Man kann da ja nicht mehr sicher sein, nicht mal ein Förster wie Böer. Bei diesen Hitzen, Stürmen und dem Borkenkäfer.
Der Wald sieht nicht aus wie ein Wald
Was Böer, 57, tut, klingt dramatisch, einerseits: den Wald für eine ungewisse Zukunft wappnen. Und normal andererseits: den Wald bewahren. Allerdings hat es eine Zeit gegeben, in der das gar nicht normal war. Es war eine schlimme Zeit, und etwas wie einen Wald gab es damals eigentlich nicht mehr. Dafür gab es eine Einrichtung namens Forstgefängnis. Seinen Sitz hatte es in Bönnigheim, in einem Nebengebäude des Schlosses, das heute das Museum für Naive Kunst beherbergt.
So ungewöhnlich dieses Gefängnis war, so unbekannt war auch seine Geschichte. Bis Burkhard Böer sie erforscht hat. Und es sagt viel, wenn einer wie Böer, Förster und historisch interessiert, von dieser Geschichte noch etwas lernen konnte.
Den Wald im 19. Jahrhundert, in jener Zeit spielt die Geschichte des Forstgefängnisses, muss man sich so trostlos wie möglich vorstellen: Abgeholzte Bäume wohin man schaut, dazwischen dürre Sträucher und dorniges Gestrüpp. Schon vor dieser Verödung sind die Wälder jener Zeit nicht mit dem vergleichbar, was wir heute einen Wald nennen. Auf weiten Flächen stehen einige wenige Eichen und Buchen, dazwischen tummeln sich Haseln, Weiß- und Schwarzdorne. Weil aus diesen ohnehin relativ lichten Beständen aber auch noch viel mehr Holz entnommen wird als nachwachsen kann, gibt es zwischen dem Wald von damals und dem Wald von heute bald gar keine Gemeinsamkeit mehr.
Der Wald wird ausgeplündert
Holz ist ein begehrter Rohstoff gewesen: Hütten werden damit geheizt, Köhler und Schmiede sind darauf angewiesen, Kalköfen, Salzsiedereien, Erz- und Glashütten können ohne Holz nichts brennen, sieden und schmelzen. Dann sind da noch die Rinder, Ziegen und Schweine, die sich am Gras, den Sträuchern, Bucheckern und Eicheln im Wald laben können. Am verheerendsten ist jedoch, dass die Bauern das Laub des Waldes als Streumaterial für ihre Ställe entdecken. Sie fegen die Wälder regelrecht leer – und nehmen dem Wald mit den verwesenden Blättern auch seine Nährstoffe. Die Böden werden sauer, Holz kann auf ihnen kaum noch wachsen. „Unsere Wälder sahen aus wie die Lüneburger Heide“, sagt Burkhard Böer.
Wo der Waldfrevel besonders häufig war
In dieser Zeit konnte das Forstgefängnis entstehen, von dem es außer in Bönnigheim auch eins in Neuenbürg und in Bebenhausen gab. Warum nur in diesen Orten, das hat auch Burkhard Böer nicht sicher klären können. Vielleicht weil Waldfrevel dort besonders häufig war.
Holzarmut damals bedeutet nicht nur, dass man keine Tiere mehr in den Wald treiben darf, oder dass man nicht mehr Holz holen darf, als nachwachsen kann. Holzarmut damals bedeutet, dass etwa in Kleinsachsenheim keine neuen Schlagbäume errichtet werden. Und dass es Holz aus dem Gemeindewald allenfalls für Neubauten gibt, nicht jedoch für Reparaturen.
Ein Kraftakt ohne gleichen
Dass es so nicht weitergehen kann, ist offensichtlich. Ebenso, dass die abgewirtschafteten Wälder aufgepäppelt werden müssen. Wie Burkhard Böer erstaunt festgestellt hat, waren die ersten Aufforstungen keine Anordnungen „von oben“, sondern gingen auf örtliche Initiativen zurück. Alte Stämme werden mit Stumpf und Stiel beseitigt, der Boden wird tief umgegraben, überwiegend mit Kiefernsamen aus dem Odenwald übersät. Und fortan gilt die Regel: Niemals mehr Holz aus dem Wald ernten als zuwächst. „Dieses Wiederaufforstungsprogramm war ein Kraftakt ohne gleichen, der noch heute höchstes Lob und Anerkennung verdient“, sagt Burkhard Böer. Denn was logisch klingt, war sehr schwer durchzusetzen.
Von einer nachhaltigen Waldwirtschaft haben die Menschen jener Zeit nichts. Sie haben große Not. Zwei katastrophale Vulkanausbrüche – anno 1809 und anno 1815 – haben zu einem Klimawandel geführt. Die Sommer in ganz Europa sind verregnet, die Ernten fallen zu großen Teilen aus, das Vieh wird krank, die Preise steigen. Die Menschen hungern. Ausgerechnet in dieser harten Zeit, fällt auch noch der Anspruch auf Holz aus Gemeindewald weg. Wer dennoch vom Waldschütz beim Waldfrevel erwischt wird, läuft, zumindest im Gebiet des altwürttembergischen Forstamt Stromberg, Gefahr, im Gefängnis zu landen – im Bönnigheimer Forstgefängnis.
Die Gerechtigkeit kommt zu kurz
Dass es in Bönnigheim einst ein Forstgefängnis gab, wusste Burkhard Böer, seit er vor fast 30 Jahren als Revierförster in die Stadt kam. Aber was heißt schon wissen? Dass es sich im Schloss befand, und dass Wilderer und Forstfrevler dort einsaßen – das war es, was in Bönnigheim, wenn überhaupt, über das ehemalige Gefängnis bekannt war. Böer wollte mehr erfahren. Er studierte Aufzeichnungen seiner Vorvorvorgänger und Chroniken. Aber erst als der forschende Förster auf den Lebensbericht des Forstassistenten Carl Stock stieß, ergaben die Puzzleteile das komplette Bild.
Stock ist um 1870 im Forstamt Bönnigheim für das Bestrafen von Waldfrevlern zuständig. Und seine Erinnerungen machen klar: Im Forstgefängnis sitzen keine Schwerverbrecher ein. Die Menschen, die dort eingesperrt sind, werden bestraft, weil sie Eicheln im Wald gesammelt oder Gras geschnitten haben. Oder weil sie eben doch Holz nach Hause schmuggeln wollten oder Laubstreu für den Stall. Wobei der Arrest in der Regel der Ersatz ist für eine nicht bezahlte Geldstrafe.
Die Strafmaße variieren zwischen ein paar Stunden und zwölf Tagen. Die meisten Delinquenten werden zu zweitägiger Haft verurteilt. Verjährt ist ein Vergehen am Wald übrigens erst nach 20 Jahren. Etwa 3000 Forstdiebstähle hat Forstassistent Stock pro Jahr zu ahnden – an jeweils 16 eigens angesetzten Verhandlungstagen. Dass da für sorgfältiges Abwägen keine Zeit bleibt und Zweifel an der Gerechtigkeit aufkamen, liegt auf der Hand.
Eine beeindruckende Erkenntnis
Ebenso logisch erscheint das Ende der Haftanstalt – anno 1888 ist es gekommen. Die Eisenbahn liefert inzwischen Kohle, die Holz als günstigen Brennstoff ersetzt hat; die Industrialisierung beschert den Bürgern Lohn und Brot; und dank des neu erfundenen Kunstdüngers wächst auf den Feldern viel mehr Getreide – weshalb es viel mehr Stroh gibt. Laubstreu im Stall ist überflüssig. Kurz gesagt: Niemand muss mehr den Wald bestehlen.
An die zehn Jahre hat Burkhard Böer geforscht. Was als Recherche über ein spezielles Gefängnis begann, wurde zu einer spannenden Sozialgeschichte. Burkhard Böer sagt, deutlicher kann man nicht erfahren, was der Satz bedeutet: „Man kann das Heute nicht ohne das Gestern verstehen.“
Und klarer kann man wahrscheinlich auch nicht sehen, dass der Wald von morgen heute geschützt werden muss.