Sparpolitik und Kürzungspolitik Angst um die Kunst
Das Klima in der Gesellschaft wird rauer. Die öffentlichen Finanzen stecken tief in der Krise. Setzen wir die falschen Schwerpunkte? Das fragt unsere Kolumnistin Elisabeth Kabatek
Das Klima in der Gesellschaft wird rauer. Die öffentlichen Finanzen stecken tief in der Krise. Setzen wir die falschen Schwerpunkte? Das fragt unsere Kolumnistin Elisabeth Kabatek
Der vorletzte Tag der Ausstellung „Kirchner, Lehmbruck, Nolde“ in der Kunsthalle Mannheim ist ein Samstag, und das Museum brummt. Die drei Führungen des Tages sind voll. Menschen aller Altersgruppen wandern von Kirchner zu Nolde, von Pechstein zu Jawlenksky. Die einen geben ihr Fachwissen preis (auch ungefragt), die anderen malen sich aus, wie der Kunsthändler Herbert Tannenbaum und seine Frau Maria wohl reagierten, als sie zum ersten Mal mit dem abstrakten Porträt konfrontiert wurden, das Wladimir von Zabotin von ihnen gemalt hat. Manche stehen einfach nur Hand in Hand vor den Gemälden und freuen sich daran.
So eine Ausstellung ist doch eigentlich zu nichts gut. Die reine Zeitverschwendung. Nach den vielen Feiertagen könnte man heute shoppen gehen, seine Steuer machen oder gründlich das Bad putzen, anstatt den Tag im Museum geradezu zu verprassen! Wofür brauchen wir überhaupt Museen? Einen Friedemann Vogel, der beim Ballettabend „Interaktion“ im Schauspielhaus in Stuttgart nichts Besseres zu tun hat, als sich 50 Minuten lang die Seele aus dem Leib zu tanzen? Vor allem jetzt, wo überall das Geld fehlt. Da muss man eben Prioritäten setzen.
Wer selbst Kunst produziert, der tut das in der Regel nicht, um Geld zu verdienen, sondern weil er oder sie ein inneres Bedürfnis hat und etwas Ausdruck geben will. Da muss etwas heraus, auf die Leinwand, zwischen zwei Buchdeckel oder auf die Bühne. Kunst setzt sich mit ihrer Zeit auseinander, wenn beispielsweise Friedemann Vogel als überlebensgroßer Avatar auf die Bühne projiziert wird. Deswegen wird sie oft als Bedrohung empfunden. Erinnert sei an die drei Sängerinnen von „Pussy Riot“, die wegen ihrer Performances in Russland ins Gefängnis kamen. Auch die Expressionismus-Ausstellung in Mannheim thematisiert die Verunglimpfung „entarteter“ Künstler und die Zerstörung ihrer Werke durch die Nationalsozialisten. Da kann einem schon angst und bange werden angesichts drohender Rekordwerte der AfD bei den Landtagswahlen in diesem Jahr. Die AfD wird sich sicher gerne Donald Trump zum Vorbild nehmen. Der macht vor, wie man Kultureinrichtungen wie das renommierte „Smithsonian Institute“ zensiert.
Der Stuttgarter Gemeinderat hat, allen Protesten zum Trotz, massive Kürzungen im Kultur- und Sozialbereich durchgepeitscht. Das Forum der Kulturen muss beispielsweise mit 100 000 Euro weniger im Jahr auskommen. Es organisiert unter anderem die Aktionswochen gegen Rassismus. Angesichts der katastrophalen Haushaltslage ist verständlich, dass schmerzhafte Einschnitte in allen Bereichen erforderlich sind. Das Anwohnerparken in Stuttgart kostet aber weiterhin 30,70 Euro im Jahr. Man hat sich nicht getraut, für SUVs höhere Gebühren zu nehmen, so wie in Tübingen. Wäre das nicht der richtige Zeitpunkt gewesen, um andere Prioritäten zu setzen?