Spaziergang durch Deizisau Was die Gemeinde zusammenhält

Margita und Brunno Fernandes sind 1975 in das Wert gezogen – und konnten sich bis heute nicht losreißen. Foto: /Dominic Berner

Brunno Fernandes wohnt mit seiner Frau Margita seit 46 Jahren im Wert. Auf einem Spaziergang durch Deizisau erzählt er, was ihn an der Gemeinde beeindruckt und sie zu einem solch lebenswerten Ort macht.

Deizisau - Der Tennisclub in Deizisau hat für Brunno Fernandes eine besondere Bedeutung. 1975 zog er mit seiner Frau Margita auf das Wert, die beiden waren neu in der Gegend. Heute ist Fernandes 80 Jahre alt und schon lange kein Neig’schmeckter mehr. Seine Geschichte zeigt bildhaft, was Deizisau zusammenhält und für viele Menschen zu einem solch lebenswerten Ort macht.

 

Die Mittagssonne steht hoch über den Getreidefeldern, die sich hinter dem gar nicht mehr so neuen Neubaugebiet Wert erstrecken. Es muss mindestens 25 Grad warm sein und Brunno Fernandes trägt Hemd, darüber einen Pullover, darüber eine helle Lederjacke. Mit gezücktem Schlüssel in der Hand steuert der 80-Jährige auf das Gittertor zu, das den Tennisplatz des TSV Deizisau von der Öffentlichkeit abtrennt. Jahrelang engagierte er sich in dem Verein, seine beiden Töchter spielten hier Tennis, auch seine Frau nahm er zum Training mit. „Hier wird viel gelacht“, sagt Fernandes und blickt sich um. Auf dem Areal befinden sich neben Tennisplätzen auch ein Grillplatz und ein Pavillon. Die perfekten Bedingungen für ein kühles Getränk nach dem Sport.

Brieffreundschaft aus Schulzeiten

Der Spaziergang mit Brunno Fernandes beginnt etwa eine Stunde vorher. Treffpunkt ist die Teckstraße, die auf einem Hügel weit über dem Ortskern von Deizisau liegt: im Wert. Dort sitzen Margita und Brunno Fernandes auf einer Bank inmitten des kleinen Parks direkt hinter ihrem Haus. Sie genießen die Wärme und plaudern mit einigen Nachbarn – mit Abstand, versteht sich. Hier kennt man sich. Genau das macht für die Familie Deizisau aus.

Doch wie das eben so ist, war das am Anfang anders. In den 1960-er Jahren wanderte Brunno Fernandes aus dem heute indischen Bundesstaat Goa nach Göppingen aus. Er machte einen Deutschkurs und besuchte eine Ingenieurschule. Goa war damals noch eine Kolonie. „Ich hatte einen portugiesischen Pass“, erklärt er. In Deutschland lernte er auch seine Frau Margita kennen, die aus dem bayerischen Rosenheim stammt. Der Kontakt kam über Brunno Fernandes’ Bruder zustande, mit dem Margita seit Schulzeiten eine Brieffreundschaft pflegte. „Als ich mitbekam, dass Brunno nach Göppingen gezogen ist, habe ich ihn besucht“, erzählt sie. Das war 1964.

Nur Obstwiesen

Mit dem Wert verbindet die beiden eine außergewöhnliche Geschichte, an die sich Margita Fernandes gerne erinnert. Die beiden lernten sich kennen, verliebten sich ineinander und heirateten. Wenig später zogen sie nach Plochingen, und der Maschinenbauingenieur fand eine Stelle bei der Firma Traub.

„Als wir noch in Plochingen wohnten, sahen wir, dass hier oben in Deizisau gebaut wird“, sagt Margita Fernandes. Das Ehepaar hatten sich zu dieser Zeit nach einer Eigentumswohnung umgeschaut. Die Beiden verfolgten von der anderen Neckartal-Seite aus, wie die Hochhäuser im Wert wuchsen. Sie beschlossen, dort eine Wohnung zu kaufen. Dort oben lebt die Familie seit 1975, also seit etwa 46 Jahren. Wenn sie aus dem Fenster blicken, liegt ihnen das Neckartal zu Füßen.

„Ich bin nicht gut zu Fuß“, sagt Margita Fernandes. Deshalb geht nur ihr Mann Brunno mit. Während des Spaziergangs wird er nicht müde zu erzählen, was sich auf dem Hügel befand, bevor sie ihre Wohnung bezogen hatten: Obstwiesen.

Die zwei Herrscher

Wie im gesamten Wohngebiet, stehen in der Straße „Ob der Steige“ einige Häuser, deren Alter man schwer einschätzen kann. „Diese Häuser gab es schon, als wir hier hergezogen sind“, erklärt Fernandes und deutet in Richtung Westen, also in Richtung Esslingen. „Der Teil da hinten“ – er meint das ganze Areal am anderen Ende des Wert – „das waren alles Obstwiesen.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Kriegsvertriebene nach Deizsau. Es fehlte an Wohnungen, deshalb expandierte die kleine Ortschaft. Zwischen 1950 und 1970 verdoppelte sich die Bevölkerungszahl von knapp 3000 auf etwa 6000 Einwohner. Mittlerweile leben rund 7000 Menschen in der Gemeinde.

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Fernandes biegt in die Achalmstraße ein, die eine Art Außengrenze des Wert zu sein scheint. Dahinter geht es hinab ins Tal. Von hier aus hat man das volle Panorama auf Plochingen, Altbach und Esslingen. „Diese zwei beherrschen Deizisau“, erklärt Fernandes. Zwei Schornsteine thronen über der Landschaft, sie ragen aus den EnBW-Kraftwerken in den Himmel. „Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der diese Kamine gebaut wurden“, sagt der ehemalige Ingenieur. „Es war sehr beeindruckend, wie schnell das ging. Jeden Tag ein paar Meter höher.“

Kein besserer Ort zum Wandern

Die Lage des Wohngebiets ist Fluch und Segen zugleich. Durch die Landschaft fließt der grünlich-blaue Neckar wie ein Fließband. Das monotone Rauschen der B 10 hallt aus dem Tal hinauf auf das Wert. Auf die Frage, ob dieses Geräusch störe, winkt Brunno Fernandes ab. „Was wirklich stört, ist der Fluglärm. Wir befinden uns hier in der Einflugschneise des Stuttgarter Flughafens.“ Sie hätten gute Fenster in ihrer Wohnung, trotzdem sei der Lärm ständig zu hören. Auch der Anstieg sei ein Manko. Teilweise habe die Straße, die aus dem Ortsinneren auf das Wert führt, eine Steigung von zwölf Prozent. „Bei Schnee mussten wir häufiger das Auto unten im Ort stehen lassen“, erzählt Fernandes. Wegen der Glätte sei man den Hügel nicht hoch gekommen. Auch Kinderwagen hochschieben sei sehr schwer. Doch die Erreichbarkeit habe sich verbessert. Mittlerweile verbindet die Buslinie 143 das Wert mit dem Ortskern und dem S-Bahnhof Plochingen.

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Zur Linken das Wohngebiet, zur Rechten Wald- und Wiesenidylle. Die Tour führt über einen Feldweg zum Bauernhof Eberhardt. In dem riesigen Freilaufgehege gegenüber der Gewächshäuser wuseln hunderte Hühner herum. Ihr Gackern hört man schon von Weitem. „Hier oben sind an den Wochenenden sehr viele Ausflügler“, erklärt Brunno Fernandes. Er klingt verständnisvoll, fast so, als kenne er keinen besseren Ort, um wandern und spazieren zu gehen.

Leichter Anschluss

Die letzte Etappe des Spaziergangs führt vom Bauernhof zu den Tennisplätzen. Plötzlich schallt es aus einem Garten: „Hallo Brunno, wie geht’s?“ Ein Mann unterbricht auf der anderen Seite des Zauns seine Gartenarbeit und kommt herüber. Die zwei unterhalten sich. Ja, Fernandes kennt die meisten Menschen, die hier auf dem Wert wohnen. Bei fast jedem zweiten Haus fällt ihm eine Anekdote ein, oder er weiß zumindest, wer dort wohnt.

Einen Zugang zum Ort und seinen Bewohnern bekamen Margita und Brunno Fernandes über den Sportverein, über die Nachbarschaft und ihre Kinder. Anfangs sei Fernandes ein paar mal alleine Tennisspielen gewesen. Doch nach kurzer Zeit kam jemand auf ihn zu und fragte, ob sie nicht am folgenden Tag zusammen spielen wollen. Generell ist es nicht schwer für Neulinge, hier in Deizisau Anschluss zu finden, davon ist Fernandes überzeugt. „Das sind alles nette Leute hier“, sagt er, „das ist für mich Deizisau.“

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