Sparzwänge in Stuttgart Stadtbibliothek schließt früher – „19 Uhr wird schon knapp“

In ihre Bücher vertieft: Sony (links) und Parfait lernen in der Stuttgarter Stadtbibliothek für ihre Abschlussprüfung. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Weil die Stadt Stuttgart sparen muss, schließt die Stadtbibliothek am Mailänder Platz von Februar an zwei Stunden früher. Ein Besuch am Abend zeigt: Für manche ist das ein Problem.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Stadtbibliothek am Mailänder Platz, vierter Stock, am frühen Abend: Parfait und Sony sitzen auf einer der Bänke an der Galerie. Vor sich haben sie dicke Bücher liegen. Die beiden lernen. Der 26-jährige Parfait und der ein Jahr jüngere Sony kommen gerne in die Bibliothek, gerade am Abend – hier ist es ruhig und es gibt die Lehrbücher, die sie brauchen. Die beiden haben bald Prüfungen. Sie machen an der Kolpingschule eine Ausbildung zur Pflegefachkraft.

 

Von kommender Woche an müssen ihre abendlichen Lernsessions früher enden. Denn dann schließt das Haupthaus am Mailänder Platz bereits um 19 Uhr und damit zwei Stunden früher als bisher. Das hat – wie gerade einiges in Stuttgart – mit den Sparzwängen durch die angespannte Haushaltslage zu tun. Auch die Stadtbibliothek muss sparen.

„Wir haben lange intern diskutiert, wo wir am besten Abstriche machen können“, sagt die Direktorin der Stadtbibliothek, Katinka Emminger. „Da gab es auch unterschiedliche Meinungen.“ Doch zwei Dinge habe man nicht gewollt: Am Buch- und Medienangebot sparen. Und vormittags später öffnen. Denn dann kommen die Kindergarten- und Schulgruppen oder Tagesmütter mit ihren Kindern. Dann ist richtig viel los in der Stadtbibliothek, anders als am Abend. „Wir merken, dass die Besucherzahlen ab 19 Uhr stark nachlassen“, sagt Emminger, die die Stadtbibliothek seit 2019 leitet. „Deshalb hielten wir es für vertretbar, die letzten zwei Stunden am Abend zu kürzen.“

Parfait und Sony wären froh, der blaue Bücherwürfel am Mailänder Platz hätte auch künftig noch bis 21 Uhr offen. „Wir haben bis 14 oder 16 Uhr Schule“, erzählt Parfait. „Zum Lernen kommen wir dann abends. 19 Uhr wird da schon knapp.“ Die beiden jungen Männer lernen gerne zusammen. „Zu Hause allein kann man sich schlechter motivieren“, sagt Sony.

Nach dem Büro wird es zeitlich eng

Zu knapp wird es künftig abends auch für Andrea Dögel-Schilp. „Ich arbeite in Ludwigsburg“, sagt die Frankfurterin, die für die Arbeit pendelt. „Wenn ich aus dem Büro komme, ist es dann wahrscheinlich schon zu spät.“ Dabei ist die Stadtbibliothek einer ihrer liebsten Orte hier. „Sie ist so schön und es ist so still hier – das ist immer wie ein kleiner Kurzurlaub.“ Dögel-Schilp versteht aber „total“, dass die Stadt sparen muss – „die Kommunen haben ja einen unheimlichen Kostendruck.“ In Zukunft, sagt sie, komme sie dann eben öfter am Wochenende.

Katinka Emminger hat die Erfahrung gemacht, dass die Besucherinnen und Besucher Verständnis für die Maßnahme zeigen, wenn sie die Hintergründe kennen. „Wir haben versucht, möglichst frühzeitig und offen zu kommunizieren, damit niemand kalt erwischt wird“, sagt die Bibliotheksdirektorin. Emminger und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben viele Mails und Fragen beantwortet. Der Tenor sei oft gewesen: Das ist aber schade, geht das nicht anders? „Wenn wir dann aber unsere Gründe erklärt haben, konnten die meisten die Entscheidung nachvollziehen.“ Eine Mail fasse es gut zusammen, sagt Emminger: „Da schrieb jemand: Es tut mir immer noch weh, aber ich kann es verstehen.“

Stuttgarter Studentin: „So spät lerne ich eh nicht mehr“

Carina und Andreas sind auf einem Gymnasium in Marbach am Neckar und lernen gerade fürs Abitur. Für sie ist es nicht so schlimm, wenn die Bibliothek schon um 19 Uhr schließt: „Da packen wir meistens sowieso schon zusammen.“ Ähnlich sieht es die 20-jährige Mia, die an der Hochschule der Medien studiert: „So spät lerne ich normalerweise eh nicht mehr.“

Ein Schild am Eingang weist auf die neuen Öffnungszeiten hin. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

„Niemand spart gern und Einschnitte tun immer weh“, sagt die Direktorin der Stadtbibliothek Emminger. Vielleicht muss man den Gürtel auch noch enger schnallen. Katinka Emminger weist auf die Wiederbesetzungssperre hin. Denn um zu sparen, werden viele offene und frei werdende Stellen von der Stadt Stuttgart vorerst nicht mehr besetzt – auch in der Stadtbibliothek. „Wir wissen momentan noch nicht, wie stark uns das treffen wird.“

Im Bücherwürfel ist es ruhiger geworden. Eine Gruppe junger Menschen steht da und bewundert die weiße, stille Weite. Die Freunde, gebürtige Bangladescher, die in Deutschland studieren oder arbeiten, sind aus Duisburg da. Diesmal stand die Stadtbibliothek ganz oben auf ihrer Sightseeing-Liste, nachdem sie bei ihrem letzten Besuch geschlossen hatte. „Die Architektur ist wunderschön“, sagen sie. Das Werk des Architekten Eun Young Yi einfach nur bewundern – das geht zu jeder Zeit.

Lernen in Bibliotheken

Abends geöffnet
Die Württembergische Landesbibliothek am Charlottenplatz hat von Montag bis Freitag bis 22 Uhr geöffnet, samstags schließt sie um 20 Uhr. Die Lernplätze in den Unibibliotheken Stadtmitte und Vaihingen können bis 22 Uhr genutzt werden.

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