für einen speziellen Weg seines Clubs steht, der früh seinen Anfang nahm. Und bei dem der große Johan Cruyff einst die Richtung vorgab. Die niederländische Legende, einer der besten Kicker der Geschichte, führte als Trainer des FC Barcelona das berühmte Prinzip von Ajax Amsterdam ein, das bis heute bei den beiden Traditionsclubs gilt. Es heißt: Mut zur Jugend. Oder anders: Zieht die Jungs, wenn es körperlich und fußballerisch geht, frühzeitig in höhere Altersstufen hoch in den Nachwuchsteams. Und bei den Erwachsenen dann eben auch.
Wo andernorts die Erfahrung als ein Hauptkriterium angesehen wird, ist das in Amsterdam und Barcelona traditionell nicht so. Das Ausbildungskonzept des Überspringens greift - und tut das inzwischen auch in anderen Ländern und Clubs. Es geht nur darum, wie gut ein Spieler fußballerisch entwickelt ist. 16 oder 26? Egal! Die Qualität entscheidet. Und nicht das Alter. Youssoufa Moukoko von Borussia Dortmund ist ein Beispiel für diesen Weg, auch wenn dessen Entwicklung zuletzt stagniert hat und seine Fähigkeiten Stand jetzt gewiss nicht an jene von Yamal heranreichen. Ein gewisser Timo Werner, das zur Erinnerung, absolvierte einst im August 2013 beim VfB Stuttgart mit 17 Jahren seine erste Bundesligapartie und steht damit auch für diesen Jugendweg.
Die Liste solcher Geschichten ist beim FC Barcelona traditionell lang. Die berühmteste schrieb selbstredend Messi, der Zögling der berühmten Talentschmiede „La Masia“. Auch aktuelle Nationalspieler wie Gavi oder Pedri stehen für diesen Weg – den auch klassische spanische Ausbildungsclubs wie etwa Athletic Bilbao traditionell so gehen.
Im Fall von Lamine Yamal kommt nun auf der Ebene der EM ein weiterer entscheidender Faktor hinzu, der seine Qualitäten fördert: So schafft es das spanische Nationalteam, den Offensivmann in Szene zu setzen. Das klingt banal – ist aber auch beim Blick auf den Halbfinalgegner von München elementar. So haben die Franzosen, bis auf Konter über die schnellen Außen, keinerlei einstudierte offensive Abläufe in petto. Spanien dagegen bringt seine Offensivkräfte durch ein fein austariertes Passspiel mit durchchoreografierten Folgen und Verlagerungen immer wieder in gute Positionen.
Und dann, ja dann muss die Rakete wie am Dienstagabend „nur“ noch zünden.