Sparpaket im Landkreis Böblingen Massiver Protest gegen Kürzungen bei Schulsozialarbeit
Im Kreis Böblingen gibt es Protest gegen die Stellenkürzungen in der Schulsozialarbeit. Kritiker warnen vor gravierenden Folgen für Schüler. Was steckt dahinter?
Im Kreis Böblingen gibt es Protest gegen die Stellenkürzungen in der Schulsozialarbeit. Kritiker warnen vor gravierenden Folgen für Schüler. Was steckt dahinter?
Sie helfen bei Mobbing, Zukunftsängsten, Leistungsdruck und Familienstreit: Gerade an Beruflichen Schulen sind Schulsozialarbeiter oft die letzte Hilfe für junge Menschen in Krisensituationen. Nun hat der Landkreis Böblingen in seiner letzten Sitzung vor Weihnachten beschlossen, dass unter anderem auch diese Personalstellen gekürzt werden sollen. Das nun beschlossene Sparpaket 2030 sieht vor, im Bereich des Bildungsbüros, AV Dual-Begleitung und Schulsozialarbeit bis 2027 insgesamt 5,65 Stellen zu streichen. Kritiker warnen vor gravierenden Folgen für Schülerinnen und Schüler – und sind sich sicher, dass hier am falschen Ende gespart wird.
Jonathan Hikel, ein Schülersprecher der Hilde-Domin-Schule (HDS) in Herrenberg, ist schockiert über die Stellenkürzungen in der Schulsozialarbeit: „Ich bin entsetzt, dass der Kreistag die Stellen in der Schulsozialarbeit massiv kürzen will. Allein an der Hilde-Domin-Schule, die mit rund 700 Schülern die kleinste Berufsschule im Kreis ist, wurden im vergangenen Schuljahr 210 Einzelberatungen dokumentiert.“ Viele Schüler seien über das ganze Jahr hinweg von Schulsozialarbeitern begleitet worden, geht aus einem Bericht über die Schulsozialarbeit an der HDS hervor. Rund 440 individuelle Einzelberatungen hat es an der Gottlieb-Daimler-Schule 2 gegeben. Die täglichen kurzen Gespräche und Hilfeleistungen nicht dazu gezählt.
Die jungen Menschen seien psychisch stark belastet. Einige hätten Depressionen, Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen oder litten an Suizidgefährdung, heißt es in dem Bericht. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Die Dauerkrisen in der Welt belasten die jungen Menschen, aber auch Unsicherheit und Zukunftsängste nehmen zu. „Die Schüler können mit allen Problemen auf die Schulsozialarbeiter zugehen und sie auch über Whatsapp kontaktieren. Unsere Befürchtung ist, dass es durch die Kürzungen schwierig wird, das so wichtige, niedrigschwellige Angebot aufrecht zu erhalten“, erklärt Jonathan Hikel. Spontan einen Termin zu bekommen, ohne lange darauf warten zu müssen, gestalte sich dann schwierig. In der Folge könne dies zu mehr Schul- und Ausbildungsabbrüchen führen. „Die Schüler fühlen sich dann alleine gelassen mit ihren Problemen, “ fügt der 17-Jährige hinzu.
Auch Reiner Schmors, der Regionalgruppenvorsitzende des Berufsschullehrerverbandes Baden-Württemberg und Lehrkraft an der Gottlieb-Daimler Schule 2, zeigt sich in einem Offenen Brief an den Landrat betroffen über die Sparmaßnahmen. Die Stellenkürzungen in der Schulsozialarbeit würden die Bildungs- und Zukunftschancen junger Menschen sowie die Fachkräftesicherung in der Region gefährden, warnt er.
Derzeit gibt es 16 Schulsozialarbeitsstellen an den Berufsschulen und an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) im Kreis Böblingen. Während die Hilde-Domin-Schule aktuell noch vergleichsweise gut dasteht – sie hat zwei Schulsozialarbeiter für rund 700 Schüler – so ist die Lage in anderen Berufsschulen im Kreis angespannter. Im Kaufmännischen Schulzentrum Böblingen etwa gibt es zwei Schulsozialarbeiter für rund 2000 Schüler. „Es ist jetzt schon eine schwierige Situation, die sich dann noch weiter verschärfen wird. Das wollen wir vermeiden“, sagt Jonathan Hikel.
Die Schulsozialarbeit sei ein wichtiger Bestandteil der Jugendhilfe und aus den Schulen nicht mehr wegzudenken, tönt es auch aus dem Landratsamt. Allerdings stünde man im Vergleich zu anderen Berufsschulen in der Region sehr gut da. „Wir sind mit überproportional vielen Schulsozialarbeitsstellen ausgestattet“, sagt Rebecca Kottmann, Pressesprecherin des Landkreises. Für das Sparpaket 2030 seien sämtliche Ausgaben auf den Prüfstand gestellt worden. Um die Sparziele zur Haushaltskonsolidierung zu erreichen, habe der Kreis allerdings auch bei seinen Personalkosten einsparen müssen. Dabei sei kein Bereich ausgenommen worden. „Unser Ziel ist es, die verbleibenden Ressourcen möglichst optimal einsetzen“, so Kottmann.
Reiner Schmors vom Berufsschullehrerverband betont in seinem Offenen Brief, dass der Bedarf an Schulsozialarbeit im Kreis Böblingen teils überdurchschnittlich hoch sei. Zudem würden die Zugangsbarrieren für Hilfesuchende im Gesundheitssystem immer höher. Durch die zuverlässige Erreichbarkeit der Schulsozialarbeiter und die enge Zusammenarbeit mit den Lehrkräften würden Jugendliche erreicht, die sich außerhalb der Schule an kein Unterstützungssystem wenden und somit „verloren“ gehen würden.
Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisiert die Sparpläne insbesonderes der Schulsozialarbeit des Landkreises. „Hier wird an der Zukunft der Jugendlichen gespart“, rügt der DGB-Kreisvorsitzende Georg Patzek. Der DGB warnt zudem vor enormen gesellschaftlichen Folgekosten, wenn vermehrt Jugendliche ohne Bildungsabschluss oder Ausbildungsberuf versuchen, sich am Arbeitsmarkt zu bewerben.
Gesetzgebung
Schulsozialarbeit umfasst laut Sozialgesetzbuch sozialpädagogische Angebote, die jungen Menschen in einer Schule zur Verfügung gestellt werden. Die Träger der Schulsozialarbeit arbeiten bei der Erfüllung ihrer Aufgaben mit den Schulen zusammen.
Aufgabe
Schulsozialarbeit hat die Aufgabe, in jeder Schule neu zu ermitteln, was gebraucht wird und mit welchen Methoden und Zielsetzungen gearbeitet werden soll. Dieser Prozess muss in gleichberechtigter und partnerschaftlicher Weise zwischen Schulsozialarbeit und Schule geleistet werden.