Spannende Heimatgeschichte So gingen vor 300 Jahren Deals um Macht und Geld
Wenn genügend Gulden flossen, konnten sogar Frauen in Amt und Würden kommen – wie es das Beispiel der Merklinger Amtsschreiberin zeigt.
Wenn genügend Gulden flossen, konnten sogar Frauen in Amt und Würden kommen – wie es das Beispiel der Merklinger Amtsschreiberin zeigt.
Schachern um besser bezahlte Posten, gepaart mit Bestechlichkeit und begleitet von Missgunst und Neid – all das ist nichts Neues. Das zeigt die Wahl eines neuen Amtsschreibers in Merklingen im Jahre 1757. Diese endete mit dem überraschenden Ergebnis, dass der Ort, der seinerzeit Sitz eines Amtes des Klosters Herrenalb gewesen ist, aber der württembergischen herzoglichen Verwaltung unterstellt war, für gut vier Monate eine Amtsschreiberin hatte.
Der Tod des Merklinger Amtsschreibers Friedrich Ludwig Möck im Alter von 45 Jahren hatte den Stein ins Rollen gebracht. Ein solch wichtiges Amt konnte nicht unbesetzt bleiben. Was heute Notar, Grundbuch- und Verwaltungsbeamte erledigen, gehörte zu seinen amtlichen Obliegenheiten. Hinzu kam die Anfertigung von Bittschriften und Eingaben der Untertanen an die Obrigkeit. Gewählt wurde der Amtsschreiber von der Amtsversammlung unter dem Vorsitz des Oberamtmanns. Das war in Merklingen damals der ehemalige Oberstleutnant W. F. G. von Franken gewesen – von 1756 bis 1762.
Bei der Wahl stellte der Oberamtmann zunächst den Antrag, die Amtsschreiberei mit der Oberamtei zusammenzuführen. Wie sich bald herausstellte, war das nicht uneigennützig. Der zukünftige Amtsschreiber könnte ihm als Oberamtmann doch jährlich 100 Gulden für seine wenige Lebenszeit ausbezahlen, da er bereits 60 Jahre alt sei und für weniger Geld mehr arbeiten müsse als früher. Neid hat beim Oberamtmann wohl auch eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt: „Der Amtsschreiber, der vier Schreiber halten konnte, habe Ansehnliches verdient, konnte alle Tage ins Wirtshaus gehen, des Sommers alle Sonn- und Feiertage in Kutschen und des Winters in Schlitten fahren und laut (aufwendig) leben.“ Doch bei den Wahlberechtigten biss er auf Granit.
Anlässlich der Wahl war auch der Leonberger Stadtschreiber Rothschuh in Merklingen, um, je nach Sachlage, entweder seinen Schwiegersohn Heinrich Friedrich Bolay oder seinen Schwager Jacob Heinrich Eschenmeyer für die Stelle ins Spiel zu bringen. Die Bolays und die Eschenmeyers teilten sich abwechselnd seit 1659 das Amt des Leonberger Stadtschreibers. Und Rothschuh kam nicht mit leeren Händen: Er bot dem Oberamtmann von Franken für die Wahl eines eigenen Mannes 50 Speziesdukaten an– das waren Goldmünzen mit einem sehr hohen Feingehalt.
Dieses Angebot will der Oberamtmann zwar sogleich zurückgewiesen und Rothschuh mit einer Anzeige gedroht haben. Was ihn aber nicht daran hinderte, den Leonberger zum Vertrauten seiner unlauteren Pläne zu machen. Dabei hatten die beiden die Witwe des verstorbenen Amtsschreibers Möck im Visier, die seit dem Tod ihres Mannes die Geschäfte führte. Rothschuh war egal, welcher Verwandte das Amt ergatterte. Er könne sich vorstellen seinen Schwiegersohn aus dem Rennen zu nehmen, dafür aber seinen Schwager zu „rekommandieren“. Der sei noch ledig und er könne die Witwe „nach vollbrachter Trauerzeit“ heiraten und damit auch das Amt des Schreibers übernehmen. Doch die Wahlmänner machten dem Oberamtmann deutlich, dass sie nichts von den Leonberger Aspiranten auf die Amtsschreiberstelle hielten.
Der Oberamtmann hatte immer noch die jährlichen 100 Gulden aus der Schatulle des Amtsschreibers im Visier, mit der er seine Altersbezüge aufbessern wollte. Nach längerem Hin und Her einigten sich alle Beteiligten im kleinen Merklinger Kreis auf einen, wie man heute sagen würde, Deal: Die Witwe des verstorbenen Amtsschreibers zahlt dem Oberamtmann jedes Jahr die geforderte Summe, dafür geht der einträgliche Amtsschreiberdienst ganz offiziell an sie.
Doch Geld hat der Oberamtmann nie gesehen. Gerüchte über den krummen Handel kamen hohen Regierungsbeamten in Stuttgart zu Ohren. Eine Untersuchung wurde eingeleitet. Als Strafe wurde dem Oberamtmann die Zahlung von 30 Reichstalern auferlegt. Eine vergleichsweise milde Strafe, weil die Pläne nicht umgesetzt wurden und er sich reuig zeigte. Auf eigene Kosten wurde er nach Stuttgart zitiert und „ernstlich“ auf sein Vergehen hingewiesen. Zudem wurde ihm im Wiederholungsfall mit der Entlassung aus dem Staatsdienst gedroht. W. F. G. von Franken starb 1762.
Die Wahl der Witwe zur Amtsschreiberin wurde in Stuttgart mit keinem Wort beanstandet, nur der Versuch des Oberamtmanns sich durch diese Wahl ein Zubrot zu seinem Gehalt zu verschaffen. Der Leonberger Stadtschreiber Rothschuh ging übrigens auch leer aus: Der Verkupplungsversuch seines Schwagers mit der Witwe schlug fehl. Die hatte 1757 Christian Wilhelm Flattich geehelicht. Der wurde durch die Heirat nicht nur Amtsschreiber zu Merklingen, sondern 1763 sogar Expeditionsrat und Leiter des herzoglichen „Kastens“. Das war der Vorläufer des heutigen Finanzamts.