Spaziergang durch Stuttgart Auf Spurensuche nach dem eigenen Konsum

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Nachhaltig shoppen funktioniert auch in Stuttgart. Wie, das erklären Mitglieder der Initiative Weltbewusst beim Stadtspaziergang zwischen fairem Kaffee, nachhaltigem Tourismus und sozial investierenden Banken.

Die Initiative Weltbewusst klärt über nachhaltigen Konsum auf. Foto: Horst Rudel
Die Initiative Weltbewusst klärt über nachhaltigen Konsum auf. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Er ist heiß, er duftet, er schmeckt: der Kaffee, mit dem jeder Teilnehmer am Stadtspaziergang im Café Deli beim Hans-im-Glück-Brunnen begrüßt wird. Doch wer denkt schon darüber nach, wo die guten Bohnen herkommen und wer am meisten daran verdient und wer am wenigsten? Genau. Kaum einer. Doch an diesem Samstag stand der gemeinsam von der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung veranstaltete Stadtspaziergang unter dem Motto „Unser weltbewusstes Stuttgart“. Als Referentinnen spazierten die Geoökologin Hannah Seyfang und die Politologin und PR-Beraterin Nina Henkel von der Stuttgarter Weltbewusst-Initiative mit. Und die ließen die Kaffeetrinker erstmal raten: „Wie viele Tassen Kaffee trinkt der Deutsche täglich?“

Die Teilnehmer schätzten richtig. Vier Tassen seien es täglich, sagte Seyfang. „Stuttgart konsumiert knapp 4000 Tonnen Kaffee im Jahr“, rechnete sie hoch. Doch wie viel Geld davon tatsächlich der Erzeuger erhalte und ob auch Kinder dafür ausgebeutet würden, hänge vom Trinker ab. Bei fair gehandeltem Kaffee erhielten die Erzeuger-Kooperativen 41 Prozent zuzüglich drei Prozent Fair-Trade-Prämie – ansonsten würden die Erzeuger mit grade mal fünf Prozent abgespeist.

Auf Spurensuche nach dem eigenen Konsum

Was das Ganze mit Stuttgart zu tun hat? Genau an der Geißstraße sei 1712 Stuttgarts erstes Kaffeehaus eröffnet worden, berichtet Seyfang. „Wir machen uns auf die Spurensuche nach Ihrem eigenen Konsum“, ergänzte Nina Henkel. Und raus geht es in den Dauerregen. Doch der ficht die Stadtspaziergänger nicht an. Mit Schirmen und Anoraks ausgerüstet geht es zu „Stuttgarts Konsummeile Nummer eins“. Am oberen Ende der – ja, richtig – Königstraße, wo jetzt Stefansbäck und Tchibo residieren, hätten Antonie und Gustav Hunzelmann 1930 die Kaffeerösterei Hochland eröffnet. Die bezeichne sich selbst als „größte Kaffeemanufaktur Deutschlands“ – „eine Alternative zu Discountern“, meint Seyfang. Ebenfalls zu empfehlen: „Kaufen Sie fair gehandelten Kaffee im Weltladen.“ Dass Tchibo sich selbst als nachhaltiges Unternehmen bezeichne, bewertet die Geoökologin als „Konsumentenlüge“.

Dass die Marienstraße die Konsummeile Königstraße nun verlängere, beurteilt Michael Kienzle im Unterschied zu Seyfang jedoch positiv. Der Vorstand der Stiftung Geißstraße und Grünenstadtrat erinnert daran: „Die Marienstraße war doch wirklich runtergekommen. Da ist es jetzt doch viel besser, dass die Leute zum Konsumieren kommen.“

In einem Handy stecken bis zu 30 verschiedene Metalle

Weiter geht es auf der Königstraße in Richtung Bahnhof, vorbei an Marktständen mit lockenden Urkarotten, Trauben aus Uhlbach und Tomaten aus dem Weinberg. „Falls Sie den Markt noch nicht nutzen, ist das eine konkrete Handlungsempfehlung“, sagt Seyfang.

Nächste Station: die untere Königstraße, wo „Handyläden wie Pilze aus dem Boden geschossen“ seien. „Aus was“, fragt Seyfang, „besteht eigentlich so ein Handy?“ „Koi Ahnung, i han kois“, meint eine ältere Dame trocken. Andere zählen auf: „Metall, Plastik, seltene Erden.“ Tatsächlich seien in einem Handy bis zu 30 verschiedene Metalle verbaut, sagt Seyfang und verteilt Handyteile. Doch die wenigsten Mobiltelefone würden recycelt, zudem mache dies die Elektroschrottsortierer krank. Und Bauern würden um ihr Ackerland betrogen, das sie in Unkenntnis der Bodenschätze wie Platinminen billig hergäben. Aber was gibt es für Alternativen zum Handy?

„Feste Zeiten vereinbaren, wie früher“, ruft eine Teilnehmerin. „Den Kindern lieber die altbackenen Handys geben“, meint Seyfang. Aber da lachen manche ihrer Zuhörer nur. Ökologisch korrekt zu leben ist eben nicht immer so einfach.

81 Prozent der Touristen kommen zum Shoppen nach Stuttgart

Das zeigt sich auch an der nächsten Station – im Hauptbahnhof. Nein, die Rede ist ausnahmsweise mal nicht von S 21. Stattdessen geht es um die ungebremste Reiselust. „81 Prozent der Touristen kommen nach Stuttgart, um zu shoppen“, sagt Nina Henkel. Das hätte kaum einer der Stadtspaziergänger erwartet. Sie haben eher auf Wasen, Messe oder Ballett getippt. Aber der Stuttgarter verreist ja auch mal gern. Doch Faulsein und Poolschwimmen auf Malle, in Indien oder Tunesien sei mit einem hohen Wasser- und Flächenverbrauch verbunden, lokale Bauern hätten das Nachsehen, erklärt Nina Henkel. Und: ein Bus verbrauche auf 100 Kilometer zwei Kilo CO2, ein Flugzeug 38 Kilo.

„Was kann man trotzdem tun? Reisen ist ja auch eine Horizonterweiterung“, sagt Henkel in die Runde. Tja. „Besser nicht fliegen“, sagt jemand. „Per Zug reisen oder Fahrgemeinschaften bilden“, ein anderer. „Langsam reisen“, meint eine Dame, „mit Zug und Schiff“. Henkel ergänzt: „Es gibt Zertifikate für Reiseveranstalter. Ich will nicht, dass jemand ausgebeutet wird.“

Besuch bei der ökologisch korrekten Bank

Nächste Station ist der Eugensplatz. Im Regen geht es die Staffeln hoch, von der Musikhochschule bis zur schönen Galatea. Doch nicht sie ist das Ziel und auch nicht die Eisdiele Pinguin, sondern die GLS Bank. Dort erfahren die Stadtspaziergänger, dass man eine Bank auch nach anderen Kriterien aussuchen kann als nur nach hohen Erträgen, Sicherheit und rascher Verfügbarkeit des Geldes. Die Frage sei doch, so Henkel: „Was machen die Banken mit dem Geld?“ „Die treiben ihr Unwesen damit“, vermutet eine Dame.

Henkel weist darauf hin, dass etwa die Deutsche Bank in Nahrungsmittelspekulationen investiere und in Waffenproduktion sowie in die Atomindustrie, konkret Tepco, die Firma, die das AKW in Fukushima betreibe. Banken wie die GLS hingegen hätten ein anderes Jobverständnis: „Wir bilden die Brücke zwischen denen, die Geld haben und denen, die Geld brauchen“, sagt eine Mitarbeiterin der GLS Bank. „Wir investieren grundsätzlich in die Bedürfnisfelder von Menschen.“ Gemeint seien ökologisch-soziale Projekte. „Sie haben“, sagt Nina Henkel zum Abschied, „ziemlich viel Entscheidungsmacht, wenn Sie wissen wollen, was mit Ihrem Geld passiert“.

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