Sparpläne der Landesregierung Weniger Stellen für Psychologen?

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Amokdrohungen, traumatisierte Flüchtlinge, aber auch neue Lernformen in der Schule lassen die Nachfrage der Lehrer nach der Unterstützung von psychologischen Sachverständigen wachsen. Doch die fühlen sich vom Land vernachlässigt.

Es muss nicht immer  Amokalarm sein, wie in der Vergangenheit vor dieser Kölner Schule - Schulpsychologen sind vielfach gefragt. Foto: dpa
Es muss nicht immer Amokalarm sein, wie in der Vergangenheit vor dieser Kölner Schule - Schulpsychologen sind vielfach gefragt. Foto: dpa

Stuttgart - Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) bekommt in diesem Sommer eindringliche Briefe. Etwa von Knud Eike Buchmann. Er ist Psychologe und Pädagoge und empfindet „eine zunehmend negative Stimmung in unserer Gesellschaft“. Die „volltönenden Reden über mehr Sicherheit“ sind dabei nach Einschätzung des emeritierten Professors der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen überhaupt „nicht nötig“. Was nötig ist, sei „eine massiv verbesserte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus den Randzonen unserer Gesellschaft“. Dazu müssten Lehrer besser aus- und fortgebildet, auch qualifizierter begleitet werden.

Die aktuelle gesellschaftliche Situation passt für Buchmann so gar nicht mit den Plänen des Landes zusammen, eventuell Stellen von Schulpsychologen zu streichen. „Das halte ich für das falsche Signal“, schreibt er an die Ministerin.

„Bedrohungsmanagement vorantreiben“

Es müssen nicht immer Kinder aus Randzonen sein, die auffällig werden. In Gerlingen unterstützen jetzt die Schulpsychologen das Robert-Bosch-Gymnasium, nachdem ein Schüler als potenzieller Amoktäter entdeckt worden war. „Wir sind die einzigen, die die Unterstützungsmaßnahmen professionell koordinieren können“, betont Nina Großmann, die Vorsitzende des Landesverbands der Schulpsychologen.

Auch Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie in Gießen, rät dazu die schulpsychologischen Dienste auszubauen, statt einzuschränken. Bannenberg findet angesichts aktueller Vorkommnisse, „man sollte das Bedrohungsmanagement vorantreiben“. Durch die Flüchtlinge kommen nach Einschätzung der Juristin neue Probleme auf die Schulen zu. Terrorakte durch Schüler seien eine neue reale Gefahr, auf die Schulpsychologen die Lehrer vorbereiten sollten, schreibt sie an Susanne Eisenmann. Beide Experten waren Mitglieder in der Expertenkommission, die das Land 2009 nach dem Amoklauf von Winnenden eingerichtet hatte.

Eher mehr Stellen notwendig

Alarm geschlagen hatte der Verband der Schulpsychologen. Angesichts der Sparauflagen für die einzelnen Ministerien hatte Nina Großmann zunächst befürchtet, dass 28 Stellen abgebaut werden. Danach sieht es jetzt nicht mehr aus. Das Kultusministerium bestätigt die Einsparauflage von 28 Stellen bei den Staatlichen Schulämtern. Dort sind die Schulpsychologen angedockt. Die Stellen müssen bis zum Jahr 2020 eingespart werden. Doch „ob und wenn ja, wie und in welchen Bereichen“ die Stellen gespart werden, werde bis Herbst entschieden. Streichungen bei den Psychologen sind nach wie vor möglich, inzwischen ist nur noch von einem einstelligen Bereich die Rede. Großmann betont aber ebenso wie die Wissenschaftler, „wir brauchen eher mehr Schulpsychologen als weniger“. Die Kultusministerin rechnet vor, dass das Land nicht so schlecht da stehe. Inzwischen kämen 7992 Schüler auf einen Schulpsychologen. Der bundesweite Durchschnitt betrage eins zu 8617.

194 Stellen stehen im Land für Schulpsychologen zur Verfügung. Besetzt sind aktuell aber nur 144. An Interessenten würde es dabei gar nicht fehlen, sagt Großmann. Aber es gebe zu viele komplizierte Regelungen, die Stellen zu besetzen. Die Schulpsychologen vermissen den Rückhalt des Kultusministeriums. „50 bis 60 Prozent der Interessenten springen ab, wegen der endlosen Bearbeitungszeit“, klagt Großmann. „Das Kultusministerium nimmt die Schulpsychologie nicht ernst“, moniert die Vorsitzende. Sie argwöhnt sogar, die Schulpsychologen könnten „ein willkommener Spartopf“ sein.

Nicht alle Anfragen können bedient werden

Dabei haben die Experten genug zu tun. Sie betreiben Mobbingintervention an den Schulen, „es gibt deutlich mehr Anfragen als wir bedienen können“, sagt Großmann. Sie bilden Beratungslehrkräfte aus und bieten Fortbildungen an. Mit den Flüchtlingsklassen kommen auch neue Fragen. Die Schulpsychologen leisten Supervision für die Lehrer der Flüchtlingsklassen, oder beschäftigen sich mit den unbegleiteten Minderjährigen. Oft brauchen Lehrer schnell Antworten, wie sie mit den Jugendlichen umgehen sollen. Den Flüchtlingen sei wiederum oft gar nicht klar, „dass ihr Verhalten problematisch ist“, plaudert Großmann aus dem Nähkästchen.

Aber auch die Schulreformen bringen neue Anforderungen an die Schulpsychologen. Wie geht individuelles Lernen? Wie gelangt man als Lehrer zu einer individuellen Bewertung der Schüler? Auch hier können Schulpsychologen wichtige Hilfestellung leisten. „Wenn die Schulentwicklung vorankommen soll, wird unsere Kompetenz mehr denn je gebraucht“, sagt Großmann: „Wir brauchen dringend mehr Stellen. Da bin ich fassungslos, dass Kürzungen im Gespräch sind“.

Unterstützung vom Ex-Kultusminister

Unterstützung bekommen die Psychologen von der Opposition. Andreas Stoch, SPD-Fraktionsvorsitzender und früherer Kultusminister, betont „eine Sparoperation in diesem Bereich wäre das völlig falsche Signal“. Er fordert Ministerin Eisenmann auf, „die Verunsicherung über die Besetzung von Stellen für Schulpsychologen sofort zu beenden“. Anfang September will Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne) mit den Ministerien reden. Dann werden die Sparauflagen konkreter.