Die Kliniken in Winnenden (links) und Schorndorf Foto: Frank Rodenhausen
Obwohl der eingeschlagene Sparkurs Erfolge zeitigt, schreiben die Kliniken hohe Verluste. Der Kreistag hat nun eine angepasste Strategie beschlossen – und ein zentrales Ziel korrigiert.
Der Druck ist spürbar. In den Rems-Murr-Kliniken wird längst nicht mehr nur über Medizin gesprochen, sondern über Zahlen – und über Grenzen. Der Kreistag hat am Montag in Murrhardt die nachjustierte Medizinkonzeption beschlossen und damit einen Kurs bestätigt, der außer von Vision vor allem von Notwendigkeit geprägt ist.
Zwar greifen die erst im vergangenen Jahr beschlossenen Konsolidierungsmaßnahmen laut Angaben von Klinikgeschäftsführer André Mertl bereits, doch sie reichen nicht aus, um die strukturellen Defizite zu beheben. Das vorläufige Jahresergebnis 2025 verbessert sich zwar auf knapp unter minus 30 Millionen Euro, bleibt aber deutlich im roten Bereich.
„Wir müssen jetzt sanieren, bevor wir selbst zum Sanierungsfall werden.“
Richard Sigel, Landrat
Landrat Richard Sigel beschreibt die Lage nüchtern: Man sei „auf einem guten Weg“, doch dieser Weg führe noch nicht weit genug. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir nicht mehr nur warten und hoffen können. Wir müssen jetzt sanieren, bevor wir selbst zum Sanierungsfall werden“, sagte er im Vorfeld bei einem Pressegespräch. In der Sitzung selbst zeichnete er ein drastisches Bild der Gesamtlage: „Noch stabil – aber eben in einer Notlage, die zum Handeln zwingt.“
Kreis verabschiedet sich von unrealistischem Defizitziel
Es ist ein Satz, der die eigentliche Zäsur markiert. Denn mit der neuen Konzeption verabschiedet sich der Kreis faktisch von einem alten Versprechen: Das Defizit der Kliniken sollte ursprünglich auf zehn Millionen Euro begrenzt werden. Dieses Ziel gilt nun als nicht mehr realistisch. Drei Jahre in Folge lagen die Verluste bei über 30 Millionen Euro. „Da müssen wir uns ehrlich machen“, räumte Sigel ein. Ein Defizit von 20 Millionen Euro sei mittelfristig die realistischere Zielgröße.
Die Chefärzte Christoph Ulmer und Ulrich Kramer, Landrat Richard Sigel und Klinikgeschäftsführer André Mertl beim Pressegespräch (von links) Foto: Rems-Murr-Kliniken
Auch die Beschlussvorlage macht diesen Kurswechsel deutlich. Dort wird ein neuer Zielkorridor von unter 20 Millionen Euro bis 2028 formuliert, während die frühere Marke von zehn Millionen zwar bestehen bleibt, aber in weite Ferne rückt.
„Politische Grabenkämpfe auf dem Rücken der Menschen“
Die Gründe liegen weniger im eigenen Haus. Vielmehr verweisen Landkreis und Klinikleitung auf strukturelle Probleme der Krankenhausfinanzierung. Die erhoffte Entlastung durch die Reform des Bundes bleibt aus.
„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, aber Berlin lässt uns im Regen stehen.“
André Mertl, Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken
„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, aber Berlin lässt uns im Regen stehen“, sagt Klinikgeschäftsführer Mertl. Der Deutsche Landkreistag spricht in diesem Zusammenhang sogar von „politischen Grabenkämpfen auf dem Rücken der Menschen“ .
Konsolidierung: Sparen und Investieren für die Zukunft
Doch Konsolidierung bedeutet in der Logik der Klinikverantwortlichen im Rems-Murr-Kreis mehr als bloßes Streichen. „Konsolidieren heißt nicht nur sparen, sondern auch zielgerichtet in die Zukunft investieren“, betont Sigel. Gleichzeitig macht er die Stoßrichtung klar: „Wenn uns keiner hilft, dann müssen wir das selbst tun.“
Diese Doppelstrategie zieht sich durch die gesamte Konzeption. Auf der einen Seite stehen klassische Sparmaßnahmen: geringere Sachkosten, effizientere Abläufe, weniger externe Dienstleister. Auf der anderen Seite werden gezielt Bereiche ausgebaut, die als wirtschaftlich tragfähig gelten.
Geschäftsführer André Mertl verweist dabei auf konkrete Fortschritte. So sei es gelungen, den Einsatz von Leihpersonal deutlich zu reduzieren – in Schorndorf sogar vollständig. Gleichzeitig hätten die Kliniken ihr Leistungsangebot ausgeweitet und damit zusätzliche Erlöse generiert.
Ambulante Behandlung als Schlüssel zur Zukunft der Kliniken
Ein zentraler Hebel liegt in der Verschiebung von Leistungen: weg vom stationären Aufenthalt, hin zur ambulanten Behandlung. Dabei zeigt sich jedoch ein strukturelles Dilemma: Gerade die ambulanten Angebote, die gesundheitspolitisch gewollt sind und künftig an Bedeutung gewinnen sollen, tragen derzeit erheblich zum Defizit bei, weil ihre Vergütung vielfach nicht kostendeckend ist.
Die Kliniken reagieren darauf mit einer doppelten Strategie: Sie bauen ambulante Leistungen dort gezielt aus, wo sie medizinisch sinnvoll und wirtschaftlich tragfähig erscheinen, und stellen zugleich defizitäre Angebote konsequent auf den Prüfstand. Der Ausbau ambulanter OP-Zentren ist damit weniger ein Widerspruch als ein Versuch, die politisch vorgegebene Verlagerung aktiv zu gestalten – statt sie lediglich finanziell zu ertragen.
Deshalb setzen die Kliniken verstärkt auf ambulantes Operieren. Drei OP-Zentren im Kreis sollen wohnortnahe Eingriffe ermöglichen und gleichzeitig die stationären Kapazitäten entlasten. Der Ärztliche Direktor Christoph Ulmer spricht von einem Ausbau „nah an den Menschen“, während zugleich wirtschaftliche Effekte erwartet werden.
Schärfere Profile für die Standorte
Parallel dazu wird die medizinische Struktur neu sortiert. Die beiden Standorte Winnenden und Schorndorf sollen noch klarere Profile erhalten.
In Schorndorf etwa wird die Geriatrie gestärkt, ebenso spezialisierte Angebote wie die Wirbelsäulenchirurgie. Andere Bereiche werden zusammengelegt oder neu ausgerichtet. Ziel ist es, Doppelstrukturen zu vermeiden und Ressourcen effizienter zu nutzen.
Der stellvertretende Ärztliche Direktor in Winnenden, Ulrich Kramer, spricht von einer standortübergreifenden Zusammenarbeit, die noch flexibler und effizienter werden müsse. Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Nicht mehr alles an jedem Ort, sondern das Richtige am richtigen Ort.
Konsolidierung soll nicht zu Lasten der Qualität gehen
Doch so klar die Strategie auf dem Papier erscheint, so groß bleiben die Risiken. Die Beschlussvorlage weist selbst darauf hin, dass ein verschärfter Konsolidierungskurs auch Konflikte auslösen kann – etwa mit Mitarbeitenden oder niedergelassenen Ärzten.
245 Millionen Euro hat der Kreis seit 2016 in die Kliniken investiert.
Zudem bleibt die grundsätzliche Frage offen, wie viel Sparen ein Krankenhaus verträgt, ohne dass die Versorgung leidet. Offiziell betonen alle Beteiligten, dass die Qualität erhalten bleiben soll. „Es soll nicht auf eine spitzenmäßige medizinische Versorgung verzichtet werden“, sagt der Landrat.
Gleichzeitig zeigt der Blick auf die Zahlen: Der Spielraum wird enger. Rücklagen sind aufgebraucht, der Kreis hat in den vergangenen zehn Jahren bereits mehr als 245 Millionen Euro in die Kliniken investiert – vor allem in Form von Defizitausgleichen.