Sparprogramme bei Zulieferern im Südwesten Der harte Kampf um Arbeitsplätze
Sparen und Produktionskapazitäten reduzieren, heißt das Gebot der Stunde. Die deutschen Autozulieferer stehen vor gewaltigen Herausforderungen.
Sparen und Produktionskapazitäten reduzieren, heißt das Gebot der Stunde. Die deutschen Autozulieferer stehen vor gewaltigen Herausforderungen.
Stuttgart - Sabine Jaskula, Arbeitsdirektorin von ZF spricht von „froher Kunde“, und die Mitarbeiter des Autozulieferers an den deutschen Standorten sind erleichtert. Sie brauchen sich vorerst keine Sorge um ihren Arbeitsplatz zu machen. Bis zu 15 000 Stellen innerhalb der nächsten fünf Jahre sollten wegfallen – diese Zahl hat der ZF-Konzernchef Wolf-Henning Scheider vor wenigen Wochen in einem internen Schreiben an die Mitarbeiter genannt. Jetzt sichert das Stiftungsunternehmen die Arbeitsplätze von 50 000 Tarifmitarbeitern und die Standorte hierzulande bis Ende 2022.
Im Gegenzug müssen die Beschäftigten allerdings Zugeständnisse machen. Zum einen verzichten sie einmalig auf eine Sonderzahlung von 400 Euro, die im Juli ausgezahlt worden wäre. Zum anderen wird die Kurzarbeit, „bis auf Weiteres unser wirksamstes Instrument, um Beschäftigung in Deutschland zu sichern“ (Jaskula), fortgeführt. Bei schwacher Nachfrage können anschließend die Arbeitszeiten um bis zu 20 Prozent reduziert werden. Um die Einkommensverluste abzufedern, stockt ZF auf. Dies sieht ein Ergänzungstarifvertrag vor, den die Geschäftsleitung, Arbeitnehmervertreter und IG Metall nun abgeschlossen haben. Um diese Vereinbarung zu erreichen, haben „wir tief in die Trickkiste der Tarifverträge gegriffen“, sagt Achim Dietrich, der Chef des ZF-Gesamtbetriebsrates. Der Vertrag könnte „beispielgebend“ auch für andere Unternehmen sein, hofft Roland Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg.
Problemfälle gibt es genügend. Bei zwei Drittel der Unternehmen im Südwesten stehen Sparprogramme an, geht aus der jüngsten Umfrage der IG Metall im Südwesten hervor, die unserer Zeitung exklusiv vorliegt. Befragt wurden nicht nur die Betriebsräte der Zulieferer, sondern alle Branchen, die zur IG Metall gehören. Die Autoindustrie ist aber besonders betroffen. Die Nachfrage nach Autos ist weltweit eingebrochen. „Die deutschen Zulieferer waren von dem Nachfrageeinbruch sogar überproportional betroffen“, sagt Felix Mogge, Partner der Unternehmensberatung Roland Berger in München. Denn sie haben ein starkes Standbein in Europa – und der europäische Markt ist im Halbjahr sogar um fast 40 Prozent geschrumpft.
Grund dafür sind die Konjunkturschwäche sowie der Transformationsprozess hin zu neuen Antrieben – das Coronavirus einschließlich der gerissenen Lieferketten hat dies verschärft. Mit einer schnellen Erholung rechnen die Experten nicht. Bei Conti ist man der Ansicht, dass das Rekordniveau von 2017 voraussichtlich erst nach 2025 wieder erreicht werden wird. Vermutlich kommt Deutschland auch gar nicht mehr auf das Rekordniveau der Vor-Corona-Zeit, gibt Jaskula zu bedenken. Anders als bei der Krise vor zehn Jahren stehen nicht nur die Jobs von Leiharbeitern und Beschäftigten mit Zeitverträgen auf der Kippe, sondern oft auch die Stellen der Stammbeschäftigten, sagt Kai Burmeister, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Baden-Württemberg.
Eberspächer verlagert die Fertigung von Standheizungen nach Polen, davon sind 300 der 1350 Mitarbeiter am Firmensitz Esslingen betroffen. Der Kolbenhersteller Mahle hat bereits vergangenes Jahr rund 380 von 4300 Stellen in Stuttgart gestrichen. Das Werk in Öhringen (Hohenlohekreis) mit rund 240 Beschäftigten soll geschlossen werden. Mann + Hummel muss sparen. PWO im badischen Oberkirch hat in den vergangenen sechs Monaten 260 Stellen weltweit gestrichen, unter anderem wurden Zeitverträge nicht verlängert. Weitere Sparmaßnahmen werden mit der IG Metall verhandelt. „Wir müssen auf dem aktuellen Niveau profitabel arbeiten“, erläutert ein Sprecher. Und die Nachfrage ist deutlich gesunken – derzeit seien die Kapazitäten zwischen 60 und 70 Prozent ausgelastet. Bosch streicht in Schwäbisch Gmünd 1850 Stellen bis Ende 2026. An einigen Standorten im Großraum Stuttgart hat der weltgrößte Zulieferer nun die Arbeitszeit abgesenkt. Für die Beschäftigten in Entwicklung, Forschung, Vertrieb und Verwaltung wurde bis Jahresende die Arbeitszeit reduziert – um bis zu zehn Prozent. Diese Maßnahme gibt es zusätzlich zu dem bereits angekündigten Abbau von 1600 Stellen an den Standorten Feuerbach und Schwieberdingen.
Trotz der vielfältigen Umstrukturierungen sieht Mogge die Gefahr, dass die Zulieferer zu lange mit strukturellen Sparmaßnahmen zögern. „Ein riskantes Vorgehen, wenn die Nachfrage nicht anzieht“, sagt er mit Blick auf die finanzielle Lage.
Nicht nur in Europa gebe es derzeit Überkapazitäten von 35 bis 40 Prozent. Auch die Werke deutscher Zulieferer in China sind nicht ausgelastet. In der Hoffnung auf florierende Geschäfte haben die Zulieferer in den vergangenen Jahren kräftig in der Volksrepublik investiert. Doch anders als erwartet ist die Nachfrage nicht in die Höhe geschossen, sondern ist in den vergangenen zwei Jahren nur leicht oder überhaupt nicht gewachsen. Die Folge: auch in China werden 30 Prozent der Produktionskapazitäten derzeit nicht genutzt. All dies wird den ohnehin harten Preiswettbewerb noch ankurbeln. PWO spürt das bereits. Der „Preiskampf hat eine neue Heftigkeit erreicht“, sagt ein Sprecher. Mogge geht davon aus, dass „es nicht alle Zulieferer in den kommenden zwei bis drei Jahren schaffen werden“. Erste Beispiele gibt es. So hat etwa der Felgenhersteller BBS aus Schiltach/Schwarzwald vor kurzem Insolvenz angemeldet.
Die Krise, in der viele Zulieferer in die Verlustzone gerutscht sind, kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Unternehmen sollten sich auf die Zukunft vorbereiten – mit weniger Verbrennungsmotoren, mehr Elektromobilität und weniger Emissionen, dafür aber mehr Assistenzsystemen. Doch: „30 bis 40 Prozent der Zulieferer in Baden-Württemberg hängen noch am Verbrennungsmotor“, schätzt Burmeister. „Ein Drittel der Zulieferer hat die Entwicklung verschlafen“, fügt er hinzu.
ZF will nun Tempo machen. Innerhalb der nächsten zwei Jahre wird für jeden Standort hierzulande ein Zukunftsbild entwickelt. Es geht darum, mit welchen Produkten und Investitionen Beschäftigung über das Jahr 2022 hinaus gesichert werden kann. Mit diesem Prozess soll eine beschleunigte Transformation unterstützt werden. Standorten, die kein solches Zukunftsbild erarbeiten können, droht dann die Schließung. Gleichzeitig sollen so Standortkämpfe verhindert werden.