Sparkurs bei den Krankenhäusern So werden Patienten und Personal vergrault

Wie sieht der Weg für das Leonberger Krankenhaus aus? Foto: Simon Granville

Die Konkurrenz in Stuttgart ist groß: Um erfolgreich zu sein, braucht der Klinikverbund Südwest auch die kleineren Häuser, meint unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Da sind sie wieder, die Schatten der Vergangenheit. Es ist gut elf Jahre her, da gingen die Menschen aus Leonberg und Umgebung für ihr Krankenhaus auf die Straße. Die Patientin Martina Gerhold hatte in nur fünf Wochen mehr als 30 000 Unterschriften für die Erhaltung der Klinik gesammelt. Die Bürgerschaft, die Lokalpolitik und die Wirtschaft standen in seltener Einigkeit zusammen: Das Leo-Krankenhaus muss bleiben.

 

Die Zentralisierer an der Spitze des Böblinger Landratsamtes und im Kreistag zeigten sich beeindruckt. Vakante Chefarztstellen, die gestrichen werden sollten, wurden wiederbesetzt. Es gelang seinerzeit sogar, hochkarätige Mediziner zu gewinnen. Jenen Menschen, die nach Leonberg gingen, gefiel der Ansatz der Patientennähe, der in dieser Form zumeist nur in kleineren Häusern möglich ist. Die bekannte Darmspezialistin Barbara John etwa zeigte sich beeindruckt vom großen Nachdruck, mit dem die Menschen für ihr Krankenhaus eintraten.

Jetzt, im Jahr 2025, ist das eingetreten, was nicht wenige Kenner des Klinikverbundes schon damals befürchtet hatten: Die Aufbruchsstimmung von einst ist verflogen. Durch Zentralisierungen und Umstrukturierungen sind etliche Fachkräfte sowohl im medizinischen wie auch im pflegerischen Bereich vergrault worden. Ambitionierte Nachwuchskräfte überlegen sich sehr genau, ob sie sich auf solch unsichere Beschäftigungsverhältnisse einlassen.

Die missliche Situation hat nicht nur mit der bundesweiten Krise im Krankenhaussektor zu tun, sondern mit einem Großprojekt, das ganz offensichtlich die finanziellen Möglichkeiten des Klinikverbundes sprengt. Denn dass der Neubau der Flugfeldklinik zwischen Böblingen und Sindelfingen die Kostenmarke von einer Milliarde Euro übersteigt, gilt in Fachkreisen als sicher.

Prominenter Abgang: Darmspezialistin Barbara John Foto: Simon Granville

In der Tat sind die sanierungsbedürftigen Krankenhäuser beider Städte nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt. Die Überlegung, stattdessen eine gemeinsame Klinik zu errichten, ist schlüssig. Weniger schlüssig ist die weitere Entwicklung: Dass eine zusätzliche Quasi-Uniklinik wirtschaftlichen Erfolg haben kann, wenn in Stuttgart mehrere Top-Krankenhäuser und im nahen Tübingen eine renommierte Uniklinik vorhanden sind, darf bezweifelt werden.

Doch die Ansprüche an die neue Superklinik wuchsen und wuchsen, parallel dazu auch die Summen. In der kommenden Woche befasst sich der Bauausschuss des Kreistages mit dem Projekt, danach hat der Landrat zu einer Pressekonferenz eingeladen. Dass Roland Bernhard dort ein plötzliches Absinken der Kosten verkünden wird, darf wohl ausgeschlossen werden.

Für ein Zurückrudern ist es aber viel zu spät. Die Flugfeldklinik wird kommen – zu Lasten aller anderen Häuser im Klinikverbund. Die Leonberger CDU weist zutreffend auf die seit Jahren andauernde Lähmung rund ums Krankenhaus am Engelberg hin. Die Sanierung ist längst kein Thema mehr, genauso wie ein Gesundheitscampus mit gesundheitsnahen Betrieben, den der Landrat noch vor vier Jahren als Allheilmittel für Leonberg beschworen hat. Heute wird hinter vorgehaltener Hand zugegeben, dass selbst dafür kein Geld mehr da ist.

Wohlgemerkt: Dies ist kein Plädoyer für ein Superklinikum in Leonberg. Dass aber eine wohnortnahe Grund- und Basisversorgung plus Geburtenstation essenziell sind, ist nicht erst seit Corona bekannt. Der mit dem schwindsüchtig anmutenden Defizit von 63 Millionen Euro belastete Klinikverbund Südwest kann sich keine weiteren Patientenabgänge aus dem wirtschaftsstarken Raum Leonberg nach Stuttgart erlauben. Wird diese offene Flanke aber nicht schnell stabilisiert, tritt genau das ein.

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