SPD-Chefin Saskia Esken „Der deutsche Schulbetrieb ist zu sehr auf Bulimie-Lernen angelegt“

Saskia Esken ist seit 2019 Vorsitzende der SPD. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken will, dass mehr in Bildung investiert wird. Wie? Indem Reiche höhere Steuern zahlen. Ein Gespräch über Bildungsgerechtigkeit und Bulimie-Lernen.

Korrespondenten: Tobias Peter (pet)

Vielen Kindern fehlt es am Ende der Grundschule an Basiskenntnissen, beim Thema Bildungsgerechtigkeit schneidet Deutschland in Studien verheerend ab. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken fordert mehr Investitionen in die Bildung. Dafür will sie auch das Grundgesetz ändern.

 

Frau Esken, Sie waren jahrelang Elternvertreterin und kennen die Probleme an den Schulen. Brauchen wir ein Sondervermögen – 100 Milliarden für die Bildung – wie es jetzt auch eines für die Bundeswehr gibt?

Ich finde die Idee, ein Sondervermögen für die Bildung aufzulegen, sehr sympathisch. Wir müssen auf jeden Fall mehr in Bildung investieren. Ich habe als Elternvertreterin – die meisten Mütter und Väter wissen, wovon ich spreche – zu viele Schulgebäude gesehen, in die man seine Kinder nicht zum Lernen schicken möchte. Die Frage ist aber, wie man ein solches Sondervermögen befüllen könnte.

Nämlich?

Diejenigen, die sehr große Vermögen haben in unserer Gesellschaft, müssen mehr zum Allgemeinwohl beitragen. Dazu sind auch viele dieser Menschen bereit. Sie werden umso leichter zu überzeugen sein, wenn unsere eindeutige Botschaft lautet: Das Geld investieren wir in unsere Zukunft, in die Kinder.

Experten warnen, durch die Corona-Pandemie habe Chancenungleichheit im Bildungssystem noch einmal zugenommen. Müssen wir uns vor der nächsten Pisa-Studie fürchten?

Die Schulschließungen in der Corona-Zeit waren falsch, sind aber nicht das zentrale Problem. Viele Studien – insbesondere der IQB-Bildungstrend – haben gezeigt, dass unser Schulsystem an einer wichtigen Stelle versagt. Eigentlich muss es in der Grundschule gelingen, die Nachteile der Kinder mit schlechteren Startchancen auszugleichen. Stattdessen wachsen diese Nachteile in der Grundschule an. Ein Viertel der Kinder verfügt nach den ersten vier Schuljahren nicht über die nötigen Basiskompetenzen. Das ist eine Katastrophe. Wir müssen uns nicht vor den kommenden Pisa-Ergebnissen fürchten, aber wir müssen sie endlich ernst nehmen.

Bildung ist weitgehend Ländersache. Brauchen wir eine Grundgesetzänderung, die Bildung zu einer Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern macht?

Vergessen Sie die Kommunen nicht. Bund, Länder und Kommunen müssen so gut wie möglich kooperieren, damit die Schülerinnen und Schüler die bestmöglichen Bildungschancen bekommen. Bildungsgerechtigkeit muss eine gemeinsame Mission aller staatlichen Ebenen sein. Eine Grundgesetzänderung, die dem Bund mehr Möglichkeiten gibt, etwas für Bildungsgerechtigkeit zu tun, wäre klug. Diese Idee hat meine volle Unterstützung.

Ein zentrales Problem an den Schulen ist der Lehrkräftemangel. Experten haben als Notprogramm jetzt vorgeschlagen, Teilzeit zu begrenzen und Lehrer am Gymnasium für andere Schulformen fortzubilden. Sind Sie dafür?

Ich warne davor, mit brachialen Methoden dafür zu sorgen, dass die vorhandenen Lehrkräfte noch ein paar Stunden mehr unterrichten. Wir wollen guten Unterricht – und dafür brauchen wir motivierte und leistungsfähige Lehrkräfte. Deshalb muss es darum gehen, dass die Lehrkräfte bei der Unterrichtsvor- und nachbereitung mehr zusammenarbeiten, um Synergien zu nutzen. Und wir müssen sie von Verwaltungstätigkeiten entlasten. Ist es zum Beispiel sinnvoll, dass irgendein technikaffiner Lehrer in der Schule den digitalen Hausmeister spielt? Nein. Dafür müssen wir andere Menschen einstellen.

Der Chef der Pisa-Studie, Andreas Schleicher, sagt, in deutschen Schulen gehe es oft zu wie im Fastfood-Restaurant: Die Schüler seien nur Konsumenten, die Lehrkräfte wärmten – unter Zeitdruck – Vorgefertigtes auf. Eine realistische Beschreibung?

Ja, leider. Der deutsche Schulbetrieb ist immer noch zu sehr auf Bulimie-Lernen angelegt. Es hat sich einiges getan in den Jahren. Aber unterm Strich geht es immer noch zu sehr um die Vermittlung von bestimmten Inhalten – und zu wenig um den Erwerb von Kompetenzen. Schüler lernen hier einen Umgang mit Wissen, den sie nachher im Leben nicht mehr brauchen.

In der Silvesternacht wurden in Berlin Polizisten und sogar Feuerwehrleute angegriffen, vielfach auch von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Bilder gesehen haben?

Das waren erschreckende Bilder. Es ist inakzeptabel, dass Menschen, die für unsere Sicherheit sorgen, Leben retten oder Brände löschen, angegriffen werden. Als Gesellschaft müssen wir unsere Sicherheits- und Rettungskräfte so gut wie möglich schützen. Die Gewalttaten müssen konsequent strafverfolgt werden, und das muss auch schnell geschehen.

Zeigen die Geschehnisse der Berliner Silvesternacht, dass es in einigen Städte Bereiche gibt, in denen Integration komplett gescheitert ist?

Ich halte es für einen Fehler, die Debatte auf den Migrationshintergrund von Tätern zu fokussieren. Die große Mehrheit der Menschen mit Migrationshintergrund lehnt das, was die Täter getan haben, zutiefst ab. Pauschale Schuldzuweisungen gehen an der Sache vorbei, aber vor allem sind sie ein Schlag ins Gesicht der vielen rechtschaffenen Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte in unserem Land .

Müssen wir nicht trotzdem nüchtern und sachlich auch über Integrationsprobleme reden?

Wir haben es mit jungen Menschen zu tun, die ein erschreckend respektloses Verhältnis zum Staat und zu unserer Gesellschaft entwickelt haben. Da müssen wir gegensteuern. Es hat aber keinen Sinn, eine populistische Debatte über die Vornamen von Täter anzuzetteln, wie es die CDU in Berlin getan hat. Kein Mensch hat als einzige Eigenschaft einen Migrationshintergrund. Wir reden über Randlagen der Gesellschaft, über Armut und völlige Perspektivlosigkeit. Das entschuldigt nichts. Aber wer diese Tatsachen ignoriert, wird nichts ändern können.

Schulen sind ein Ort, an dem die gesellschaftliche Integration stattfinden müsste. Sind sie mit dieser Aufgabe überfordert?

Wir müssen Geld und Personal stärker auf die Schulen konzentrieren, die besondere Herausforderungen zu bewältigen haben. Das sind Schulen in den ärmeren Stadtteilen, in denen häufig auch besonders viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Die Mittel dorthin zu geben, wo sie am nötigsten gebraucht werden: Das ist ein Ansatz, den die Bundesregierung mit ihrem Startchancenprogramm verfolgt. Das muss zur Grundidee werden, wie wir in Deutschland Geld im Bildungssystem verteilen. Und es muss schnell gehen, das Startchancenprogramm muss bereits dieses Jahr starten.

Erst kam die Corona-Krise, dann der Krieg in der Ukraine mit vielen geflüchteten Kindern, die Hilfe brauchen und in die Schulen integriert werden müssen. Schaffen unsere Schulen das?

Die Schulen sind der einzige Ort, der das schaffen kann. Viele ukrainische Mütter haben eine pädagogische Ausbildung – warum beziehen wir sie nicht viel stärker in die Integrationsarbeit an den Schulen ein? Die Schulen sind als Organisation aber überfordert damit, so etwas auf die Beine zu stellen. Dabei brauchen sie Unterstützung aus anderen Verwaltungsbereichen. Dafür muss man Menschen einstellen oder Mitarbeiter zwischenzeitlich von anderen Aufgaben abziehen.

Wenn wir die Integration der ukrainischen Flüchtlinge richtig anpacken, können Sie dann ein Teil der Lösung im Kampf gegen den Fachkräftemangel sein?

Viele werden irgendwann zurückkehren wollen, andere könnten bleiben. Und dann können diese Menschen auch dauerhaft Teil unserer Gesellschaft werden und damit Teil der Lösung des Fachkräftemangels sein. Dazu müssen wir uns aber von der Einwanderungsgesellschaft zur Integrationsgesellschaft weiterentwickeln und Menschen aus anderen Ländern willkommen heißen.

Was muss noch geschehen?

Generell ist es so, dass wir den Fachkräftemangel mit einem großen Instrumentenkasten bekämpfen müssen: Wir müssen die Weiterbildung stärken und auch in der Mitte des Lebens noch den Erwerb einer beruflichen Qualifikation ermöglichen. Wir müssen Frauen aus der Teilzeitfalle holen und ältere Beschäftigte mehr wertschätzen. Wir werden klug gesteuerte Einwanderung brauchen. Und: Wir können es uns nicht leisten, auch nur ein einziges Kind nicht optimal zu fördern. Bildungsgerechtigkeit und gelungene Integration sind der wichtigste Schlüssel im Kampf gegen den Fachkräftemangel.

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