Spaziergang durch Aichwald Eine Gemeinde wächst zusammen
Beim Spaziergang durch die fünf Teilorte Aichwalds blickt der frühere Bürgermeister Richard Hohler in Vergangenheit und Gegenwart der Schurwaldgemeinde.
Beim Spaziergang durch die fünf Teilorte Aichwalds blickt der frühere Bürgermeister Richard Hohler in Vergangenheit und Gegenwart der Schurwaldgemeinde.
Aichwald - Es ist schwierig, Aichwald in einem einzigen Text zu skizzieren – und bei einem einzigen Spaziergang zu durchschreiten. Doch sich nur einen Teil rauszupicken, um exemplarisch eine Vorstellung vom Leben in der Schurwaldgemeinde zu geben, das kommt für Richard Hohler nicht in Frage. „Das würde Aichwald nicht gerecht“, sagt der frühere Bürgermeister. In ihm ist der Grundsatz, alle Ortsteile gleich zu behandeln, auch 15 Jahre nach der Pensionierung verwurzelt. Kein Aichwalder und keine Aichwalderin soll sich von ihm, der von 1974 bis 2006 der erste Bürgermeister der Schurwaldgemeinde war, benachteiligt fühlen. Also steigt Hohler ins Auto für eine Rundfahrt.
Hohler war 1969 als Verwaltungsaktuar im vorderen Schurwald aufgeschlagen. Er war für die früheren Gemeinden Aichelberg und Aichschieß – zu letzterer gehörte auch Krummhardt – zuständig. 1974 schlossen diese sich gemeinsam mit Schanbach und dem Weiler Lobenrot zu Aichwald zusammen. Hintergrund war die Gemeindereform in Baden-Württemberg, die das Ziel größerer Verwaltungseinheiten hatte. Die Entscheidung, sich zusammenzuschließen, beruhte allerdings auf Freiwilligkeit, betont Hohler, es habe sich um keine Eingemeindung gehandelt. Diese drohte vielmehr durch Esslingen, die Aichwalder setzen sich für ihre Eigenständigkeit ein, um kein abgelegener Vorort der früheren freien Reichsstadt zu werden. Doch schon zuvor bündelten die Dörfer ihre Kräfte, beispielsweise in einem Schul- und einem Planungsverband.
Hohler betont, dass die fünf Ortsteile gleichermaßen wichtig sind, von Vorbehalten, Streitigkeiten oder Unterschieden zwischen den Bewohnern der unterschiedlichen Dörfer möchte er nichts erzählen. „Von Anfang an war unser oberstes Ziel, eine Einheit zu werden“, sagt der frühere Bürgermeister. Das ist seiner Ansicht nach gelungen.
Von welchem Schlag die alteingesessenen Aichwalder denn seien? „Die Menschen im Schurwald haben gewisse Eigenheiten“, sagt Hohler. Man habe sich immer wehren müssen gegen Gefahren aus dem Umfeld. Die Leute lebten in ärmlichen Verhältnissen, betrieben Forst-, Landwirtschaft oder liefen zu Fuß zur Arbeit ins Neckar- oder Remstal. Dadurch habe sich eine Eigenständigkeit entwickelt und ein raues Naturell. Das passte gut zu dem jungen Verwaltungsbeamten aus dem Lenninger Tal. „Ich bin herzlich aufgenommen worden“, sagt Hohler. Die alteingesessenen Aichwalder sind freilich nicht mehr unter sich – wenn auch Richard Hohler bei der Tour durch die Gemeinde immer wieder freundlich angesprochen wird. Die Einwohnerzahl wuchs von 4200 Anfang der 1970er- auf mehr als 8000 Personen Anfang der 80er-Jahre. Heute leben etwa 7600 Menschen in Aichwald. Das Naherholungsgebiet, dass die Felder, Wiesen, Wälder und Weinberge rund um Aichwald für viele Ausflügler in der Region ist, ist vor allem für junge Familien zur Heimat geworden, in allen Ortsteilen wurde aufgesiedelt.
Die Infrastruktur ist mitgewachsen. Grundschulen und Kindergärten bestehen in den drei größeren Ortsteilen. Eine Zentrumsfunktion hat Schanbach, wo nach dem Schulzentrum in den 1960er-Jahren auch die Schurwaldhalle und schließlich die Ortsmitte gebaut wurden. Rund um das neue Rathaus gibt es einen kleinen Supermarkt, Schreibwaren, Bäcker und einige Meter weiter andere Geschäfte für den täglichen Bedarf. Doch wie in vielen Dörfern im ländlichen Raum fließen laut Hohler 80 Prozent der Einzelhandelskaufkraft ab: Die Menschen, die meist außerhalb der Gemeinde arbeiten, kaufen anderswo ein. Viele Gaststätten und Geschäfte in den Teilorten mussten in den vergangenen Jahren schließen.
Nach wie vor lebendig ist dagegen das Vereinsleben, wenn auch eingeschränkt in Pandemiezeiten. Die Vereine haben zum Zusammenwachsen der Gemeinde beigetragen, sagt der frühere Bürgermeister Hohler. Mehr als 40 Organisationen versammeln sich heute im Vereinsring Aichwald, die ehrenamtliche Arbeit zeigt sich besonders prominent in Großveranstaltungen wie den Motorcross-Rennen oder den Goldgelb-Musikfestivals, die tausende Zuschauer anziehen.
Die Ortsteile haben sich ihren Dorfcharakter weitgehend erhalten. Neben einzelnen alten Bauernhöfen, Fachwerkbauten und den Backhäusle, die es in jedem Ortsteil außer Lobenrot gibt, wurde vor allem mit Ein- und kleinen Mehrfamilienhäusern aufgesiedelt. Hochhäuser sind nur am Ortseingang von Schanbach in den 1970ern entstanden. Richard Hohler lebt auch Jahre nach seiner Amtszeit noch gerne in Aichwald. „Es ist eine reizvolle Ecke.“
Lesen Sie auch den Bericht über die einzelnen Ortsteile Aichwalds.
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