Spaziergang durch Oberesslingen Einst Sommerfrische, heute buntes Wohnviertel

Der Kunsthistoriker Christian Ottersbach am Ufer des Hainbachs beim Wäsemle. Hier findet regelmäßig ein kleiner Wochenmarkt statt. Foto: Rudel/Horst Rudel

Der Kunsthistoriker und gebürtige Oberesslinger Christian Ottersbach zeigt, was vom einstigen Weinbauerndorf Oberesslingen übrig geblieben ist. Er hat zudem eine Ausstellung über den Stadtteil mitkonzipiert.

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Oberesslingen - Im Lammgarten in Oberesslingen ist Balus Tobewiese. Mit Sicherheitsabstand zu der Familie mit Kleinkind, das auf der Picknickdecke vespert, feuert Herrchen Dennis seinen schwarzen Mops an, einen Stock zu apportieren. Die ganze Szenerie überblicken zwei ältere Herren, die sich auf einer Bank am oberen Parkende zum Schwatz in ihrer Muttersprache niedergelassen haben. Zu ihrer linken erstreckt sich das Einkaufs- und Ärztezentrum Lammgarten, ein Produkt der 70er-Jahre aus Sichtbeton und grünlich beschichteten Platten. Zu ihrer Rechten steht ein gepflegter Altbau hinter geschnittenen Hecken. In dem beliebten Park deutet vieles auf den Charakter von Esslingens zweitgrößtem Stadtteil hin. Hier leben Menschen aus allen Milieus nah beinander, hier wechseln sich Bausünden aus den 60er- und 70er-Jahren ab mit Fachwerk, Jugendstil und Neubau für Reiche. Wie es zu der Mischung gekommen ist, weiß kaum jemand besser als Christian Ottersbach.

 

Das Anwesen eines Fuhrunternehmers wich einem Mehrfamilienhaus

Der 49-jährige Kunsthistoriker ist hier geboren, hat während des Studiums als Stadtführer gearbeitet und ist nach beruflichen Stationen in nördlicheren Breiten „pünktlich zum 40. Lebensjahr“ wieder nach Oberesslingen zurückgekehrt. Mehr aus Zufall denn aus Liebe zur Heimat, wie er sagt. „Ich habe hier eine günstige Bleibe gefunden.“ Sie liegt nur einen Steinwurf vom Lammgarten entfernt, an der ruhigen Hindenburgstraße, der angeblich längsten Fahrradstraße Deutschlands. Dort bekommt Ottersbach den Wandel hautnah zu spüren. „Unser Haus grenzte mal an ein parkähnliches Anwesen, das einem Fuhrunternehmen gehört hat“, erzählt er. Die Erben machten das Grundstück zu Geld. Nun schmiegt sich ein mächtiges Mehrfamilienhaus in sterilem Weiß an den Zaun seines Hauses.

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Viele Oberesslinger haben, ähnlich wie Ottersbach, ein eher nüchternes Verhältnis zu ihrem Stadtteil. „Hier wohnt man gut, es ist schön ruhig“, sagt Kathrin Schildmann, Mutter von kleinen Kindern und seit sechs Jahren Oberesslingerin. Was dem Stadtteil fehlt, ist „ein genuiner, eigener Charakter“, stellt Ottersbach fest. „Oberesslingen ist vor allem eine ausgedehnte Vorstadt aus Wohn- und Lebensvierteln, die eng verbunden sind mit der Innenstadt durch die großen Straßenachsen Plochinger-, Neckar-, Hindenburg- und Urbanstraße.“ Das war nicht immer so. Unweit des Lammgartens, in der Plochinger Straße 51, zeugt ein Fachwerkhaus von einer Zeit, in der sich die Oberesslinger und die Reichsstädter spinnefeind waren: das Oberesslinger Zollhaus. Da sich Oberesslingen, damals ein Weinbauerndorf, lange unter württembergischer Herrschaft befand, mussten seit dem 17. Jahrhundert Durchreisende Zoll an Württemberg entrichten.

Dorfcharakter ging erst in der Nachkriegszeit verloren

Im 19. Jahrhundert, nachdem die Reichsstadt ihre Unabhängigkeit verloren hatte, fand der idyllische Flecken bei betuchten Esslingern und Stuttgartern zunehmend Gefallen. Sie errichteten dort teils prächtige Landsitze. Obwohl Oberesslingen 1913 eingemeindet wurde und sich von da an zunehmend zum Industriestandort entwickelte, konnte es seinen dörflichen Charakter noch lange bewahren. „Erst in der Nachkriegszeit, als der Bau von Hochhaussiedlungen und der Autoverkehr explodierten, ging dieser Charakter weitgehend verloren“, erzählt Ottersbach.

Einer der wenigen verbliebenen Orte, der die älteren Bewohner noch an den Glanz früherer Zeiten erinnert, ist der Diakonissengarten, ein kleiner Park mit Kinderspielplatz an der Ecke Kreuz- und Hirschlandstraße. Er gehörte einst zum Weiler Hof, dem „Schlössle“, wie der Volksmund ihn nannte, weil das vornehme Anwesen meist von Adligen und anderen honorigen Besitzern bewohnt wurde. Zuletzt lebten dort Diakonissen, bevor es die Stadt 1978 erwarb. Obwohl der 1442 erstmals erwähnte Weiler Hof – einst Besitz des Klosters Weil – auf eine bewegte Geschichte zurückblickt, überließ die Stadt den Komplex der Bauwirtschaft. Bis auf den Garten.

Nach zähen Jahren erlebt das Wäsemlesfest ein Revival

Verlässt man den Park an seinem östlichen Ende, gelangt man an den Marktplatz des Stadtteils, ans Wäsemle, den Wasen von Oberesslingen in Miniatur. Hier, wo der Hainbach oberirdisch fließt und für alle zugänglich ist, schwätzt man miteinander. Donnerstagvormittags trifft man sich auf dem Wochenmarkt, an anderen Tagen stapfen Kinder aus der Nachbarschaft im Bach herum. An lauen Abenden dient der Ort jungen Menschen für romantische Stunden. Und an den heißen Tagen wird hier auch mal gebadet.

Der Höhepunkt der Geselligkeit ist das Wäsemlesfest, ein Familienfest, das vor Corona eine Art Revival erlebt hat. Zuletzt, 2019, saßen Vereinsmitglieder und Anwohner bis spät am Abend zusammen auf Bierbänken. „Es gab Zeiten, da haben wir das Fest mit drei Vereinen gestemmt“, erinnerte sich Mario Flietner vom Radfahrer-Club Oberesslingen.

Folgt man dem Lauf des Hainbachs, gelangt man zum historischen Ortszentrum von Oberesslingen. Ottersbach nennt die Einmündung der Hirschlandstraße in die Schorndorfer Straße „einen Unort“. Denn außer zwei stattlichen Kastanienbäumen zeugt nichts mehr davon, dass hier einst Oberesslingens Rathaus stand. Stattdessen rauschen auf der Schorndorfer Straße nonstop Autos nach Esslingen hinein oder aus Esslingen hinaus. Ein Zeitzeuge des Wandels ist die Metzgerei Mayer an der Schorndorfer Straße. Sie gehört zu den wenigen verbliebenen alteingesessenen Familienbetrieben in Oberesslingen.

Die Nähe zur Natur entschädigt die Bewohner der Hochhaussiedlungen

Östlich der Schorndorfer Straße, auf Höhe der Martinskirche, kehrt rasch wieder Ruhe ein. Im Friedhof Oberesslingen, der direkt an das Hospiz angrenzt, erinnert ein Gedenkstein an ein tragisches Fährunglück, bei dem 21 Menschen ertranken. Was viele nicht wissen: Zwischen 1889 und 1921 gab es dort, wo heute die Adenauerbrücke steht, eine Fährverbindung zu den Sirnauer Wiesen. Am 28. April 1918 kenterte die Fähre Cymbria. Unter den Toten waren viele Kinder.

Südlich des Friedhofs, an der Kreuzung Kepler- und Weiherstraße, ist „ein kleines bisschen Dorf“ erhalten geblieben, wie Ottersbach sagt. Die weitgehend eingeschossigen Häuser mit hohem Giebeldach reichen fast bis an den Straßenrand. Ansonsten dominieren Hochhaussiedlungen diesen Teil Oberesslingens. Ihre Bewohner entschädigt die Nähe zu weitläufigen Streuobstwiesen, die dieses Viertel umgeben.

Eine lieblichere Architektur findet man im äußersten Südosten des Stadtteils: Die Gartenstadt ist ein Genossenschaftsprojekt von 1912, das Kleinverdienern den Traum vom Einfamilienhaus mit Garten ermöglichte. Die Häuser sind schmal, stehen in Reihe und haben alle kleine Gartenparzellen. Ottersbach fährt aus zwei Gründen gerne in die Gartenstadt: „Hier gibt es einen wunderbaren Bäcker“, verrät er. Außerdem lässt er sich gerne im „Froschkönig“ nieder, einem Biergarten mit griechischer Küche. Dass er von dort auf Siedlungsbauten der Nachkriegszeit blickt, stört ihn nicht weiter.

Mehr Informationen über Oberesslingen

Ausstellung
Im Restaurant Froschkönig, Landhausstraße 59 in Oberesslingen, ist noch bis zum 1. August 2021 eine kleine Ausstellung über das historische Oberesslingen zu sehen.

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