Sparprogramm bei der Bahn Bahn dünnt Verkauf am Schalter weiter aus

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Die Deutsche Bahn will fast jeden dritten Berater einsparen. Mehr als 600 Reisezentren sind bereits geschlossen. Das stößt auf Kritik.

Bahnkunden stehen für den Erwerb von Fahrkarten immer weniger Schalter zur Verfügung. Als Ersatz stellt der Konzern immer mehr Automaten auf. Foto: dapd 2 Bilder
Bahnkunden stehen für den Erwerb von Fahrkarten immer weniger Schalter zur Verfügung. Als Ersatz stellt der Konzern immer mehr Automaten auf. Foto: dapd

Stuttgart - Für Bahnfahrer wird es künftig noch schwieriger, eine Fahrkarte mit Beratung am Schalter zu kaufen. Die Deutsche Bahn (DB) will den Stellenabbau in den bereits ausgedünnten und unterbesetzten Reisezentren fortsetzen. Fast jeder dritte Verkäufer soll seine Arbeit verlieren. Insgesamt sollen damit bis 2016 nochmals 700 Stellen am Schalter wegfallen. Die Pläne stoßen auf scharfe Kritik. Die aktuelle Personalplanung der DB Vertrieb GmbH datiert vom 3. August und liegen der StZ vor. Danach arbeiten derzeit noch 2348 Beschäftigte in den bundesweit noch rund 400 Reisezentren der Bahnhöfe. Bis 2016 soll die Zahl der Berater auf nur noch 1658 sinken. Schon bis nächstes Jahr sollen mehr als 160 Servicekräfte am Schalter wegfallen. Rund 500 Verkäufer sollen bis 2014 eingespart werden.

Ein Bahnsprecher bestätigte die Streichpläne und nannte als Grund stark sinkende Ticketverkäufe am Schalter. Der Umsatzanteil der Reisezentren am Fahrscheinverkauf sei seit 2005 von 46 auf 22 Prozent gesunken. Bis 2016 werde ein weiterer Rückgang auf 17 Prozent erwartet. Es werde aber keine Kündigungen geben, betonte der Sprecher. 350 Berater sollen neue Jobs im Konzern erhalten, die restlichen Stellen über "natürliche Fluktuation" wegfallen. Mit den Arbeitnehmern führe man dazu Gespräche. Alle 400 Reisezentren blieben erhalten. Es werde dort sogar "noch mehr Service geben". So könnten Kunden ab Jahresende am Schalter ihre Online-Tickets umtauschen.

Die Streichpläne stoßen beim Fahrgastverband auf Kritik

Damit setzt der Staatskonzern seine heftig umstrittene Ausdünnung der Reisezentren fort. Voriges Jahr hatte DB-Chef Rüdiger Grube seine Kostensenker noch persönlich gestoppt und die Kürzung von 500 Stellen im Vertrieb vorerst verhindert. Nun aber steht eine neue Sparrunde bevor, obwohl der Staatskonzern hohe Gewinne einfährt. Die Streichpläne stoßen beim Fahrgastverband Pro Bahn auf scharfe Kritik. "Damit sperrt die Bahn ihre Kunden aus, das ist glatte Diskriminierung", sagte Verbandssprecher Matthias Oomen. Bahn-Chef Grube müsse diese Pläne sofort stoppen und "endlich den Kunden in den Mittelpunkt stellen". Schon heute stünden in vielen Bahnhöfen nur noch Automaten, die viele Menschen nicht bedienen könnten, kritisiert Oomen. In Großstädten betrage die Wartezeit an Schaltern schon jetzt bis zu einer Stunde. Und auf dem Land sei man häufig ebenso lange unterwegs, bis man überhaupt noch ein Reisezentrum mit Beratung erreiche. Für viele Menschen und bei komplizierteren Bahnreisen ins Ausland oder mit Umsteigen sei eine gute persönliche Beratung aber unverzichtbar.

Seit Jahren drängt die Deutsche Bahn ihre Kunden zum Fahrkartenkauf an Automaten oder im Internet. Mehr als 600 der einst 1000 Reisezentren in den Bahnhöfen hat der größte Transportkonzern Europas bereits geschlossen und dafür viele Tausend Automaten aufgestellt. Auch in Reisebüros gibt es immer weniger persönliche Beratung. Denn seit die Bahn Umsatzprovisionen gekürzt hat, lohnt sich ein beratungsintensiver Verkauf für die Agenturen mit DB-Lizenz kaum noch.

Als Vorbild für die Bahn-Manager beim Ticketvertrieb gilt die Flugbranche. Dort ist der Verkauf komplett automatisiert. Kritiker halten diesen Kurs für ein Massenverkehrsmittel wie die Bahn allerdings für verfehlt. Denn die Bahn transportiert an einem Tag so viele Kunden wie die Lufthansa in einem Jahr und soll den Bürgern zumindest eine Grundversorgung mit Mobilität garantieren. Dazu gehört für Experten ein flächendeckender Fahrkartenverkauf am Schalter mit persönlicher Beratung. Die Gewerkschaften machten schon voriges Jahr mit Protestaktionen gegen die damals beabsichtigte Streichung von weiteren 500 Kundenberatern mobil. Die Belastungsgrenze des Personals sei erreicht. Die Klientel der Bahn bestehe nicht nur "aus surfenden virtuellen Kunden, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die am Schalter stehen".