InterviewSPD-Gesundheitspolitiker zum Bordell-Hygienekonzept „Freier und Prostituierte können sich infizieren“

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Karl Lauterbach (SPD) fordert nicht nur für Coronazeiten die Schließung von Bordellen – und wartet auf eine Äußerung der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer.

Karl Lauterbach rät von Bordellöffnungen ab. Foto: dpa
Karl Lauterbach rät von Bordellöffnungen ab. Foto: dpa

Stuttgart - Karl Lauterbach ist Politiker aber auch Epidemiologe. Wenn er entscheiden müsste, würden Bordellen noch lange geschlossen bleiben. In dieser Branche tauge die Maske nicht als Schutz vor Infektion, sagt der Gesundheitspolitiker.

Herr Lauterbach, der Berufsverband der sexuellen Dienstleistungen fordert die Wiederöffnung von Bordellen und hat dafür ein dreistufiges Hygienekonzept vorgelegt. Sind Prostituierte in Fragen des Infektionsschutzes mit Physiotherapeuten und Friseuren gleichzusetzen?

Ich halte es nicht für darstellbar, dass in der Praxis des Bordellbetriebs Hygieneregeln eingehalten werden können, die in irgendeiner Weise die Sicherheit der Kunden und der Prostituierten gewährleisten. Ein Physiotherapeut arbeitet in einem kontrollierten Umfeld mit nicht anonymen Patienten. Hier wäre eine Infektionskette sehr schnell nachvollziehbar. Man könnte auch Maßnahmen ergreifen, die ihn und andere schützen würden. Er könnte mit FFP2-Masken arbeiten. Ich sehe in der Praxis der Prostitution diese Möglichkeit nicht.

Taugt das Konzept „Sex mit Maske“?

Die Übertragung des Coronavirus wird nicht nur durch die Maske verhindert. Die Abstandsregelung ist mindestens so wichtig. Bei engem Kontakt mit Maske ist die Aerosolübertragung nicht in den Griff zu bekommen. Das heißt, in den Innenräumen könnten sich die Prostituierten oder die Freier infizieren. Es ist völlig naiv zu glauben, eine Maske könnte das verhindern. Das wäre nur dann denkbar, wenn es gar keine Aerosolübertragung und nur Tröpfcheninfektion geben würde. Davon kann keine Rede sein. Deshalb halte ich das Konzept für vorgeschoben und nicht umsetzbar.

Welche Rolle spielt die Anzahl der Begegnungen pro Tag in Ihren Überlegungen?

Prostituierte würden, wenn sie jemanden infizieren, zu den Superspreadern gehören, weil sie ja an einem Tag sehr viele Kontakte haben können. Darüber hinaus ist es nicht möglich, diese Kontakte nachzuvollziehen, da sie oft anonym bleiben. Was sollte man denn dann überhaupt noch einschränken, wenn man Prostitution wieder erlaubt?

Steht für Sie die Öffnung von Bordellen aus Gründen des Infektionsschutzes am Ende aller Lockerungsmaßnahmen?

So ist es. Im Moment haben wir gerade eine günstige Lage mit einem R-Wert so gerade um den noch vertretbaren Wert. Wenn man zu viele Dinge zulässt, weil man es vielleicht gut meint, ist gut gemeint in diesem Fall nicht gut gemacht. Ich kann verstehen, wenn manche glauben, man würde den Prostituierten einen Gefallen tun. Aber das ist nicht so. Und für die Gesamtbevölkerung ist das in der Summe auch nicht so. Deshalb würde ich als Wissenschaftler und Politiker Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt nicht zustimmen.

Sie fordern die Beibehaltung des Lockdowns und machen sich für das Sexkaufverbot stark. Die Gegenseite wirft Ihnen vor, die Gunst der Stunde zu nutzen.

Ich fordere das Verbot der Prostitution unabhängig von der Situation. Ich würde das auch fordern, wenn es Corona nicht geben würde. Für mich hat Prostitution keinen Platz in Deutschland. Unabhängig davon ist es einfach falsch, sie jetzt zu erlauben.

Die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer hat sich zum Nordischen Modell im Interview mit Alice Schwarzer schon einmal positiv geäußert.

Genau. Aber jetzt ist von ihr nichts zu hören. Das finde ich von ihr besonders enttäuschend. Ihre Stimme wäre jetzt wertvoll.




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