Welche Werte tragen unserer Gesellschaft? Wie gelingt ein besseres Miteinander? Und nicht zuletzt: Wohin steuert Deutschland? Große Fragen, auf die am jetzt die Gerlinger CDU in einem Podiumsgespräch nach Antworten gesucht hat. Einer der Schwerpunkte lag dabei auf der Flüchtlingsfrage.
Natürlich ist dieser Abend, zu der die CDU in den großen Saal des Gerlinger Rathauses eingeladen hat, in erster Linie eine Wahlkampfveranstaltung für Steffen Bilger. Der Jurist vertritt seit 2009 als direkt gewählter CDU-Bundestagsabgeordneter den Landkreis Ludwigsburg und will das auch nach der Wahl am 23. Februar tun.
Doch ihm zur Seite setzen die beiden Moderatoren des Abends, der Fraktionschef der CDU im Gerlinger Gemeinderat, Christian Haag, und CDU-Stadtrat Martin Weeber, eben auch einen Mann, der aus seiner gelebten Praxis als Pfarrer und Direktor des Pfarrseminars auf viele Fragen, die bei dieser Veranstaltung gestellt werden, fast immer die spannenderen Antworten parat hat. Ob gewollt oder nicht: Am Ende lohnt sich das Podiumsgespräch vor allem seinetwegen.
Tobias Merckle gründete 2001 das Resozialisierungsprojekt „Seehaus Leonberg“. Der gemeinnützige Verein, der in den Bereichen Opfer- und Straffälligenhilfe sowie Prävention tätig ist, betreibt in Leonberg und Leipzig Einrichtungen, in denen eine freie Form des Strafvollzugs als Alternative zum geschlossenen und offenen Strafvollzug mit Erfolg praktiziert wird. Zudem gründete Merckle 2013 die Stiftung Hoffnungsträger, die sogenannte „Hoffnungshäuser“ betreibt, in denen Flüchtlinge und einheimische Menschen zusammenleben.
Nach Spaltung die Versöhnung suchen
So beantwortet Merckle auch eine der zentralen Fragen unsere Zeit mit Blick auf seine Erfahrungen im freien Strafvollzug: Für den 54-Jährigen sind Werte wie „Toleranz, Respekt und die Anerkennung, dass alle gleich viel wert sind“ die Grundlagen für eine funktionierende Gesellschaft.
Steffen Bilger unterstreicht das und bezieht die politische Sphäre mit ein: Gerade in Zeiten des Wahlkampfes werde immer wieder gefordert, die Unterschiede der Parteien deutlich zu machen, sagt Bilger. „Aber wir haben uns auch vorgenommen, dass wir überall dort, wo Spaltung entsteht, wieder Versöhnung suchen.“ In den Parteien der Mitte gebe es viele Gemeinsamkeiten. Wo diese nicht bestehen, müsse man trotzdem an einen Tisch kommen. Soll heißen: Ohne Respekt, Anerkennung und Toleranz geht es auch hier nicht.
Fünf Jahre Arbeitsverbot
Für Merckle ist die Vorbildfunktion generell ein wichtiges Werkzeug, um anderen Menschen Orientierung zu bieten. Das gelte auch bei Themen wie Arbeit und Verantwortung. Zwischen dem Fachkräftemangel in Deutschland und der Flüchtlingspolitik zieht der Seehaus-Chef in diesem Zusammenhang einen roten Faden: „Wir haben viele Flüchtlinge hier, die Arbeiten wollen.“ Das Problem: „Viele dürfen es nicht.“ Merckle beschreibt das Schicksal eines Flüchtlings ohne Pass, dem fünf Jahre lang verwehrt wurde, Sprachkurse zu machen sowie einer Arbeit nachzugehen.
„Wenn jemand so lange zum Nichtstun verurteilt ist, wäre es ein Wunder, wenn der ‚normal‘ bleibt“, sagt der Gründer der Hoffnungsträger-Stiftung. Er kritisiert, dass auch Flüchtlinge, die integriert seien und einer Arbeit nachgingen, in Furcht vor Abschiebung leben müssen: „Wir schieben oft die Falschen ab.“
Warum in Deutschland Flüchtlinge nicht überall so integriert werden können, wie es eigentlich notwendig wäre, begründet Bilger vor allem mit der großen Zahl der Geflüchteten: „Wir sind in einer Phase der Überforderung, in der wir dem einzelnen Menschen nicht mehr gerecht werden können.“.Womit der Bundestagsabgeordnete dann doch noch den Bogen zum CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz spannt: „Hier spricht Merz Klartext.“
Am Gerlinger Fraktionschef Christian Haag ist es, das Schlusswort zu sprechen: Fast mahnend fordert er die Zuhörer im Rathaussaal auf, zur Wahl zu gehen. Er denkt wohl nicht nur an die eigene Partei, wenn er betont, „wir müssen in den nächsten vier Jahren liefern“. In Deutschland drohten sonst „österreichische Verhältnisse“ und die, sagt Haag, „wollen wir alle nicht“.