Der Sender muss pro Jahr 5,2 Millionen Euro sparen, aber die Qualität des Programms soll nicht leiden. Statt in Göppingen und Ludwigsburg soll künftig mehr in Baden-Baden produziert werden.
Stuttgart - In einer besseren Welt, in der aus Träumen Wirklichkeit wird, wären ARD und ZDF auf einen Schlag aller Sorgen ledig. Dank der Umstellung der Rundfunkgebühr auf eine Haushaltsabgabe werden die Öffentlich-Rechtlichen bis 2016 insgesamt etwa 1,15 Milliarden Euro zusätzlich einnehmen. Diese wundersame Gebührenvermehrung käme ihnen gerade recht, denn trotz einer mehr als großzügigen Alimentierung durch Zuschauer und Hörer in Höhe von rund acht Milliarden Euro fehlt es an allen Ecken und Enden. Weil ARD und ZDF aber nicht mehr Geld einnehmen dürfen, als sie vorher an Bedarf angemeldet haben, werden von 2015 an die Gebühren gesenkt; eine Maßnahme, die beispielsweise Hermann Eicher für voreilig hält. Der Justiziar des SWR bezog seine Aussage zwar darauf, dass die Politik mit dieser Entscheidung ohne Not den finanziellen Spielraum für sinnvolle Korrekturen eingeschränkt habe, aber natürlich kennt er auch die Lage im eigenen Haus, und die sieht gar nicht gut aus: Der zweitgrößte ARD-Sender muss seine Sparmaßnahmen dringend verstärken.
Selbstredend steht der SWR damit nicht alleine dar, schließlich sind sämtliche Anstalten von der Entwicklung betroffen: Senderechte und Produktionskosten werden seit Jahren teurer, die Werbeeinnahmen gehen zurück, aber die Programmetats steigen nicht. Der SWR hat seine Hausaufgaben indes viel früher als andere Landesrundfunkanstalten gemacht. Während man hier und dort noch wolkige Sparappelle formulierte, gab es im Südwesten bereits eine klare Marschroute und konkrete Sparpläne, die auch umgesetzt wurden. Als zumindest teilweise schwäbischer Sender hat der SWR zudem so gut gewirtschaftet, dass Peter Boudgoust noch vor vier Jahren versichern konnte, dass trotz einer Sparvorgabe von 25 Prozent keine programmlichen Qualitätseinbußen zu befürchten seien.
Günstigere Produktionsformen
An dieser Quadratur des Kreises will man nach wie vor festhalten, obwohl der SWR seine Sparbemühungen erneut verstärken muss. Die Entscheidung zur Senkung des Rundfunkbeitrags hat laut Boudgoust „nochmals deutlich gemacht, dass wir in Zukunft mit noch weniger Geld auskommen müssen“. Der Intendant versichert, man wolle versuchen, „das Programm möglichst wenig zu beschädigen“. Nach wie vor will der SWR die Einsparungen vor allem durch günstigere Produktionsformen erzielen. Entsprechenden Prüfaufträgen hat der Verwaltungsrat zugestimmt. Bei den Sparvorhaben soll es sich unter anderem um Einsparungen im regulären Haushalt, um Änderungen der Produktionsart, des Produktionsstandards oder des Produktionsortes handeln. Auf diese Weise will man 5,2 Millionen Euro pro Jahr einsparen.
Der verstärkte Sparkurs trifft das SWR Fernsehen in einer ungünstigen Phase. Obwohl das Programm unter den „Dritten“ der ARD sicher nicht das schlechteste war, lag es in der Zuschauergunst lange auf dem letzten Platz. Dank eines moderaten Reformprozesses, der das Stammpublikum nicht verschreckt, aber neue Zuschauer gewonnen hat, konnte sich das Programm mittlerweile im Mittelfeld etablieren. Dieser Prozess soll natürlich nicht gefährdet werden. Den Verantwortlichen muss der Spagat gelingen, die Kosten zu reduzieren, und zugleich weiter neue Ansätze auszuprobieren. Ein langfristiger Erfolg ist laut Boudgoust nur mit „gezielten Einzelinvestitionen ins Programm und einer konsequenten Weiterentwicklung strategisch wichtiger Sendeplätze“ möglich.
Umzüge nach Baden-Baden
Ins Visier geraten auch zwei der bekanntesten Unterhaltungsmarken des SWR für das Erste. Zwar ist nicht etwa darüber gedacht, „Verstehen Sie Spaß?“ und die „Große Show der Naturwunder“ einzustellen, doch bei den Produktionsprozessen gibt es durchaus Sparmöglichkeiten. Die beiden Shows ziehen wie ein Zirkus durchs Sendegebiet. Hier wäre eine Umstellung auf die Übertragung aus einem festen TV-Studio deutlich günstiger. Aus Sicht des Publikums spielt es eh keine Rolle, ob eine Show aus Offenburg, Friedrichshafen oder einem SWR-Studio übertragen wird. Umziehen muss wohl auch der bei Kindern beliebte „Tigerentenclub“. Die Eigenproduktion des SWR kommt seit 18 Jahren aus Göppingen und wird dort in einer umgebauten Sporthalle im Stauferpark aufgezeichnet; hier dürfte in den nächsten Jahren eine Umsiedlung ins SWR-Funkhaus in Baden-Baden anstehen.
Aus Baden-Baden, genauer gesagt, dem dortigen E-Werk kommt auch Frank Elstners Talkshow „Menschen der Woche“. Aber nicht mehr lange: der Vertrag mit Elstner wurde zwar kürzlich verlängert, aber 2015 soll auf Wunsch Elstners, der in wenigen Tagen 72 wird, definitiv Schluss sein. Da auch der vier Jahre jüngere Wieland Backes, der dienstälteste Talkshow-Moderator im deutschen Fernsehen, kürzlich seinen Abschied eingereicht hat, könnte der Reformprozess des SWR Fernsehen plötzlich mehr Fahrt aufnehmen, als den Verantwortlichen lieb sein dürfte. Da Talkshows in dritten Programmen eine lange Tradition haben, wird es wohl weiter mindestens eine Plauderrunde geben. Bislang steht aber nur fest, dass die Nachfolgesendung des „Nachtcafé“ nicht mehr im Ludwigsburger Schloss Favorite, sondern im Baden-Badener E-Werk produziert werden soll.
Die diversen Umzugspläne wecken bei manchem altgedienten Stuttgarter SWR-Mitarbeiter fast vergessene mulmige Erinnerungen an das Jahr 1998, als man befürchtete, bei der Fusion von SWR und SDR am Ende als Verlierer dazustehen. Die Angst ist offenbar unbegründet: Die Stuttgarter Studios sind schlicht komplett ausgelastet.
Mit dem angekündigten Sparprogramm angeblich nichts zu tun hat eine eine weitere Entscheidung: Künftig wird der Sender im Fernsehbereich nur noch einen Chefredakteur haben. Michael Zeiß, der derzeit noch die Redaktion in Stuttgart leitet, geht im Sommer in den Ruhestand. Die Stelle wird nicht mehr besetzt. „Wir waren bisher die einzige ARD-Sendeanstalt, die zwei Chefredakteure Fernsehen hatte“, begründete ein SWR-Sprecher am Mittwoch die Streichung der Stelle.