Baden-Württemberg Junge Landwirte fürchten um ihre Zukunft

Tim Benzinger (links) und Daniel Föll kämpfen um eine sichere Zukunft in der Landwirtschaft. Foto: Ralf Poller

Die Landwirte im Land kämpfen seit der Ankündigung der Sparpläne beim Agrardiesel und der Kfz-Steuer um ihre Existenz. Besonders junge Bauern bangen um ihre Zukunft.

Ludwigsburg: Nicole Töppke (top)

Hupende Traktoren mit Demonstrationsschildern und wütende Landwirte bestimmten am 21. Dezember das Stadtbild in Stuttgart. Rund 2000 Landwirte legten mit ihren Maschinen die Landeshauptstadt und die gesamte Region lahm. Die Bauern im Land demonstrieren gegen die Sparpläne der Ampelkoalition. Diese plant, die Steuervergünstigungen beim Agrardiesel und der Kraftfahrzeugsteuer zu streichen, um Löcher im Haushalt zu stopfen. Mit großen Folgen für die Landwirte in ganz Deutschland.

 

Auch Daniel Föll beteiligte sich an der Protestaktion. Er ist einer von rund 3600 Auszubildenden in der Landwirtschaft in Baden-Württemberg, die sich schon vor Abschluss der Ausbildung um ihre Zukunft sorgen müssen. Der 18-Jährige lebt auf einem Geflügelhof in Großbottwar (Kreis Ludwigsburg)  . Mit 36 000 Hühnern, einem Hofladen und knapp 50 Angestellten gehört er zu einem eher großen Betrieb, bei dem auch Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. „Bei uns würden die Kürzungen 25 000 Euro bis 30 000 Euro pro Jahr ausmachen“, berichtet er. Das könne man nur mit Preiserhöhungen ausgleichen. Diese wolle aber kein Verbraucher zahlen. Auch die immer höher werdenden Haltungsstandards seien eine Herausforderung. Man benötige ständig neue Technik, die „unbezahlbar“ geworden sei. Dadurch würden Preise enorm steigen. „Am Ende kaufen die Kunden dann doch die günstigen Produkte aus dem Discounter. Wir konnten den Preis nicht mal um 2 Cent pro Ei erhöhen.“ Da mit den Preisen aus dem Ausland mithalten zu können sei unmöglich.

Einschränkungen auch im Privatleben

Föll sieht den Agrardiesel und die grünen Kennzeichen nicht als Subvention, sondern als Ausgleichszahlungen. Die Landwirte nutzten kaum die herkömmlichen Straßen, sondern fast nur Feldwege. „Diese Wege gehören eigentlich dem Land, werden aber nicht gerichtet. Das müssen wir selbst machen.“ Auch das koste Geld. Im Vergleich zum Ausland zahlen die deutschen Bauern die höchsten Mindestlöhne, die höchsten Spritpreise und hätten die besten Tierwohlstandards. „Alles steigt, nur unsere Preise nicht“, so Föll. Auch Azubi-Kollege Tim Benzinger macht sich Gedanken um seine Zukunft als Landwirt.

Die Kürzungen machen ihm Angst. Es sei viel Geld, das fehlt, und man wisse nicht, was in Zukunft noch auf die Betriebe zukomme. Der 17-Jährige lebt auf dem Hof seiner Familie in Friolzheim (Enzkreis) mit 120 Milchkühen. „Wir müssen uns im Privatleben einschränken und noch mehr Arbeit selbst übernehmen, da wir weniger Lohnarbeiter und Mitarbeiter bezahlen können“, sagt er. Neben der Milch produziert der Hof Getreide zum Verkauf und als Futtermittel für die eigenen Tiere. 2023 sei der Ertrag durch das nasskalte Wetter extrem schlecht gewesen. „Dieses Risiko haben wir immer. Wir können das Wetter nicht beeinflussen.“ Der Verlust durch eine schlechte Ernte sei enorm.

Zu geringe Erzeugerpreise

Benzinger ist davon überzeugt, dass jeder Landwirt auf Subventionen verzichten würde, wenn er es könnte. Die Erzeugerpreise seien aber viel zu niedrig. Knapp 50 Cent bekomme der Betrieb pro Liter Milch. Am eigenen Milchautomat könne man jedoch seine eigenen Preise machen. Das sei auch für die Kunden günstiger, da die Marge im Supermarkt wegfalle. „Die Landwirte kämpfen um gerechte Wettbewerbsbedingungen innerhalb der EU“, ergänzt Föll. Die Mitarbeiter in der Industrie demonstrierten für mehr Lohn. „Wir wollen einfach nur den Lohn behalten, den wir schon haben.“

Besonders Kleinbauern seien von den Kürzungen betroffen. Viele würden ihre Höfe nur noch im Nebenberuf betreiben. Fällt nun noch die Unterstützung weg, müssen einige Höfe aufgeben. Das ist eine der größten Sorgen von Larissa Peter. Die 17-Jährige macht ebenfalls eine Ausbildung zur Landwirtin, kommt aber nicht aus einem Familienbetrieb. „Ich muss mir nach meiner Ausbildung eine Stelle suchen oder selbst einen Hof aufbauen“, sagt sie. Das werde jedoch schwierig werden, wenn viele Betriebe aufhören müssten. Auch für zukünftige Azubis würde es immer schwerer werden, neue Ausbildungsbetriebe zu finden. Wenn sich an der derzeitigen Situation nichts ändert, werde sie schwer weitermachen können. „In Deutschland werde ich wohl kaum einen Hof aufbauen können. Deshalb möchte ich nach Österreich oder in die Schweiz gehen.“

Daniel Föll habe sich in letzter Zeit viele Gedanken um die Regierung und den Fachkräftemangel gemacht. In seinen Augen fehlt eine klare Linie. Wenn Bewerber eine Stelle absagten, weil sie durch das Bürgergeld mehr Geld bekämen, als die Betriebe zahlen können, laufe etwas falsch. Durch die Sparmaßnahmen würde einem nicht nur die Zukunft verbaut, sondern gar geraubt. „Wir gehen nicht aus Spaß auf die Straße. Wir hätten Besseres zu tun, als einfach so einen Tag ausfallen zu lassen. Uns reicht es.“

Streik der Landwirte im Land

Starker Zusammenhalt
Am 21. Dezember haben sich tausende Landwirte über Verbände und Whatsapp-Gruppen zusammengetan und sich auf den Weg nach Stuttgart gemacht um gegen die geplanten Sparpläne zu demonstrieren. Die Aussage: „Jetzt ist Schluss!“ Die Bauern seien in den vergangenen Jahren immer wieder von Kürzungen betroffen gewesen und hätten es „satt, immer mit Füßen getreten zu werden“. Sie hoffen, durch die Proteste die Ampelkoalition zum Umdenken zu bewegen.

Aktionswoche
 Der Deutsche Bauernverband ruft gemeinsam mit den Landesbauernverbänden und dem Verein Landwirtschaft verbindet Deutschland ab dem 8. Januar zu einer Aktionswoche auf. Gemeinsam wolle man gegen die geplanten Sparmaßnahmen demonstrieren. Der enorme Rückhalt der Bevölkerung sei großartig und müsse weiter bestärkt werden. Am 15. Januar soll eine Großdemo in Berlin stattfinden.

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