Sparmaßnahme vom SWR Ohne Fundus keine Filme mehr aus Baden-Württemberg?

Schön geordnet: Das Lager im Baden-Badener Stadtteil Oos (rechts) ist 6000 Quadratmeter groß. Dort hat es auch Platz und einen historischen Kleinwagen und ein Boot. Foto: SWR/, Stoppel

Die Tage von Baden-Württemberg als Filmstandort scheinen gezählt – zumindest nach Ansicht von Ausstattern und Requisiteuren. Denn der SWR löst seinen Fundus auf. Ohne die Anlaufstelle werden Dreharbeiten im Land teurer und aufwendiger.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Stuttgart kommt wieder ins Kino – als Kulisse für einen Spielfilm über John Cranko. Aber Panja Gawlitzek war froh, dass die Dreharbeiten dafür in Nordrhein-Westfalen begonnen haben. Dadurch konnte die Requisiteurin die gesamte Ausstattung in Köln besorgen. Einen Lastwagen belud sie allein mit Koffern. Kleidung, Regenschirme, Radios und Telefone, Zeitschriften und Geschirr benötigte sie für eine Flughafen-Szene, und jeder Gegenstand musste aus den 1970er Jahren stammen. „In Stuttgart wäre ich aufgeschmissen gewesen“, sagt sie. Denn der Südwestrundfunk löst die einzige Requisitensammlung in Baden-Württemberg gerade auf. Und laut dem Filmverband Südwest ist dieser Fundus seit mindestens eineinhalb Jahren für SWR-fremde Produktionen nicht mehr zugänglich. „Das ist für unsere Branche fatal“, findet auch ihr Kollege Mustafa Shirin, der regelmäßig für die Serie „Soko Stuttgart“ arbeitet.

 

Vom SWR aus herrscht Funkstille

Bekannt gegeben wurden die Pläne von der öffentlich-rechtlichen Anstalt bereits im Dezember 2021. Und jetzt schlagen die Filmschaffenden Alarm: Der Filmverband Südwest hat eine Onlinepetition gestartet, mehr als 3500 Unterschriften sind zusammengekommen. Das Ziel ist es, „eine zeitnahe und sinnvolle Nachfolgeregelung zu finden“. Denn vonseiten des SWR herrsche Funkstille, berichtet Johannes Gall, der Vorstandsmitglied des Filmverbands ist. Er befürchtet, dass der umfangreiche Fundus in Baden-Baden nun in Einzelteile zerlegt und verkauft wird. Denn der eigentliche Plan, die Sammlung an einen privaten Betreiber zu veräußern, sei wohl gescheitert.

Auf Zeitungsanfrage rechtfertigt der SWR die Einsparungen mit dem Druck, „im Digitalen neue Zielgruppen erreichen zu müssen“, sowie einer ungewissen finanziellen Zukunft. Außerdem erklärt Jürgen Ruf, dass die Ausstattung und die Sammlung „durch den technologischen Fortschritt nicht mehr oder nur noch in geringem Maße zur Erfüllung unseres Programmauftrages erforderlich“ seien. Durch moderne LED-Technik könne weitestgehend ohne diese Gegenstände in den Studios produziert werden, teilt der stellvertretende Sendersprecher mit. Die Suche nach einem Dienstleister oder Kulturbetrieb, der die Exponate und Kostüme kauft, läuft ihm zufolge noch. Der SWR wünscht sich nach der Übergabe ein Nutzungsrecht. „Wir sind weder finanziell noch qua Auftrag als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt dazu in der Lage, mit Beitragsmitteln die Theater- und Filmausstattung für Dritte zu gewährleisten“, schreibt Jürgen Ruf.

Auf 6000 Quadratmeter lagern 200 000 Teile

Im Funkhaus und auf 6000 Quadratmetern im Stadtteil Oos lagerten bislang etwa 200 000 kleine und große Gegenstände – vom Bleistift über die Plastikpflanze und die ausgestopfte Maus bis hin zu Sofas, Baugittern und historischen Säulen. „Es ist wie eine Tankstelle“, sagt Mustafa Shirin. Für die Serie „Spätzle arrabbiata“, die vor zwei Jahren im SWR ausgestrahlt wurde, benutzte er zuletzt – eingeschränkt – den Fundus. Wenn er für die Dreharbeiten im Zollernalbkreis die Requisiten in München, Köln oder Hamburg hätte besorgen müssen, hätte er sein damaliges Budget mit den zusätzlichen Fahrt- und Personalkosten gesprengt. Eine Geldverschwendung ist für ihn außerdem, dass vor nicht allzu langer Zeit öffentlich-rechtliche Millionen in die Modernisierung und die Digitalisierung der Sammlung investiert wurden.

Für die Filmschaffenden zieht sich der SWR aus der Affäre, als hätte er mit dem Filmstandort Baden-Württemberg nichts zu tun. Dabei vergibt er von den eigenen Filmproduktionen 40 Prozent an externe Firmen. Um sie zu finanzieren, sind Fördermittel nötig, um sie einstreichen zu können, muss in Baden-Württemberg gedreht und ein ökologischer Mindeststandard eingehalten werden. Gerade bei Lastwagenfahrten gebe es strenge Auflagen, nennt Johannes Gall vom Filmverband Südwest als Beispiel. Auch für die Neuanschaffung aller Requisiten, die hinterher weggeworfen werden, gebe es Minuspunkte. „Die Auflösung des einzigen Fundus macht den Standort extrem unattraktiv“, ist er sich sicher.

Auf einen Lösungsvorschlag keine Reaktion erhalten

Doch die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG), die die Fördermittel verteilt und das „Green Shooting“propagiert, will sich zu den Entwicklungen und Auswirkungen nicht äußern. Angeblich soll der MFG-Geschäftsführer Carl Bergengruen eine Anschubfinanzierung in Aussicht gestellt haben, sollten Filmschaffende im Land den Fundus übernehmen. Für eine symbolischen Preis wäre Panja Gawlitzek dazu bereit. Ihr schweben eine genossenschaftliche Struktur oder eine gemeinnützige Gesellschaft für das Verleihgeschäft vor, das ihrer Meinung nach durchaus profitabel geführt werden kann. „Weil es beim SWR immer schwieriger wurde, hatte ich die Idee schon lange“, sagt sie. Auf ihre Vorschläge erhielt sie jedoch ebenfalls keine Reaktion.

Die Nachbearbeitung am Computer ist teuer

Für den Cranko-Film musste die Requisiteurin vom Bierdeckel bis zum Flugzeug alles herbeischaffen. Die Argumentation mit dem technischen Fortschritt hält Panja Gawlitzek, die auch an vielen Stuttgarter „Tatort“-Folgen beteiligt war, für Augenwischerei. Abgesehen von den engen Grenzen der Digitalisierung sei die Nachbearbeitung am Computer extrem teuer. An der Ausstattung zu sparen bedeute Szenen und Motive aus dem Drehbuch zu streichen, um weniger einrichten zu müssen. „Die Menschen schauen aber gerne Filme, weil sie dadurch in eine andere Welt eintauchen können“, erklärt sie die Bedeutung ihrer Arbeit.

Anmerkung der Redaktion

Fundusschließung
In einer vorherigen Version des Artikels stand im ersten Absatz, dass es in Baden-Württemberg keinen Fundus mehr geben würde. Dieser Satz wurde gestrichen, weil es den Fundus tatsächlich noch gibt. Stattdessen wurde präzisiert, dass der Fundus nach Auskunft des Filmverbands Südwest seit mindestens eineinhalb Jahren für SWR-fremde Produktionen nicht mehr zugänglich ist.

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