Böblinger SPD-Bundestagskandidatin Jasmina Hostert Sie will keinen Hitzkopf an der Spitze

Ganz in rot: Jasmina Hostert im Gespräch mit einem potenziellen Wähler auf dem Elbenplatz in Böblingen. Foto: /Stefanie Schlecht

Jasmina Hostert vertritt den Wahlkreis Böblingen seit 2021 in Berlin – und möchte für die SPD nun ein zweites Mal in den Bundestag einziehen. Sich selbst und ihre Partei sieht sie in diesen Zeiten als „Bollwerk gegen rechts“.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Warm eingepackt in einer strahlend roten Jacke steht Jasmina Hostert an einem kalten Januarmorgen auf dem Elbenplatz in Böblingen: Wenige Wochen, dann wird der Bundestag neu gewählt, für den sich die 42-Jährige erneut zur Wahl stellt. Hinter der SPD-lerin liegen ereignisreiche Monate, bestimmt vom Bruch der Ampelregierung und harten Diskussionen über Migration.

 

Sie selbst versteht sich und ihre Partei in diesen Zeiten als „Bollwerk gegen rechts“ und besinnt sich auf das, was sie ur-sozialdemokratische Werte nennt: „Ich will das Leben der Menschen Stück für Stück gerechter und besser machen.“

Erstmals nahm die CDU/CSU-Fraktion die Stimmen der AfD in Kauf

Anfang Februar, Jasmina Hostert ist wieder in ihrem Wahlkreisbüro in Böblingen. Vor wenigen Tagen ist sie aus Berlin zurückgekehrt, wo sie eine historische Sitzungswoche erlebt hat. In einer Abstimmung hatte die CDU/CSU-Fraktion mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit für einen Antrag auf Verschärfung der Migrationspolitik im Nachgang zu den Gewalttaten in Aschaffenburg und Magdeburg bekommen – und eine Debatte, die bis jetzt nicht beendet ist.

Sie selbst hat gegen diesen Antrag gestimmt: „Wir brauchen eine europäische Asylpolitik, keinen nationalen Alleingang“, sagt sie. „Entsetzt“ sei sie gewesen über den Wortbruch des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz, nicht mit der AfD abzustimmen, und über die freudigen Gesichter in den Reihen der AfD. Dass das Zustrombegrenzungsgesetz, über das zwei Tage später abgestimmt wurde, abgelehnt wurde, ist für sie auch ein Zeichen dafür, dass die Proteste aus der Bevölkerung Wirkung gezeitigt hätten.

Als Neunjährige musste sie aus Bosnien fliehen

Migration ist für sie persönlich: Als Neunjährige ist sie 1992 mit ihrer Familie aus Bosnien geflohen, bei einem Granatenangriff hat sie damals einen Arm verloren.

Doch auch Olaf Scholz hat in der Migrationsdebatte harsche Töne angeschlagen. Der Spiegel titelte im Jahr 2023 auf seinem Cover mit dem Bundeskanzler: „Wir müssen im großen Stil abschieben.“ In einem Statement kurz nach der Gewalttat in Aschaffenburg, bei der ein Kind und ein Mann starben, sprach er davon, dass „sofort Konsequenzen folgen“ müssten. Es sei nicht die Absicht der Partei, die Anti-Migrationserzählung im Land voranzutreiben, sagt Hostert und plädiert für eine differenzierte Debatte.

„Keiner hat Verständnis dafür, dass Straftäter frei herumlaufen“, sagt sie. Doch Leute sollten auch nicht über einen Kamm geschert werden. „Menschen mit Migrationshintergrund haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, unseren Landkreis und seine Wirtschaft so stark zu machen“, sagt Hostert. Deshalb würde sie für ein Verbot der AfD stimmen. „Momentan gibt es dafür jedoch keine Mehrheit“, sagt sie.

Gewalthilfegesetz soll Hilfesysteme für Frauen finanzieren

Der Bruch der Ampelkoalition war für Jasmina Hostert ein Paukenschlag. Dass die Situation angespannt war, sei klar gewesen, erklärt die Genossin. Die oft formulierte Kritik, dass der SPD-Kanzler zu zögerlich und unentschlossen agierte, teilt sie jedoch nicht: „Ich will keinen Hitzkopf an der Spitze“, sagt sie. Stattdessen sollte die Devise sein, Kompromisse zu suchen. Das sei in der vergangenen Sitzungswoche trotz aller Anspannungen auch gelungen, erzählt Hostert.

In letzter Minute einigten sich SPD, Grüne und Union auf das Gewalthilfegesetz, mit dem der Bund innerhalb von zehn Jahren 2,6 Milliarden Euro in Hilfesysteme für von Gewalt betroffene Frauen aufwenden will. Das könnte auch dem Frauenhaus, das im Kreis Böblingen geplant ist, zu Gute kommen. Nachdem eine Bundesförderung in den letzten Jahren nicht zustande kam, übernimmt nun das Land einen Teil der Finanzierung für den Bau. Bei der weiteren Finanzierung könnte dann das Gewalthilfegesetz greifen, stellt Jasmina Hostert in Aussicht.

Auch in die Prävention von Gewalt soll investiert werden

Mit dem Gesetz werde außerdem ermöglicht, dass niedrigschwellige Beratungsangebote ausgebaut werden könnten. „Die Anlaufstellen Amila und Thamar im Kreis Böblingen sind ausgelastet“, sagt Jasmina Hostert. Das geplante Frauenhaus sei zwar ein weiterer wichtiger Baustein, doch auch in die Prävention müsste weiter investiert werden.

Außerdem setzte sie sich in den letzten Jahren unter anderem für 2,4 Millionen Euro an Fördermitteln für die Sanierung des Klösterle in Weil der Stadt ein. Auch für die Förderung des Rappenbaumareals über drei Millionen Euro legte sie in Berlin ein gutes Wort ein. Diese Gelder gingen jedoch im Zwist zwischen Sindelfingen und Böblingen auf kommunaler Ebene verloren.

Geld fließt auch in den Bereich Bildung: Die Justinus-Kerner-Grundschule in Böblingen ist Teil des „Startchancen-Programms“ des Bundes, das darauf abzielt, die Bildungschancen unabhängig von der sozialen Herkunft zu verbessern.

2021 stand Hostert auf Listenplatz 9, dieses Jahr stehen ihre Chancen auf einen Wiedereinzug mit Listenplatz 7 ausgesprochen gut. Bei der letzten Wahl sammelte sie 21,1 Prozent der Erststimmen und war somit die größte Konkurrentin für Marc Biadacz (CDU), der das Böblinger Direktmandat mit 29,7 Prozent gewann.

Zur Person Jasmina Hostert

Leben
Jasmina Hostert wurde am 3. Dezember 1982 in Sarajevo geboren. 1993 kam sie schwer verletzt als Kriegsflüchtling von Bosnien nach Deutschland. Sie besuchte die Grundschule in Wachtberg-Pech, Rhein-Sieg-Kreis, dann ein Gymnasium in Bonn und schloss ihr Abitur in Großbritannien ab. Von 2003 bis 2009 studierte sie Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Bonn. Seit 2011 lebt sie mit ihrem Ehemann und zwei Kindern im Kreis Böblingen.

SPD
Seit 2009 ist Jasmina Hostert Mitglied der SPD. Ab 2012 war sie Mitarbeiterin im SPD Kreisverband Böblingen. Von 2019 bis 2022 war sie Stadträtin in Böblingen, seit der Wahl 2021 vertritt sie den Wahlkreis Böblingen im Bundestag. Dort sitzt sie im Sportausschuss und dem Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

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